Niemals Selten Manchmal Immer: Der beste Coming-of-Age-Film 2020 läuft jetzt im Kino

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Niemals Selten Manchmal Immer
02.10.2020 - 11:00 UhrVor 19 Tagen aktualisiert
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Mit Niemals Selten Manchmal Immer läuft seit gestern eine ganz besondere Coming-of-Age-Geschichte im Kino. Kein neuer Netflix-Film aus dem Genre kann da aktuell mithalten.

Der Coming-of-Age-Film gehört definitiv zu den Genres, die in den vergangenen Jahren zunehmend in den Streaming-Bereich gewandert sind. Gerade Netflix fährt nahezu im Wochentakt Geschichten über junge Menschen auf, die mit gebrochenen Herzen und den Herausforderungen des Erwachsenwerdens kämpfen. Doch auch im Kino gibt es diese noch, wie der wundervolle Niemals Selten Manchmal Immer beweist.

Der neue Film von Eliza Hittman feierte Anfang des Jahres auf dem Sundance Film Festival seine Premiere, ehe er seinen Weg in den Wettbewerb der Berlinale fand und mit dem Großen Preis der Jury, dem Silbernen Bären, ausgezeichnet wurde. Erzählt wird die Geschichte der 17-jährigen Autumn (Sidney Flanigan), die mit einer ungewollten Schwangerschaft und der Einsamkeit der Großstadt konfrontiert wird.

Eine stille Coming-of-Age-Geschichte in New York

In den ersten Minuten sind die Lichter der Metropole New York aber noch ganz fern. Stattdessen finden wir uns im ländlichen Pennsylvania wieder, wo Autumn ein unscheinbares Leben führt. Ihre Mitschüler nehmen sie nur dann wahr, wenn es um Hohn und Spott geht. Richtig gesehen wird sie nur von den wenigsten Menschen in ihrem Umfeld, womöglich sogar nur von ihrer Cousine Skylar (Talia Ryder).

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Mitunter wirkt es, als wäre Skylar die einzige Person auf dem gesamten Planeten, die sich in Autumn hineinversetzen kann und die Wunden sieht, die vom Rest der Welt gar nicht erst bemerkt, sondern nur weiter aufgerissen werden. Gemeinsam mit Skylar begibt sich Autumn schließlich auf den Weg nach New York, um eine Abtreibungsklinik aufzusuchen. Es folgt eine stille Odyssee durch Nacht und Regen.

Die Angst vor dem Unbekannten und der Rückkehr

Eine lange Busfahrt, gestohlenes Bargeld und die Ungewissheit vor dem nächsten Morgen: Was Niemals Selten Manchmal Immer von all den Coming-of-Age-Filmen bei Netflix und Co. maßgeblich unterscheidet, ist dieses Gefühl der absoluten Unsicherheit, das der Film weckt. Hier gibt es keine warmen, beruhigenden Farben, keinen gemütlichen Soundtrack und auch sonst nichts, an dem man sich festhalten kann.

Stattdessen bringt Niemals Selten Manchmal Immer in seiner Gesamtheit als Film genau den Moment zum Ausdruck, in dem sich Autumn dazu entscheiden muss, in den Bus nach New York zu steigen, ohne zu wissen, ob ihr in der Not ausgedachter Plan wirklich funktioniert. Nicht nur ist da die Angst vor den labyrinthischen Straßen der Großstadt. Viel größer ist die Angst vor der Rückkehr in die Einbahnstraße ihrer Heimat.

Niemals Selten Manchmal Immer

Obwohl Sidney Flanigan ihre Autumn als verschlossene Figur spielt, lässt sie keinen Zweifel daran, was es für die Protagonistin bedeuten muss, diese Reise anzutreten - für ihren Kopf, für ihren Körper, für ihre Gefühle. So schlicht der Film in seiner Struktur und seinem Aufbau wirkt, so komplex sind die Zwischentöne, die zwischen den rauen Bildern von Kamerafrau Hélène Louvart zum Vorschein kommen.

Niemals Selten Manchmal Immer und die Einsamkeit

Auch die Beziehung zwischen Autumn und Skylar lässt sich nur mit wenigen Dingen vergleichen, die es zuletzt im Coming-of-Age-Film zu sehen gab. Zwei junge Frauen finden sich plötzlich zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen Welten wieder, sind jedoch in keiner von ihnen zu Hause. Ein Umstand, der dazu führt, dass sie sich nicht nur voneinander, sondern auch von sich selbst entfremden.

Die Einsamkeit, die schon zu Beginn des Films deutlich zu spüren war, steigert sich mit jeder weiteren vergehenden Minute, bis Autumn komplett isoliert ist in der Fremde. Aufmerksam mustert Eliza Hittman ihr Gesicht in den kalten, grauen Räumen, während Julia Holters Filmmusik vorsichtig die verborgenen Emotionen der Figur über die beklemmende Anonymität der Stadtkulisse hinweg transportiert.

Niemals Selten Manchmal Immer

Besonders spannend ist dabei, wie Eliza Hittman mit der Frage nach Geborgenheit umgeht, denn dazu verstecken sich in Niemals Selten Manchmal Immer viele verschiedene Antworten, die zusätzliche Perspektiven eröffnen. Auch wenn es auf den ersten Blick so wirkt, als befänden sich die Figuren im freien Fall, tauchen da immer wieder unscheinbare, kostbare Augenblicke auf, die in eine andere Richtung gehen.

Eine Szene definiert Niemals Selten Manchmal Immer

Die Szene, die dem Film den Titel verleiht, ist das beste Beispiel dafür. Autumn bekommt im Krankenhaus Fragen gestellt, die sie mit vier verschiedenen Möglichkeiten beantworten kann: niemals, selten, manchmal, immer. Eine Routine - und gleichzeitig so viel mehr: Plötzlich gerät Autumn ins Stocken und der gesamte Film mit ihr. Was folgt, sind Tränen und ein Blick, der nie wieder aus dem Gedächtnis verschwindet.

War das jetzt Geborgenheit? Oder die pure, endgültige Einsamkeit? Vermutlich eine Mischung aus beidem - und genau das macht Eliza Hittmans Film so unglaublich stark. Einfache, klare Lösungen findet Niemals Selten Manchmal Immer nicht, obgleich irgendwo da draußen ein ausgearbeiteter Frage- und Antwortbogen existiert. Doch beim Erwachsenwerden hilft auch der nicht weiter. Alles ist deutlich komplizierter.

P.S.: Falls ihr doch auf der Couch bleiben oder generell mehr von Eliza Hittman anschauen wollt: Bei Netflix versteckt sich momentan ihr vorheriger Film, Beach Rats.

Werdet ihr euch Niemals Selten Manchmal Immer im Kino anschauen?

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