Twitter und Co. sind nicht das Ende der Filmkritik

David Lynch & Avengers 3: Infinity War
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David Lynch & Avengers 3: Infinity War
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David Lynch ist bekanntlich kein großer Freund allzu moderner Phänomene. So äußerte er bereits vor einer Weile sein Unverständnis über Zuschauer, die Filme und Serien über das Display ihres Smartphone schauen. Ein derart kleiner Bildschirm sei nicht annähernd dazu in der Lage, einer Person ein vergleichbar soghaftes Erlebnis zu ermöglichen wie es die klassische Leinwand im Kino könne. Wenig überraschend steht der Co-Schöpfer von Twin Peaks auch sozialen Netzwerken wie Twitter eher skeptisch gegenüber, wie er nun auf dem Festival of Disruption in New York verriet. Dabei wetterte der 72-Jährige insbesondere gegen den Trend vieler Internetnutzer, nach dem Ansehen eines Werks schnellstmöglich ihre Meinung darüber in wenigen Worten via Twitter kundzutun. Solange sie "kein Poet" sei, könne eine Person dabei nur scheitern, so Lynch (via Indiewire).

Filmkritik der Extreme

Mit den Aussagen des Regisseurs zu sympathisieren, fällt zunächst ziemlich leicht. Schließlich sind soziale Medien nicht selten der Ort, an dem sich ein gewisses Meinungsklima formt, während ausführlichen Kritiken vor Kinostart oftmals noch ein Riegel durch Presse-Embargos vorgeschoben ist. Hier geht es der Natur nach um allererste explosive Eindrücke zu einem kommenden Blockbuster, was theoretisch sehr spannend sein kann, in der Praxis aber zumeist frustriert - denn zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt gibt das Betrachtungsspektrum im Rausch der Gefühle nur selten etwas her. Viele Filme werden entweder sofort als moderner Klassiker ihres Genres ausgerufen oder Fehltritt des Jahrhunderts abgestempelt. Tweets wie etwa der des Journalisten Ryan Parker - er bezeichnete Avengers 3: Infinity War spontan als einen der besten Filme, den er je gesehen hat -, finden sich unmittelbar nach Filmpremieren jedenfalls zuhauf.

Der Grund für die Radikalität solcher frühen Stimmen liegt praktisch auf der Hand: Die Kritiker durften in überschaubarer Runde vor dem zahlenden Publikum einen mit Spannung erwarteten Film schauen. Das ist bereits für sich betrachtet ein spezielles Erlebnis, also soll das Werk selbst nicht dahinter zurückbleiben. Am Ende einen besonders guten oder wenigstens besonders schlechten Film gesehen zu haben, entspricht in vielen Fällen wohl in erster Linie dem Wunsch des Rezensenten. Hauptsache, kein ödes Mittelmaß! Hätte Ryan Parker Infinity War auch aus dem Stand heraus zu einem Lieblingsfilm erhoben, wenn er den Marvel-Hit erst drei Wochen nach Kinostart allein in einer Nachmittagsvorstellung gesehen hätte? Vielleicht, aber die Wahrscheinlichkeit ist beträchtlich geschmälert.

Auch David Lynch weist darauf hin, dass die persönliche Rezeption Schwankungen unterliegt. Die berüchtigte Tagesform beeinflusst, wie wir einen Film empfinden - ebenso tun es etwaige Mitschauer um uns herum im Kinosaal oder auf dem heimischen Sofa, ganz zu schweigen von der Größe des Bildschirms. So kann derselbe Film 1000 Gesichter besitzen und jedes Mal lernen wir ein anderes kennen. An dieser Stelle zeigt Lynch auch explizit die Grenzen der Filmkritik als Institution auf. Wie er ausführt, sei es angesichts der obligatorischen Ambivalenz von Kunst eigentlich sogar besser, gar nichts zu sagen beziehungsweise zu schreiben und stattdessen einfach in der emotionalen Reaktion auf ein Werk zu schwelgen:

Meine Filme sollen mir etwas bedeuten, aber ich muss nicht jedem sagen, worin diese Bedeutung liegt. Ich sage immer, das ist wie mit einem Autor, der verstorben ist. Du kannst ihn nicht ausgraben und ihn fragen, was er mit seinem Buch sagen wollte. Du hast nur das Buch.

Filmkritik ist wichtig - egal in welcher Form

Es stellt sich also nunmehr die Frage, ob jedwede Filmkritik automatisch null und nichtig ist, weil sie ihrem zugrunde liegenden Gegenstand nie vollumfassend gerecht werden kann. Lynch bejaht dies offenbar, doch faktisch bedeutet sein Standpunkt das Ende jeglicher Diskussion. Eine Analyse muss nicht sämtliche Aspekte eines Films erkennen und aufzeigen, um eine Daseinsberechtigung einfordern zu dürfen. Vielmehr liegt der Reiz des Austauschs gerade darin, dass jeder Mensch Filme anders betrachtet und so erst durch die Summe aller Meinungen ein bunter Blumenstrauß der Subjektivität entsteht. Dies ist unbedenklich, solange die Ansicht eines einzelnen eben nur für diesen und nicht wie ein Gesetz gilt. Die ernsthafte Auseinandersetzung mit abweichenden Betrachtungsweisen dient im Idealfall sogar der Erweiterung des eigenen Horizonts.

Tatsächlich scheint es manchmal wie ein unwiderstehlicher Drang, dem Rest der Welt seine Begeisterung über einen Film aufs Auge drücken zu wollen. Und was käme da gelegener als Plattformen wie Twitter? Mit etwas Abstand flacht die Euphorie häufig wieder ab, doch das ist noch kein Grund, sich selbst einen Maulkorb zu verpassen. Was wir jedoch stärker berücksichtigen sollten, ist die Natur solcher Kurzmeldungen: Sie sind aus einem Affekt heraus geboren und daher umso unzuverlässiger. Wie Lynch selbst ergänzt, ist jede innere Reaktion auf einen Film stets legitim. Dann aber darf es ebenso wenig Sünde sein, diese auszudrücken, zumal das Niederschreiben persönlicher Gedanken gerade auch zur Ordnung eben jener beitragen kann - sei es in 280 Zeichen oder 20.000.

Stimmt ihr mit den Aussagen von David Lynch überein?

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