Tatort-Kritik

Tatort - Brüder oder einmal Nidal, immer Nidal?

23.02.2014 - 20:15 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
14
2
Tatort - Brüder
© Radio Bremen/ARD
Tatort - Brüder
Vage mit Brüder betitelt ist der neue Tatort aus Bremen, der sich dem organisierten Verbrechen und dessen Druckmitteln annimmt. Heraus kommt einer der besseren Fälle des Duos, der seiner komplexen Thematik allerdings nicht gerecht wird.

In den zu den Pressematerialien gehörenden Interviews zu Tatort: Brüder tauchen zwei Wörter in den Fragen und Antworten vergleichsweise häufig auf: “krimineller” und “Clan”. Wörter, die wir darin vergeblich suchen, sind etwa “arabisch” oder “aus der Türkei stammend”. Genau dies trifft nämlich auf den kriminellen Nidal-Clan zu, den der neue Tatort aus Bremen in sein Zentrum rückt und dessen Herkunft er alles andere als neutralisiert. Während sich die PR-Verantwortlichen Mühe geben, den konkreten “migrantischen” Hintergrund (Wortlaut Pressematerial) ihres Aufhängers zu überspielen, stolpert der zu bewerbende Krimi über genau diesen. Trotzdem ist Tatort – Brüder einer der besseren Krimis aus Bremen, was vor allem an den darstellerischen Leistungen von Christoph Letkowski (Feuchtgebiete) und Dar Salim (Borgen – Gefährliche Seilschaften) sowie der, für einen deutschen TV-Krimi, vergleichsweise dynamischen Umsetzung liegt.

Plot: Eine Streife folgt einem Notruf, doch was die Polizisten vorfinden, ist ein Van, ein zusammengeschlagener Mann und die Nidal-Brüder. Am nächsten Morgen liegt Polizistin Anne im Koma, von ihrem Kollegen David (Christoph Letkowski) und dem Verletzten fehlt jede Spur. Auch als David auftaucht, bringt er wenig Klarheit in die Situation. Er wurde geschlagen und könne sich an nichts erinnern. Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) zweifeln an seiner Darstellung. Als die MG der beiden Polizisten gefunden wird, muss sich David Feigheit vorwerfen lassen. Warum hat er nicht geschossen, fragen sich seine Kollegen, die ihn von nun an wie einen Aussätzigen behandeln.

Lokalkolorit: Asaf Avidan trällert seinen Reckoning Song und gibt den emotionalen Tenor dieses Tatorts vor: Schuld, Kummer, Schmerz und Scham. Als Motiv begleitet der Song David und seine Kollegin Anne in die verhängnisvolle Nacht. Am Krankenbett hören wir die Ballade ein weiteres Mal, die danach einem anderen Team als musikalische Unterlegung dient, die uns pessimistisch gestimmt in den Abspann entlässt. Obwohl sich der Krimi zwischen den Fronten von Polizei und organisiertem Verbrechen bewegt, bleibt eine erhellende Milieuschilderung einer der beiden Seiten aus. So überwiegen in Bremen die knalligen formalen Effekte, etwa beim Musikeinsatz (auch dabei: Muse) und der Kontrastierung der chaotisch-bunten Nachtwelt, in die sich die Polizisten wagen müssen, mit dem entsättigendem Tageslicht, unter dem sie scheinbar die Kontrolle innehaben.

Unterhaltung: Tatort – Brüder lässt die Kommissare Kommissare sein und arbeitet den Fall auf dem Rücken von Christoph Letkowskis Figur des David ab, der, getrieben von Angst und Scham, zur eigentlichen Hauptfigur wird. In dem Krimi soll schließlich dargestellt werden, wie der Nidal-Clan eine Atmosphäre von Angst und Paranoia aufbaut, um Zeugen, Polizisten und Richter gefügig zu machen. Letkowskis Darstellung des hin und hergerissenen Polizisten, der seinem Job nachgehen will, aber im entscheidenden Moment versagt, stellt sich als effektivste Annäherung an die Einschüchterungsversuche heraus. Sein David ist kein Held, sondern nur ein Polizist, dem die beruhigende Unbeirrbarkeit eines Tatort-Kommissars fehlt.

Tiefgang: Aber immer wenn das Buch von Wilfried Huismann und Dagmar Gabler von der Polizei zum Nidal-Clan schwenkt, werden die gravierenden Schwächen des Tatorts offenbar. Mag Dar Salim mit seinem Hassan Nidal auch einen charismatischen Bösewicht geben, bleiben die meisten Nidals nichts weiter als Schemen im Hintergrund. Dabei bedient der Tatort, etwa in den Szenen im Gerichtssaal oder bei der Familie daheim althergebrachte Darstellungspraktiken, die traditionell Menschen auf ein abstraktes “Problem” reduzieren sollen, in dem ihnen jede Individualität versagt wird. So werden die Nidals durch ihre Anzahl und ihr uniformes Verhalten als bedrohliche, weil undurchdringliche Gruppe von “Fremden” skizziert. Ein, zwei Sätze darf mal eine Figur sagen, Ansätze einer Charakterisierung erfahren jedoch nur Hassan und sein unter anderem Namen lebender Bruder Sunny (Matthias Weidenhöfer). Spoiler: Im Umgang mit letzterem zeigt sich dann, wie schnell nachvollziehbare Charakterdynamiken zugunsten der Vereinfachung eines Feindbildes und eines Möchtegern-pessimistischen Endes fallen gelassen werden. Kein Wunder, dass das PR-Material so zaghaft mit den Begrifflichkeiten umgeht, wenn im Tatort die systematische Auseinandersetzung durch die stylische Aufbereitung von Vorurteilen ersetzt wird.

Mord des Sonntags: Ein Bad in der Tonne.

Zitat des Sonntags: “Das kommt davon, wenn man nur noch Abiturienten anheuert.”

Das könnte dich auch interessieren

Angebote zum Thema

Kommentare

Aktuelle News