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Retrospect(re)

Teil 22: Rogue Agent

23.10.2015 - 13:41 Uhr
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Tödlich, britisch, elegant.
© United Artists
Tödlich, britisch, elegant.
Ein Quantum Trost empfinden viele als herbe Enttäuschung. Ich bin da etwas anderer Meinung.

2008: Ein Quantum Trost
Mit Mr. White (Jesper Christensen) im Gepäck fährt James Bond (Daniel Craig) nach Siena, um ihn dort mit M (Judi Dench) über seine Organisation auszufragen. Doch ein Verräter innerhalb des MI6 verhilft White zur Flucht, Bond tötet den Mann, bevor er ihn verhören kann. Getrieben von Zorn und Trauer um Vesper verfolgt Bond eine Spur nach Porte-au-Prince, wo er mit der geheimnisvollen Camille (Olga Kurylenko), dem Umweltaktivisten Dominic Greene (Mathieu Amalric) und dem südamerikanischen General Medrano (Joaquín Cosio) in Kontakt kommt. Offenbar plant Greene etwas Großes, aber M ist viel mehr daran interessiert, wie rücksichtslos Bond jeden möglichen Informanten tötet. Kurzerhand entzieht sie ihm alle Befugnisse, aber dadurch lässt sich der rachsüchtige Agent nicht aufhalten.

Nach dem grandiosen Casino Royale scheiden sich an Ein Quantum Trost die Geister. Manche sagen, es ist die logische Folge aus den Ereignissen in Casino Royale und ein toller Bondfilm, andere hassen ihn bis aufs Mark. Ich stehe irgendwo dazwischen, aber um ehrlich zu sein mehr auf Seiten der erstgenannten Fraktion. Warum? Ganz einfach: Erstens muss Bond für mich nicht ständig nach den Regeln spielen und zweitens ist es nur sinnvoll, ihn nach dem grausamen Verlust seiner Geliebten ausrasten zu lassen. Das war in Diamantenfieber nicht anders; im Grunde wurde die Pre-Credit-Szene von dem ‘71er Film auf Spielfilmlänge ausgezogen. Ja, der Film hat seine Schwächen, aber muss man ihn deshalb verteufeln? Bricht man es auf das Wesentliche herunter, ist Ein Quantum Trost eine Rachegeschichte, in die sich neue Entwicklungen des Großen Ganzen weben.

So übersichtlich ist die brachiale Verfolgungsjagd nur selten.

Was man dem Film tatsächlich vorwerfen kann ist der wirre Schnitt. Vor allem in den Verfolgungsjagden - und hier insbesondere in der Eröffnungssequenz - kann man nie zu hundert Prozent sagen, ob Bond gerade von einem LKW zermörsert wurde oder nicht. Auch in den weiteren Nahkämpfen ist es oft unübersichtlich, was schade ist.

Mathieu Amalrics Bösewicht ist eine andere Art des Bond-Bösewichts, der nicht irgendwie wahnsinnig ist, sondern kühl und berechnend ist. Amalric ist ein toller Schauspieler und sein verunsichernd bedachtes Spiel könnte Greene eigentlich zu einem der Großen werden lassen. Leider lässt das Drehbuch ihm zu wenige Freiheiten, in manchen Szenen wirkt er unscheinbar. Wie Franz Sanchez oder Georgi Koskov wird er wohl (leider) ein vergessener Schurke werden.

Wer den Film zweimal gesehen hat, wird das Ende vermutlich besser verstanden haben; auf den ersten Blick ist die Auflösung der Geschichte um den entführten Ex-Freund Vespers ziemlich wirr und seltsam. Das hätte eindeutig eleganter gelöst werden können. Ebenfalls nur wenig elegant erzählt ist die Hintergrundgeschichte von Camille, die eine offene Rechnung mit Medrano hat. Und am Ende verschwindet sie einfach und kommentarlos.

Über den Sturz in die Felsspalte kann man sich streiten, technisch hätte sie wohl besser gemacht sein können. Am ärgerlichsten finde ich aber das Goldfinger-Zitat, als Greene die rothaarige Strawberry Fields (sträflich wenig genutzt: Gemma Arterton) mit Erdöl erstickt und übergossen auf dem Hotelbett zurücklässt. Diese überdeutliche Hommage ist fast schon eine Frechheit und eine billige Abkupferung.

So viel zu den wichtigsten negativen Dingen. Kommen wir zum Positiven. Da sollte erst einmal Daniel Craig gelobt werden, der zwar nicht so gut ist wie in Casino Royale, aber dennoch auf ganzer Linie überzeugt. Das hiesige Bondgirl Olga Kurylenko gibt einen guten Gegenpart zu 007 und lässt sich als Erste ihrer Art nicht von ihm verführen. Das muss gewürdigt werden. Schließlich sind sie beide auf der Suche nach Vergeltung, nur merken beide, dass es im Endeffekt nicht so befreiend ist wie sie es sich erhofft hatten. An Camille merkt man das aber deutlicher.

Die Schauplätze sind gut gewählt und bieten viel Abwechslung. Von den warmen italienischen Gefilden geht es nach Haiti, Bregenz, auf einen Abstecher zurück nach Italien und schließlich nach Bolivien, die kurze winterliche Szenerie von Russland ausgelassen. Speziell die Bregenzer Seebühne bietet einen einfallsreichen Hintergrund für die Szene, in der Bond erstmals die Reichweite der mysteriösen Organisation Quantum erkennt. Und der Zwischenschnitt mit der Tosca-Aufführung ist wirklich gut gelungen. Um in der Oper zu bleiben: Der Höhepunkt der Szene kommt, als Bond Greene und seine Leute abseits der Bühne konfrontiert. Der Ton verschwindet und nur von sanfter Musik untermalt schießt und schlägt Bond sich durch die Küche und das Restaurant, zwischendurch wird immer wieder zu der Massenerschießung auf der Bühne geschnitten. Fantastisch.

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