The Good Doctor bei VOX: Autist im Kampf mit Klischees

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Update: Diese Kritik zu The Good Doctor haben wir bereits zur Premiere bei ABC in den USA veröffentlicht. Jetzt startet die Serie mit einer synchronisierten Fassung in Deutschland im Free-TV. Es geht los um 20:15 Uhr bei VOX in Doppelfolgen.

Monday Mornings, Emily Owens M.D., Mercy. Diese Serien sagen euch nichts? Nun, das ist wenig überraschend. Jede einzelne dieser TV-Produktionen spielte in einem Krankenhaus. Keine überlebte die 1. Staffel. Die aufgeführten Serien sind nur drei - zugegebenermaßen gute - Krankenhausserien von vielen, die versuchten an die Erfolge von Emergency Room, Dr. House oder Grey's Anatomy anzuschließen. Auch in der kürzlich gestarteten TV-Saison 2017/2018 versucht eine Arzt-Serie den Sprung in die Herzen der Zuschauer und somit weg von einer vorzeitigen Absetzung. The Good Doctor wurde von David Shore kreiert, der mit Dr. House eine der langlebigsten und beliebtesten Serien schuf, die auf den weißen Gängen eines Krankenhauses spielt. Als Hauptdarsteller konnte Freddie Highmore gesichert werden, der erst dieses Jahr seine Darbietung als Norman Bates in Bates Motel zu einem erfolgreichen Ende brachte. Zwei bekannte Gesichter des TVs versuchen sich in einem der populärsten Serien-Genres. Da kann nichts schiefgehen, denkt ihr euch? Wir geben euch die Antwort.

Krankenhaus-Serie mit Twist

Dr. Shaun Murphy (Freddie Highmore) ist nicht der typische Arzt, wie wir ihn in unserer Hausarztpraxis oder im Krankenhaus vorfinden. Neben seiner herausragenden Kompetenz sticht er insbesondere durch eine Eigenschaft heraus: er ist Autist. Zuzüglich wurde bei ihm das Savant-Syndrom (auch Inselbegabung genannt) diagnostiziert. Dieses Phänomen tritt insbesondere bei Männern mit Autismus auf und zeichnet diese durch eine überdurchschnittliche Begabung auf speziellen Gebieten (Inseln) aus. Doch kann ein Mensch mit Autismus ein guter Arzt sein - insbesondere, wenn sein Fachgebiet die Kinder-Chirurgie ist?

Autismus (in Film und Fernsehen)

Autismus ist eine neurologische Entwicklungsstörung. Menschen, bei denen diese diagnostiziert wurde, leiden - unter anderem - unter Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion und Kommunikation, inklusive eines Mangels an sozialem Verständnis. Hinzu kommt ein eingeschränktes, stereotypes, sich wiederholendes Repertoire von Interessen (Fokus auf einige "Spezialinteressen") und Aktivitäten sowie ein Bedürfnis nach Routinen und Beständigkeit. Die Darstellung von Figuren in Film und Fernsehen, die auf dem Autismus-Spektrum angesiedelt sind, ist oftmals stereotypisch. Beliebt ist das akribische Anordnen von Haushaltsutensilien, ein gänzliches Unverständnis von Ironie und der gelegentliche Wutausbruch.

Ein Autist im Kampf mit Klischees

The Good Doctor startet mit einer Sequenz, in der wir Shaun Murphy beim Verlassen seines Hauses sehen. Pedantisch ordnet er seine Zauberwürfel-Sammlung auf dem Fensterbrett, packt seine identisch zusammengefalteten Socken in seine Reisetasche und zeigt Reflexion über sein Verhalten, als er sich durch seine sorgfältig gekämmten Haare wuschelt. Mit einem auf der Grenze zum Psychotischen verlaufenden monotonen Blick läuft er die Straße hinunter und macht sich auf den Weg zum Flughafen. Er verlässt sein verschlafenes heimisches Dorf, um in einem Krankenhaus in San Jose eine Stelle anzutreten.

Während sich dort bereits der Krankenhaus-Ausschuss trifft, um über Murphys Anstellung zu diskutieren - der freundliche idealistische Präsident der Einrichtung gegen arrogante intolerante Unsympathen - kann der junge Arzt bereits nach knapp 10 Minuten Laufzeit sein Können unter Beweis stellen. Am Flughafen bricht eine Reklametafel von der Decke und verletzt einen Jungen schwer. Shaun gesellt sich fast indifferent zu einem Arzt, der bereits erste Hilfe leistet, und teilt ihm mit, dass er den Patienten wie einen Erwachsenen behandelt und somit das Leben des Jungen riskiert. Es folgt ein stilistisches Mittel, das nicht jedem gefallen wird und einem Aufklärungsvideo aus dem Biologie-Unterricht gleicht. Während Shaun den Jungen untersucht, erscheinen anatomische Grafiken auf dem Bildschirm, die uns Zuschauern den Zustand des Patienten erläutern und zudem aus den Symptomen eine Diagnose ziehen.

