Tatort Kritik

Tatort - Tote Erde und ein miserabler Krimi

Hier gibt's nix zu grinsen - Tatort: Tote Erde
© ARD/SWR
Hier gibt's nix zu grinsen - Tatort: Tote Erde

Manchmal fragt sich der Zuschauer, was zum Teufel im Kopf eines Drehbuchautoren vorgeht. Gerade beim Tatort spricht das oft für unerhörte Ideen und kreative Experimentierfreude. Nicht so bei Tatort: Tote Erde, dem neuen Einsatz des Stuttgarter Teams um Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare). Nein, dieser Tatort über Öko-Aktivisten, verknallte Staatsanwälte und buddhistische Wahrsagerinnen, die Hindu-Gottheiten anbeten, strotzt nur so vor geschmacklosen Karikaturen, überflüssigen Erzählsträngen und überspannten Plot-Wendungen.

Lokalkolorit: Stuttgart hat nicht nur beim Bahnhofsumbau so seine Probleme. Auch die Umwelt ist in der schwäbischen Metropole nicht vor den bösen Kapitalisten sicher, was die Eco-Pirates auf den Plan ruft. Vielmehr als einen nächtlichen Weinberg und Stadtbilder von der Stange bekommen wir in dem Tatort allerdings nicht zu sehen, was angesichts der Umweltthematik doch ein wenig verwundert. Aber die Verwunderung hört beim mangelnden Lokalkolorit, der einzig durch die Dialektoase Natalia Wörner am Leben erhalten wird, nicht auf.

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Plot: Ein junger Mann will einfach nur des Nachts an einem alten Brückenpfeiler herumklettern, wie das junge Männer eben machen. Einige Schüsse mit dem Luftgewehr (bzw. einer Luftpistole) später, liegt er tot am Boden, Lannert und Bootz stehen vor einem neuen Fall. Dabei haben die Gesetzeshüter schon im Privatleben alle Hände voll zu tun. Bootz’ Frau könnte tödlich krank sein (ist sie aber nicht), Lannerts Nachbarin wandert nach Südamerika aus, was der Tatort in einer ebenso unvermittelten wie wirkungslosen Abschiedsszene ausschlachtet, und Staatsanwältin Habermas (Wörner) verliert sich in einer Affäre mit dem Geschäftsmann Riether (Mark Waschke), der so perfekt wirkt, dass er Dreck am Stecken haben muss (hat er auch). Da gerät die Story rund um ein paar Umweltaktivisten, die einen Chemieskandal aufdecken und dafür mit dem Leben bezahlen, glatt ins Hintertreffen.

Unterhaltung: Aber nur fast, denn immerhin beschert uns Tatort – Tote Erde die brillante Idee einer buddhstischen Wahrsagerin mit lauter Hindu-Gottheiten im Laden, die 50.000 Euro ausgibt, um den Eco Pirates Internetpräsenz zu kaufen. Jedes Mal, wenn dieser Begriff mit völligem Ernst und einer Aura von Kompetenz benutzt wurde, musste ich laut lachen, insbesondere wenn im der selben Szene die Website der Eco Pirates zu sehen war, die, wie alle Websites im Tatort, aussieht, als wurde sie seit 1998 nicht mehr aktualisiert. Ansonsten bot dieser Tatort reichlich wenig Anlass zum Schmunzeln und noch weniger Grund, sich gespannt im Sessel vorzubeugen. Mit seiner lächerlichen finalen Auflösung, dass die buddhistische Frau Saraswati zum Riether-Klan gehört und den jungen Mann ermordet hat, um mit dem Stiftungsgeld der Firma Gutes zu tun, setzte Tatort – Tote Erde dem gelangweilten Treiben die Krone auf. Zumindest hoffe ich, dass die Versatzstücke des Krimis aus Langeweile zusammengeschustert wurden und nicht im vollen Glauben, einen cleveren Tatort abzuliefern, der Öko-Aktivisten, Piraten und auch noch dieses Internet für die ARD-Zielgruppe verwurstet.

Tiefgang: Wo wir schon beim Verwursten sind: Ich würde jetzt gern etwas über Idealisten schreiben, die übers Ziel hinausschießen und Liebespaare, die vom Zweifel wie von einem Krankheitskeim zersetzt werden. Die wahre Moral von der Geschicht’ aber lautet, dass ‘Mitbürger mit Migrationshintergrund’ diesem Tatort nur als Stoff für peinliche Karikaturen taugen, wie etwa die asiatische Putzfrau im Hotel und der Hausmeister im Studentenwohnheim unterstreichen, oder aber zum bösen Osteuropäer degradiert werden, der dann auch noch alle zwei Minuten als schmierig oder zwielichtig oder beides bezeichnet wird. Mit so etwas darf der deutsche Geschäftsmann natürlich keinesfalls anbandeln. Ich möchte hier ungern als Zeigefinger der political correctness auftrumpfen, aber wenn ein Krimi solche befremdlichen Stereotype derart konsequent von Anfang bis Ende durchzieht, ist’s mit Schönreden nicht getan, erst recht nicht, wenn der Tatort dann auch noch so hundsmiserabel ausfällt.

Mord des Sonntags: Wie der junge Mann da so an dem alten Pfeiler herumkrackselt und darüber die neue Betonbrücke zu sehen ist, findet der Tatort tatsächlich ein ausdrucksstarkes Bild. Nur leider fällt der junge Mann dann in die Tiefe und die Handlung nimmt ihren Lauf.

Zitat des Sonntags: Die Zeit ist unsere Geld.

Qualitativ ist der neue Stuttgarter Tatort ein Sturz ins Bodenlose oder seid ihr anderer Meinung?

moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.
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