Berlinale-Höhepunkt: Netflix braucht so ein herausragendes Teenie-Drama

Sidney Flanigan in Never Rarely Sometimes Always
© Focus Features
Sidney Flanigan in Never Rarely Sometimes Always
27.02.2020 - 07:20 UhrVor 8 Monaten aktualisiert
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In Never Rarely Sometimes Always wird eine 17-Jährige ungewollt schwanger. Das einfühlsame, intensive Teenie-Drama ist Kino, das großen Streamingdiensten wie Netflix fehlt.

Als das Ultraschallgerät über den Bauch von Autumn (Sidney Flanigan) kreist, gibt es für die Teenagerin endgültig kein Zurück mehr. Das dumpfe Rauschen, das ihr die Ärztin als das magischste Geräusch beschreibt, das sie jemals hören wird, löst bei der 17-Jährigen nur stille Verzweiflung aus.

Autumn ist schwanger, ungewollt, denn von einem Vater fehlt in Eliza Hittmans neuem Film jede Spur. Der schwere Weg, zu dem sich die Protagonistin in Never, Rarely, Sometimes, Always dann entschließt, sorgte auf der diesjährigen Berlinale für einen markerschütternden, anrührenden Höhepunkt. Gleichzeitig entfaltet sich der markant inszenierte Film auf der großen Leinwand als eine Art von Kino, das gängige Streamingdienste wie Netflix, Amazon Prime & Co. viel zu selten produzieren.

Gerade auf der großen Leinwand entfalten die intimen Bilder von Never, Rarely, Sometimes, Always eine Wucht, mit der Streamingdienste kaum mithalten können. Dabei hat das Teenie-Genre bei Netflix in letzter Zeit einen ungeahnten Aufschwung erfahren.

Interessante Fakten zu Never, Rarely, Sometimes, Always

  • In all ihren Filmen widmet sich Eliza Hittman bislang den Befindlichkeiten heranwachsender Menschen im jugendlichen Alter.
  • Mit einer Bildsprache, die durch ständige Nahaufnahmen an den Gesichtern und anderen Körperpartien ihrer Figuren haftet, erzeugt die New Yorker Regisseurin eine eindringliche Körperlichkeit, die jede Emotion spürbar werden lässt.
  • Zu Never, Rarely, Sometimes, Always wurde Eliza Hittman durch einen Zeitungsartikel inspiriert, der von einer hilfesuchenden Schwangeren berichtete, die an einer Blutvergiftung durch eine Fehlgeburt gestorben ist.

Ein Werk wie das von Eliza Hittman, mit dem die Regisseurin kompromisslosen Realismus und einfühlsame Anteilnahme verknüpft, findet sich als Eigenproduktionen trotzdem viel zu selten bei Netflix & Co. Meist sind es Rückbezüge auf Genre-Elemente, mit denen populäre Teenie-Serien wie Chilling Adventures of Sabrina, The End of the F***ing World oder Locke & Key angereicht werden, um Interesse mit Horror, Mystery, Thriller oder Phantastik zu erzeugen.

Im Angesicht von soapigen Reizen wie in der spanischen Teenie-Serie Elite, spitzen Skandalen wie die Suizid-Sequenz in Tote Mädchen lügen nicht oder komödiantischen Auflockerungen wie in Sex Education scheint das Teenie-Genre bei Streamingdiensten wie Netflix vor allem oberflächlichen Algorithmen zu unterliegen.

Auch die Auswahl an Teenie-Filmen bei Netflix beschränkt sich durch Produktionen wie Let It Snow oder die To All the Boys-Reihe vor allem auf Romantik und Humor. Letzteres gibt es in Never, Rarely, Sometimes, Always höchstens bei einem Tic-Tac-Toe-Match gegen eine Henne zu sehen.

Never, Rarely, Sometimes, Always zeichnet die Verlorenheit weiblicher Jugendlicher nach

Kurz nach der Gewissheit, dass Autumn schwanger ist, hat die Jugendliche als einzige Lösung schnell eine Abtreibung im Sinn. Bei dem Vorhaben machen ihr aber die Gesetze ihres Heimatstaats Pennsylvania einen Strich durch die Rechnung. Da sie noch keine 18 Jahre alt ist, darf sie nur mit der Zustimmung ihrer Eltern abtreiben.

Eliza Hittman schildert die verzweifelten Maßnahmen, die ihre Protagonistin daraufhin ergreift, in drastischen Bildern. Erst schluckt Autumn mehrere Vitamintabletten kurz nacheinander, bevor sie sich wieder und wieder mit der Faust in den Bauch schlägt.

Never, Rarely, Sometimes, Always

Einen letzten Ausweg erhofft sich Autumn schließlich in New York, wo es eine Klinik gibt, die Abtreibungen auch bei Minderjährigen ohne elterliches Einverständnis durchführt. In Begleitung ihrer Cousine Skylar (Talia Ryder), mit der sie außerhalb der Schulzeit zusammen in einem Supermarkt an der Kasse arbeitet, bricht sie ohne Geld von der ländlichen Provinz Pennsylvanias in die Millionenmetropole auf.

Von den üblichen Schauwerten der Weltstadt bleibt in Never, Rarely, Sometimes, Always allerdings nicht viel übrig. Vielmehr verlässt sich die Regisseurin erneut auf ihre Art der körperbetonten Inszenierung, die Hittman auch schon in ihren vorherigen Spielfilmen It Felt Like Love und Beach Rats anwendete.

Anstelle von aufsehenerregenden Schauplätzen sind es in ihren Werken die Körper ihrer Figuren selbst, die von der Filmemacherin als Hauptattraktion erforscht und in ständigen Nahaufnahmen abgetastet werden.

Never, Rarely, Sometimes, Always stellt sich empathisch auf die Seite der Hauptfigur

Höhepunkt ist in dieser Hinsicht eine gefühlt endlose Szene in der Mitte der Geschichte, die dem Film seinen Titel verleiht und gleichzeitig die große Tragik von Autumns Schicksal ganz ohne allzu großen Paukenschlag entblättert. Die gesamte Essenz von Never, Rarely, Sometimes, Always steckt gewissermaßen in diesen Minuten.

Never, Rarely, Sometimes, Always

Auch wenn Eliza Hittman in ihrem Film ein gegenwärtiges Trump-Amerika umkreist, das von Abtreibungsdebatten regelmäßig in Aufruhr gerät, zeichnet das Teenie-Drama vielmehr ein universelles Bild verlorener weiblicher Jugendlicher, die in plötzlichen Extremsituationen auf sich allein gestellt sind.

Auf empathische Weise stellt sich die Regisseurin dabei voll und ganz auf die Seite ihrer Hauptfigur, die neben ihrer eigenen Selbstbestimmtheit vor allem durch ihre Cousine gestützt wird.

Auch wenn sich die Freundinnen im Verlauf des Films zu verlieren drohen, da Skylar von einem wiederkehrenden Jungen bezirzt wird, reicht das Bild einer Hand, die sich an einen kleinen Finger klammert, als Ausdruck der tiefen Verbundenheit vollkommen aus.

Welche Art von Teenie-Filmen schaut ihr am liebsten?

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