Während Shaun ein Leben rettet und der idealistische Krankenhaus-Präsident mit seinen zweifelnden Kollegen kämpft, stellt sich uns die restliche - für die Serie relevante - Besetzung vor. Jede einzelne Figur könnte auch einer The CW-Produktion entsprungen sein. Athletisch, attraktiv und im Pausenraum Sex habend, präsentiert sich so ein Teil. Sie sind alle irgendwie zickig und arrogant - was im Ärzte-Jargon vermutlich "zielstrebig" bedeuten soll - und als Zuschauer sieht man die Konflikte, die zwischen ihnen und Shaun entstehen werden, bereits pulsierend am Horizont.

Einer gegen den Rest

So kommt es, dass Shaun mit dem Rettungswagen im Krankenhaus ankommt, seine Diagnose verkündet und ihn jeder ignoriert. Zitat: "Er war so merkwürdig". Als er versucht dennoch zu helfen, wird er vom Sicherheitspersonal aus dem Krankenhaus geschmissen. Die zickige Ärztin (gänzlich eindimensional, wie der Rest der Nebencharaktere, weswegen das Merken der Namen überflüssig scheint), die zuvor noch Sex im Pausenraum hatte, erwähnt den "merkwürdigen" jungen Mann vor ihrem Vorgesetzten - einem weiteren arroganten Arzt. Gemeinsam holen sie ihn nach oben und Shaun kann beide von seiner Beobachtung überzeugen. Nachdem der Ausschuss bereits gegen Shaun abgestimmt hatte (der idealistische Arzt und eine unscheinbare Frau, die mit dem arroganten Oberarzt schläft, gegen den Rest) darf er sich seinen Zweiflern nochmals vorstellen. Und - ein Glück - er kann sie von sich überzeugen. Wie? Seine tragische Vorgeschichte.

Wenn Autismus nicht reicht: Häusliche Gewalt und Tod

Bereits früh sehen wir in Rückblenden, dass Shaun nicht die idyllischste Kindheit und Jugend hatte. Sein Vater konnte nie Verständnis für die Diagnose an seinem ältesten Sohn aufbringen, schlug ihn und tötete seinen Hasen. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder, der sich rührend um Shaun kümmerte, zog er in einen verlassenen alten Schulbus. Eines Tages spielten sie gemeinsam in einem abgesperrten Gebiet. Durch einen Moment der Unachtsamkeit verunglückt Shauns Bruder tödlich. Warum er Arzt werden wolle? Weil er zukünftig Kindern helfen will, sodass sie nicht wie sein Hase und jüngerer Bruder sterben, bevor sie die Möglichkeit haben, selbst welche zu bekommen. Diese rührende Erkenntnis - untermalt von semi-subtilen Streichern - führt zu einem schlagartigen Meinungswechsel bei den Mitgliedern des Ausschusses und sogar dem einen oder anderen Lächeln. "Er ist ja doch wie wir," meint man sie denken hören.

Dieser Serien-Check bezieht sich lediglich auf die 1. Folge der 1. Staffel von The Good Doctor. Wie wir TV-Fans wissen, lässt sich aus der Pilot-Folge nicht zwangsläufig eine Meinung zur gesamten Serie bilden. Der Autismus als Gimmick wirkt jedoch schon etwas abgegrast. Es ist zudem frustrierend, wie Shaun Murphy von allen Seiten Hindernisse in den Weg gelegt werden. Falls ich The Good Doctor weiterschauen würde, würde ich mich auf sentimentale Momente einstellen, in denen sich die Meinungen der anderen Murphy gegenüber ändern, bis er den ersten Fehler begeht und wieder ganz unten anfangen muss. Die unsympathischen Nebenfiguren sind unerträgliche Klischees und bereits jetzt macht sich das "Jeder-mit-jedem"-Syndrom bemerkbar, das solche Serien in der Regel erst nach einer halben Staffel befällt. Die wichtigste Frage ist jedoch, ob The Good Doctor Zuschauer davon überzeugen kann, dass Shaun Murphy in der Lage ist, als Arzt zu arbeiten. Oder stellt er eine Gefahr für seine jungen Patienten dar? Darauf lässt sich nach der ersten Episode noch keine Antwort finden. Und auch als Zuschauer hatte ich das Gefühl, dass ich - wie auch der Ausschuss - durch Murphys tragische Vorgeschichte manipuliert werden soll. Nächste Woche Dienstag werde ich wohl eher meine Emergency Room-Staffeln aus dem DVD-Regal holen.

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