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Tropic Thunder: Hollywood-Shitstorm im Dschungelparadies

Tropic Thunder
© Paramount
Tropic Thunder
14.08.2018 - 10:20 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
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Gestern vor 10 Jahren feierte Ben Stillers Hollywood-Satire Tropic Thunder seine Premiere. Hätte er den Film heute gedreht, wäre er wahrscheinlich nie veröffentlicht worden.

Noch bevor Tropic Thunder überhaupt in irgendeinem Kino zu sehen war, wurde er in den Vereinigten Staaten bereits kontrovers diskutiert. Als bekannt wurde, dass der frisch gebackene Iron Man-Star Robert Downey Jr. in der Komödie in der Rolle eines Schwarzen zu sehen sein würde, gingen bereits die ersten Leute auf die Barrikaden. Als der Film dann veröffentlicht wurde, wurde er zur Zielscheibe zahlreicher sozial-politischer Gruppen, die an dem Gezeigten Anstoß nahmen und zum Boykott aufriefen. Regisseur und Hauptdarsteller Ben Stiller wurde zusätzlich zu dem Debakel um Downey Jr. vorgeworfen, sich bei seinen Witzen über die Darstellung von geistiger Behinderung in Hollywood-Filmen deutlich im Ton vergriffen zu haben. Schon kurze Zeit nach der Premiere wurden landesweit Proteste organisiert. 10 Jahre nach dem US-Start fragen wir uns: War dieser Shitstorm berechtigt? Was genau mag so fürchterlich sein, dass Menschen auf die Straße gehen und sich über eine bewusst alberne Hollywood-Komödie aufregen? Und natürlich der Klassiker: Welche Grenzen dürfen beim Humor übertreten werden?

Im Bild: Humor

Tropic Thunder als ultimative Hollywood-Shitshow

In Tropic Thunder geht es um die Dreharbeiten eines gleichnamigen fiktiven Kriegsdramas, das im Universum des Filmes als heißer Oscarkandidat der Marke Platoon gehandelt wird und die Karriere des einstigen Hollywood-Superstars Tugg Speedman (Ben Stiller) revitalisieren soll. Speedman sorgte zuletzt für seine geschmacklose Darstellung eines geistig behinderten Jungen namens Simple Jack für Schlagzeilen, der einstige Box-Office-König wollte mit der Darbietung beweisen, dass er nicht nur ein Actionstar, sondern auch ein ernst zu nehmender Charakterdarsteller sein kann. Das Endprodukt war jedoch eher unfreiwillig komisch und kostete ihn seine Karriere.

Die Dreharbeiten von Tropic Thunder werden jedoch nicht nur von Speedmans schlechtem Ruf belastet, sondern auch von den anstrengenden Eigenheiten seiner Co-Stars: Proll-Comedian Jeff Portnoy (Jack Black) ist ein drogensüchtiges Wrack und der australische Method-Actor Kirk Lazarus (Robert Downey Jr.), der dem Projekt eigentlich die nötige Arthouse-Glaubwürdigkeit verleihen sollte, spielt seine Rolle des afroamerikanischen Sergeant Osiris sehr zum Ärger seiner schwarzen Schauspielkollegen konsequent in Blackface . Außerdem spricht er in einem stereotypischen Dialekt und bleibt auch außerhalb seiner Szenen immer in der Rolle. Dazu kommt, dass die Kosten für den Film bereits mehrere Millionen über dem angedachten Budget liegen und am Drehort auch noch ein sehr realer Guerilla-Bandenkrieg ausgetragen wird.

Realität und Schauspiel verschwimmen für den Cast von Tropic Thunder

Tropic Thunder wirft einen bösen Blick hinter die Kulissen

In Tropic Thunder werden so ziemlich alle erdenklichen Hollywood-Klischees süffisant auf die Spitze getrieben. Neben dem ignoranten Method-Actor, dem abgehalfterten Actionstar und dem abgestürzten Partylöwen zählen zu den Filmschaffenden auch noch der Rapper Alpa Chino (Brandon T. Jackson), der sich als Filmstar ein zweites Standbein aufbauen will, der schmierige Produzent Len Grossman (Tom Cruise in einem Fat-Suit), der unschuldige Schauspiel-Novize Kevin (Jay Baruchel) und Sergeant Tayback (Nick Nolte), ein Veteran und Autor der Buchvorlage.

