Trial & Error - Pilot-Check zur bösen True-Crime-Mockumentary

Trial & Error im Pilot-Check
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Als Der Unglücksbringer: Das Leben und die Tode des Robert Durst im Februar 2015 auf HBO ausgestrahlt wurde, war der Hype genauso unglaublich wie das Gezeigte selbst. Die True-Crime-Serie profitierte nicht nur von dem wahren Verbrechen, das sie behandelte, sondern ebenso der Tatsache, dass die Geschichte des im Titel verewigten Geschäftsmann noch lange nicht auserzählt war. Einen Tag vor Ausstrahlung der finalen Episode wurde Robert Durst wegen Mordes vom FBI festgenommen, sodass die Grenze zwischen der dokumentierenden Serie und den Echtzeitnachrichten nahezu verschwamm. Auch bei der Netflix-Produktion Making a Murderer sorgte der zentrale Fall für reichlich Diskussionsstoff und zog prompt eine Verlängerung des Formats nach sich. Die Nachfrage an True-Crime-Serien ist folglich groß. So groß gar, dass NBC in den vergangenen Monaten an einer Parodie gearbeitet hat: der Mockumentary Trial & Error.

Wie bei den echten Vorbildern geht es hier um einen schrecklichen Mord, der verübt wurde. Die Frage ist bloß, von wem. Ersten Vermutungen zufolge soll niemand Geringeres als der Ehemann des Opfers, der exzentrische Poesie-Professor Larry Henderson (John Lithgow), für die Tat verantwortlich sein. Später scheint die Beweislage geradezu vernichtend: Larry hat weder ein wasserdichtes Alibi auf Lager noch gleicht sein Verhalten dem eines Unschuldigen. Im Gegenteil: Larry besitzt das außergewöhnliche Talent, mit doppeldeutigen Bemerkungen jeglichen Tatverdacht alleine auf sich zu richten. Darüber hinaus erweckt er den Eindruck, sich über den Ernst der Lage gar nicht im Klaren zu sein. Nur seine Rollerskates sind von Belang. Dass er möglicherweise soeben einen Menschen aus Fleisch und Blut getötet hat - davon will Larry nichts wissen. Generell wirken die meisten Bewohner der beschaulichen Kleinstadt East Peck in dieser Hinsicht aber etwas verpeilt.

Als hätte sich Parks and Recreation ins Metier einer True-Crime-Geschichte verirrt, reden meisten Menschen schlicht aneinander vorbei, da sie sich gar nicht erst gegenseitig zuhören. Die meisten Figuren erzählen einfach das, was ihnen gerade in den Kopf kommt. Über den Elefant, der unweigerlich mitten im Raum steht, spricht trotzdem niemand. Für die Außenstehenden, wie uns Zuschauer, wirkt es geradezu absurd, dass keiner der einzelnen Gesprächsteilnehmer das Offensichtliche anspricht. Gerade aus dieser frustrierenden Geste zieht Trial & Error allerdings jede Menge Humor und spielt diesen in herrlicher Situationskomik aus. Wahrlich clever sind zudem die erschreckenden Parallelen zu echten True-Crime-Serien, bei denen ebenfalls in regelmäßigen Abständen unerklärliche Fragen aufkommen. Wie konnte das nur keiner bemerken? Warum sagt denn niemand was? Und wie in aller Welt kann es bitteschön sein, dass solche Probleme überhaupt existieren?

Was bei Geschichten, die betont auf wahren Begebenheiten basieren, für Kopfschütteln und absolutes Unverständnis sorgt, löst in Trial & Error die meisten Lacher aus, selbst wenn es schmerzlich ist. Ohne Scham erschaffen Jeff Astrof und Matt Miller, die kreativen Köpfe hinter der Serie, eine Welt, die ausschließlich von unfassbar egozentrischen Personen bevölkert wird. Niemand würde hier je auf den Gedanken kommen, sich aufrichtig um seinen Nächsten zu kümmern. Es ist also kein Zufall, dass in dieser Serie ebenfalls eine Figur existiert, die im Angesicht der unerbittlichen Schicksalsschläge anderer in schallendes Gelächter ausbricht und sich anschließend nicht mehr beherrschen kann. Immer wieder fühlt sich Protagonist Josh Segal (Nicholas D'Agosto) wie ein Fremder, was er schlussendlich auch ist. Eigentlich stammt er nämlich aus New York und ist lediglich im Auftrag seines Vorgesetzten hier, um eines Tages auf der Karriereleiter aufzusteigen.

Unverbesserlich motiviert freut er sich auf sein neues Team und das Büro, von dem er sich ein geräumiges Eckzimmer mit toller Aussicht erwartet. Im Sekundentakt sollen Joshs Erwartungen jedoch enttäuscht werden. Bereits der Empfang am Flughafen gestaltet sich als unangenehme Niederlage. Dennoch besitzt Josh - wie alle anderen Figuren - das notwendige Vermögen, offensichtliche Missstände gekonnt zu ignorieren, sodass seine gute Laune ungetrübt bleibt. Tatsächlich ist niemand vor Ort gewillt, mit ihm auf einem produktiven Level zu kooperieren. Dennoch beschließt der etwas verlorene Agent Cooper-Verschnitt, mit der verplanten bis dreisten Einstellung seiner neuen Kollegen zu trotzen und den Fall in Angriff zu nehmen, egal in wie viele Fettnäpfchen er auf dem Weg dahin tritt. Josh strahlt dabei stets einen naiven Idealismus aus, der besonders schön im Gegensatz zur verdorbenen Bevölkerung von East Peck zum Vorschein kommt.

Trial & Error schafft folglich viele Kontraste und lässt dadurch uns Zuschauer sowie Josh empört zurück. Wenn die lokale Staatsanwältin Carol Anne Keane (Jayma Mays) mit einem Revolver problemlos durch die Einlasskontrolle im Gerichtssaal kommt, während der Protagonist der Geschichte aufgrund einer nebensächlichen Kleinigkeit streng nach Protokoll durchsucht wird, dann ist dieses Unrecht kaum zu glauben. Kaum weist Josh auf den Missstand hin, den definitiv jeder im Raum gesehen haben muss, bekommt er von den kontrollierenden Polizisten nur noch eine weitere Mahnung, die ihn in unfaire Verlegenheit bringt. Trial & Error ist wirklich fies und kennt keine Gnade, ist in diesem Sinne also ein großer Spaß, der zumindest über den Verlauf der ersten Staffel mit ausreichend Witzen aufgeladen sein dürfte, um uns für einen kurzen Moment aus der Welt schockierender True-Crime-Geschichte mit einer extrem überspitzen, bis ins Absurde gesteigerten Version dieser herauszureißen.

Werdet ihr der True-Crime-Comedy Trial & Error eine Chance geben?

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