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Gewalt-Diskussionen

The Dark Knight Rises ist nicht schuldig

27.07.2012 - 08:50 UhrVor 9 Jahren aktualisiert
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The Dark Knight Rises
© Warner Bros.
The Dark Knight Rises
Nach dem Amoklauf in Aurora zur Premiere von The Dark Knight Rises ist die Diskussion über den Zusammenhang von Gewalt auf der Leinwand und realer Gewalt wieder entfacht. Ist das Kino im Allgemeinen und der Batman-Film im Besonderen schuld?

Nach dem Kinostart von Natural Born Killers kam es zu einigen Kriminalfällen, die unmittelbar durch den Film inspiriert zu sein schienen und deren Täter die Hauptfiguren des Films selbst als direkte Vorbilder angaben. Zwei Jugendliche sollen im März 1995 in Oklahoma nach dem Besuch des Films jemanden getötet haben. Ein Gericht sprach Oliver Stone und Time Warner mit dem Hinweis auf mangelnde Rechtsgrundlagen und Meinungsfreiheit frei. Nach dem Amoklauf in Columbine im April 1999 gerieten Computerspiele wie First-Person-Shooter sowie wieder Natural Born Killers in den Fokus der Medien, da sie nach Meinung einiger Kritiker die Hemmschwelle zur Gewalt bei Jugendlichen deutlich verringern würden.

Der Attentäter von Erfurt, der im April 2002 in einer Schule 16 Menschen erschoss, besaß laut Medienberichten einige gewaltdarstellende Filme – unter anderem Fight Club und Desperado – und spielte Ego-Shooter. Der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik, der im Juli 2011 über 75 Menschen tötete, nannte als einen seiner Lieblingsfilme Dogville. Der Film endet mit einem Selbstjustiz-Blutbad; Lars von Trier sah sich genauso wie Oliver Stone, Stanley Kubrick (Uhrwerk Orange) und Martin Scorsese (Taxi Driver) mit dem Vorwurf konfrontiert, seine Filme würden Gewalt und Mord anstacheln.

Nach dem Amoklauf in Aurora zur Premiere von The Dark Knight Rises ist die Diskussion über den Zusammenhang von Gewalt auf der Leinwand und realer Gewalt wieder neu entfacht. Nach derart schrecklichen Ereignissen kommen sie unausweichlich über uns, was einerseits richtig ist, um die aktuelle Betroffenheit zur Sensibilisierung für das Thema zu nutzen, andererseits aber auch falsch, weil schnell Schuldige gefunden werden sollen. Niemand kann in den Kopf eines Amokläufers schauen und pure Hilflosigkeit führt zu Erklärungsansätzen, die kurzschlüssig und wahrscheinlich in vielen Fällen auch bigott sind.

Ist Joker an allem schuld?
Der Attentäter von Aurora hat sich bei der Festnahme Joker genannt und auf einmal blitzen die Bilder von Heath Ledger auf, der sich mit dem Bösewicht aus The Dark Knight in die Filmgeschichte geschrieben hat. Viele Titel wurden ihm nach seinem fulminanten, weltweiten Siegeszug durch die Kinos gegeben; er ist das freie Radikal in einer ohnehin explosiven Versuchsanordnung (David Kleingers, Spiegel), der Nihilist des modernen Terrors (Adrian Keye, Süddeutsche Zeitung ); er ist das personifizierte Böse, das keine Grenzen mehr kennt. 

Nach dem Amoklauf stellt Anke Westphal in der Berliner Zeitung fest: Und ja, der Mörder von Aurora inszenierte sich als Joker. Doch was bedeutet das schon? Seit alles medial, liquid und virtuell ist, scheinen Fiktion und Realität immer mehr zu verschmelzen. Die Grenzen nicht allein zu erkennen, sondern auch zu wahren, wird künftig sicher eine der existenziellen Herausforderungen sein. Der Joker ist indes nur eine Maske und kein Motiv.

Auch Hanns-Georg Rodek von der Welt zeigt auf, dass der Amokläufer nichts von einem Joker hat. Für ihn haben die Umstände der Tat weniger mit The Dark Knight Rises zu tun, sondern mit einem Schrei nach Aufmerksamkeit, nach einer Pflicht zur Inszenierung. Sich mit allen Mitteln in Szene zu setzen, ist heute erste Bürgerpflicht, in der Schule, in der Clique, bei der Superstar-Vorauswahl, bei der Bewerbung um eine Arbeitsstelle. Holmes hat diese Lektion hervorragend gelernt. Er hat den Abend der ersten Vorführung des meisterwarteten Films des Jahres gewählt (zwei Wochen später hätte er genauso viele umbringen können, nur der Aufmerksamkeitseffekt wäre geringer gewesen), und er hat sich das Label “Joker” selbst verpasst, das die Medien von nun an verwenden werden.

Mediale Aufmerksamkeit um jeden Preis
Natürlich wird auch in den USA diskutiert und ein Kritiker stellt die Frage: Hat Batman Blut an den Händen? Ich beantworte die Frage mit einem eindeutigen Nein. Weder The Dark Knight Rises oder gar die Batman-Trilogie noch Christopher Nolan oder sein künstlerisches Konzept des absoluten Bösen sind verantwortlich für die Toten und Verletzten in Aurora. Kunst ist zwar nie unschuldig, aber sie kausal für diese schrecklichen Ereignisse zum Schuldigen zu erklären und dies als Tür zu nutzen, um Sicherheitskontrollen und Gesetze zu verschärfen, Mitternachtsvorstellungen zu verbieten oder Meinungsfreiheit einzuschränken, ist falsch.

In vielen Stellungsnahmen geht es allerdings eher um unsere Kultur des Internet-Hypes, des Mega-Events, der medialen Inszenierung von Aufmerksamkeit. Schon im Vorfeld der Premiere kam es zu ungewöhnlich radikalen Reaktionen von Fans, weil Kritiker The Dark Knight Rises nicht positiv besprachen. Mord- und Gewaltandrohungen sind mittlerweile keine Seltenheit mehr. Diese, unsere Kultur der medialen Über-Inszenierung von Ereignissen steht wohl eher auf dem Prüfstand.

Aber auch hier sollten wir vorsichtig sein und uns an die eigene Nase fassen, wie Rüdiger Suchsland auf telepolis schreibt: In drei, vier Wochen knallt der nächste Action-Thriller-Horror-Blockbuster in die Kinos. Und dann wird keiner mehr von Aurora reden. Dann wird keiner mehr Angst vor diesem Film haben, keine Sicherheitsleute werden mehr in den Kinos patrouillieren, um die Konsumenten zu beruhigen und ungestört konsumieren zu lassen. So sind die Medien, sagen jetzt viele. Nein: So sind die Menschen. Sie haben nur die Medien und die Filme, die sie verdienen.

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