Der Film ist immer dann am stärksten, wenn er die Absurdität dieser Figuren dazu nutzt, den ekelhaften Zynismus der Traumfabrik zur Schau zu stellen und genüsslich zu zerfleischen. So verrät Lazarus seinem Kollegen Speedman an einer Stelle beispielsweise, er sei mit seinem Simple Jack-Film nur deshalb gescheitert, weil er für die Academy schlicht "zu behindert" gespielt habe. Das Publikum wolle eben Figuren sehen, mit denen es sich identifizieren kann und Menschen mit schwerer geistiger Behinderung seien in ihrer "Dummheit", so Lazarus, einfach von Grund auf lächerlich. Dass Lazarus seine ganze abstoßende Ansprache so locker runterbetet, während er aussieht wie eine rassistische Karikatur aus dem 19. Jahrhundert, entlarvt relativ gut, dass in Hollywood der "Norm" entsprechende weiße Schauspieler prinzipiell so over-the-top und geschmacklos sein dürfen, wie sie wollen, solange sie von einem weißen Publikum noch als würdevoll gesehen werden.

Robert Downey Jr. als Kirk Lazarus als Sgt. Lincoln Osiris

Geht Ben Stiller in Tropic Thunder schon zu weit?

Als Krönung für Downeys Darbietung eines australischen Mannes, der in Blackface einen Afroamerikaner verkörpert, gab es für den heutigen Superstar sogar eine Oscar-Nominierung, worüber sich Ben Stiller und seine Co-Drehbuchautoren Justin Theroux und Etan Cohen möglicherweise sogar mehr gefreut haben könnten als er selbst. Ob die Academy damit Selbstironie bewiesen hat oder dort einfach genau jene taube Nüsse sitzen, über die sich Stiller und Co. in ihrem Film mokieren, sei dahingestellt.

Nick Nolte als armloser Veteran

Der Humor in Tropic Thunder mag häufig eng an der Grenze zur Geschmacklosigkeit entlangschrammen, es ist jedoch von der ersten Sekunde an klar, dass das Ziel der Witze immer die privilegierten Hollywood-Schauspieler sind und nicht die Bevölkerungsgruppen, über die sie herziehen. Dass die Wortwahl der eigentlich ach so liberalen Figuren so drastisch ausfällt und ihr Weltbild als abscheulich und ignorant enthüllt, mag für den ein oder anderen Zuschauer schwer verdaulich sein, die Aussage, die Stiller hier macht, ist aber eigentlich unmissverständlich. Dass er sich bei manchen Szenen, insbesondere der oben genannten, auf dünnem Eis bewegt und Gefahr läuft, Betroffene zu beleidigen und für Schocklacher zu missbrauchen, erklärt sich von selbst, zumindest sein Mut, so weit zu gehen, ist aber auch bewundernswert.

Könnte man Tropic Thunder heute noch drehen?

Sieht man Tropic Thunder heute, knapp 10 Jahre nach seiner Premiere, fragt man sich schon, ob es überhaupt noch möglich wäre, einen solchen Film im aktuellen Studiosystem zu drehen. Kontroverse ist im Grunde nichts Schlechtes und Kunst sollte diskutiert werden. Betrachtet man aber einige Beispiele aus den vergangenen Jahren, wird schnell klar, dass immer mehr Zuschauer Comedy, die ihr Weltbild angreift, strikt ablehnen. Weil sowas natürlich auch immer mit einem niedrigeren Einspielergebnis verbunden ist, gehen die Studios also lieber auf Nummer sicher.

Tom Cruise und Bill Hader als schmierige Studio-Drohnen

Kürzlich gab es einen Aufschrei aufgrund der bei uns noch nicht gestarteten Komödie Show Dogs mit Will Arnett, in der ein Hund gegen seinen Willen an seinen Genitalien untersucht wird. Das sorgte in den USA für einen Shitstorm und führte letztendlich zur nachträglichen Änderung der Szene (Quelle: Forbes ). Dem Amy-Schumer-Spaß I Feel Pretty und der Netflix-Serie Insatiable wurde noch vor Release Fat-Shaming vorgeworfen und eine Szene in Peter Hase sorgte gar für Boykott-Forderungen von gereizten Allergikern und deren Eltern. Man möge sich nur vorstellen, was passieren würde, wenn Stiller und Co. eine Tropic Thunder- Fortsetzung entwickeln würden, in der Downey Jr. wieder in eine ähnliche Rolle schlüpft wie im ersten Teil. Die Leute würden wahrscheinlich durchdrehen - und das wieder aus den unterschiedlichsten Gründen.

Was haltet ihr von Tropic Thunder?

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