Suburbicon - George Clooney versucht, einen Coen-Film zu drehen

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"Welcome to Suburbicon", sagt eine Männerstimme aus dem Off, "A town of great wondering and exitement." Es ist der Beginn der Komödie von George Clooney, doch beschleicht einen während des Filmes das Gefühl, gerade eine Inszenierung der Drehbuchautoren zu sehen. Diese hören auf die Namen Joel und Ethan Coen und sind so etwas wie die lauteste Independent-Stimme im Blockbusterkino. Die Coens sind zudem zwei der interessantesten Regisseure unserer Zeit. Mit Filmen wie No Country for Old Men, Barton Fink oder Fargo überzeugten sie Kritiker wie Zuschauer gleichermaßen.

Achtung, Spoiler zu Suburbicon: Suburbicon kommt wie eine Mischung aus der Prämisse von Fargo (Mann lässt Frau von jemandem entführen, hier: ermoden) und dem Schauplatz von A Serious Man (Vorstadtidylle) daher. Dies ist auch nicht verwunderlich. Die Coen-Brüder schrieben das Drehbuch schon 1986, kurz nach Veröffentlichung ihres Debüts Blood Simple. Somit ist Suburbicon gewissermaßen das Original und ein Vorgänger von Fargo oder A Serious Man. Auch bei den Charakteren beschleicht einen das Gefühl, einen Coen-Film zu sehen.

Die Coen-Charaktere

Die Coen-Charaktere sind oftmals skurril, plump, ungestüm und Narzissten. Ihre Hauptfiguren haben ein Gefühl der Überlegenheit, doch fliegen sie dadurch zu nah an der Sonne und stürzen wie Ikarus in den Tod. Auch das eruptionsartige Ausbrechen von Gewalthandlungen ist etwas Typisches für Coen-Charaktere. In Suburbicon ist all das in Person von Matt Damon als Gardner Lodge zu sehen. Auch er scheitert - wie Jerry Lundegaard in Fargo - an seiner eigenen Hybris und muss den Preis dafür bezahlen. Die Gewalt bricht wie Lava aus einem Vulkan aus ihm heraus, und er fängt an, alle, die sich in seinen Weg stellen, umzubringen. Dabei wird zwar keine Häckselmaschine benutzt, sondern nach dem Vorstadt-Accessoire schlechthin gegriffen, dem Golfschläger. Dieser verhakt sich jedoch im Kopf der betreffenden Person, was eklig und komisch zugleich sein soll.

Der Coen-Humor

Auch bei der Inszenierung des Humors versucht George Clooney, sich an den Coens zu orientieren. Der vielleicht sinnbildlichste Versuch ist eine Szene, in der Matt Damon auf einem kleinen Fahrrad davon fährt. Das treffende Wort, um die Komik der Brüder zu beschreiben, ist Raffinesse. Sie schaffen es, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt, und zeigen ihren Humor subtiler. Bei der Fahrrad-Szene habe ich mich gefragt: Wie hätten es die Coens gemacht? Denn es war offensichtlich ein Versuch, einen Lacher zu generieren; das Quietschen der Kette und ein Matt Damon wie ein Äffchen auf dem Fahrrad sollten komisch wirken. Stattdessen war es plump. Eine Antwort auf die Frage ist mir bis heute nicht eingefallen. Doch wahrscheinlich hätten die Coens diese Szene effektiver genutzt und nicht versucht, den Witz direkt ins Gesicht des Zuschauers springen zu lassen.

Die Coen-Handschrift

Das Original-Drehbuch zu Suburbicon von den Coens hätte bereits eine gute Geschichte ergeben. Doch George Clooney wollte mehr, also holte er sich seinen Stammautor Grant Heslov dazu, der eine politische Komponente in den Film integrieren sollte, um einen Bogen zur heutigen Zeit zu schlagen. Diese Überarbeitung des Drehbuchs wird deutlich, da der Erzählstrang der schwarzen Familie, die in eine ansonsten weiße Siedlung einzieht, abgekoppelt von der Geschichte um Garner Lodge wirkt. Dabei sind die Vorkommnisse von einer wahren Gegebenheit inspiriert. 1957 sah sich die Familie Myers in Levittown, Pennsylvania mit dem gleichen Rassismus konfrontiert, wie er im Film dargestellt wird.

Suburbicon wirkt deshalb, als wäre er zwei Filme in einem. Auf der einen Seite haben wir das Drehbuch der Coens, die Geschichte vom Mann, der seine Frau hat umbringen lassen. Auf der anderen Seite haben wir die Auseinandersetzung mit den Schwarzen, die neu in die Nachbarschaft gezogen sind. Während die Handschrift der Coens deutlich zu erkennen ist, verliert sich die politische Auseinandersetzung in der Belanglosigkeit.

Das Clooney-Dilemma

Suburbicon ist vielleicht ein zu ambitionierter Film. Mit der Aufnahme der Black Lives Matters-Thematik macht George Clooney sein Anliegen deutlich, einen Bogen zur gegenwärtigen Debatte zu spannen. Das tut dem Film aber nicht gut, sodass das Gefühl entsteht, er habe sich überschätzt und zwei Fäden nicht miteinander verknüpfen können. Durch die Aufnahme bestimmter stilistischer Merkmale der Coen-Brüder wird deutlich, dass er sie aus nächster Nähe bei der Arbeit gesehen hat (er hat vier Mal in einem Coen-Streifen vor der Kamera gestanden). Er versucht, diesen Stil zu adaptieren, und kann sich so als Regisseur ausprobieren. Dieses stilistische Ausprobieren zieht sich durch seine Regiearbeiten, die alle unterschiedlich sind. Mit der Stilistik der Coens hat er sich diesmal eine der wiedererkennbarsten Handschriften des derzeitigen Kinos ausgesucht. Dabei macht er sich aber selber einen Strich durch die Rechnung.

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