When They See Us ist die erschütterndste Netflix-Serie des Jahres

When They See Us
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Moviepilot Team
Beeblebrox Matthias Hopf
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Redakteur bei Moviepilot. Schaut zu viel ins Internet, mag den Weltraum und fühlt sich auf Tatooine genauso zu Hause wie in Hogwarts und Mittelerde.

1989 wurden fünf schwarze und hispanische Jugendliche für den Überfall und die Vergewaltigung einer weißen Frau im Central Park verantwortlich gemacht und als Täter verurteilt. Zwischen 6 bis 13 Jahren verbrachten sie daraufhin im Gefängnis, ehe 2002 der wahre Täter ein Geständnis ablieferte und alle Anschuldigungen gegen die fünf Jugendlichen aufgehoben wurden.

Doch wie konnte es so weit kommen?

Es ist eine von vielen unangenehmen, schmerzlichen Fragen, die Ava DuVernay in der Netflix-Serie When They See Us stellt. In vier Episoden taucht sie in die Vergangenheit ein und erzählt ein packendes Drama, das sich mit einem fehlerhaften System und den daraus resultierenden, verheerenden Folgen für das Individuum beschäftigt. Es sind vier erschütternde Episoden.

Die wichtigsten Fakten zu When They See Us

When They See Us teilt sich somit in zwei große Hälften auf. Im ersten Teil beleuchtet Ava DuVernay, die bei allen vier Episoden als Regisseurin und Co-Autorin fungierte, die Geschehnisse des 19. April 1989 - also jener Nacht, in der Trisha Meili im Central Park überfallen und vergewaltigt wurde. Doch das ist nur der Beginn einer zermürbenden Reihe von Ereignissen, die in Blaulichtern und überstürzten Entscheidungen endet.

When They See Us - Die verschwommen Erinnerungen

Kameramann Bradford Young illustriert die Tatnacht absichtlich nur in wenigen Fetzen, sodass die Erinnerungen am nächsten Tag nicht nur bei den Figuren, sondern auch bei uns Zuschauern verschwommen sind. Spärliches Licht und Silhouetten, die durch den Park rennen - sehr viel konkreter wird es nicht. Dennoch pocht die Staatsanwältin Linda Fairstein (Felicity Huffman) auf schnellstmögliche Fortschritte in dem Fall.

Die fünf Jungen, die von der Polizei auf der Straßen eingesammelt werden, haben keine Chance gegen die fragwürdigen Methoden im Verhör. Der Druck ist gewaltig, die Angst noch größer. Die Wahrheit hat an diesem Punkt schon gar keinen Platz mehr in den Notizbüchern: Niederschmetternd sind die Bilder, die von einem System erzählen, das tief in seinem Inneren kaputt ist und an einem notdürftig zusammengeschusterten Narrativ festhält.

Wo eben noch mit falschen Annahmen gehandelt wurde, dienen diese kurze Zeit später als Grundlage für ein vernichtenden Urteil. Zuerst sind es die Medien, die den Fall entscheiden, dann das Gericht: Trotz aller Zweifel hinsichtlich des Tathergangs und einer exakten Timeline jener Nacht ist die Maschine der Ungerechtigkeit nicht mehr aufzuhalten. Einmal in Gang gesetzt, walzt sie alles nieder.

When They See Us - Der Schrecken der Ungerechtigkeit

Es ist zerreißend, diesen Prozess zu verfolgen, der in einer Niederlage vor Gericht und schließlich im Übergang zum zweiten Teil der Miniserie mündet. Nach dem Urteil verfolgt Ava DuVernay die einzelnen Schicksale der fünf Jungs, die nun von den älteren Schauspielerin verkörpert werden und nach den Mühlen der Justiz nicht nur dem Gefängnis, sondern auch einem Netz aus Widersprüchen trotzen müssen.

"They made us lie", hallt einer der entscheidenden Sätze der ersten Episoden später durch die trostlosen Gänge des Zellentrakts. Der einzige Weg, dieser Hölle zu entkommen, ist die Lüge zu bestätigen, das Urteil zu akzeptieren und die Wahrheit aufzugeben. Doch dieses Mal sieht Bradford Youngs Kamera genau hin, lässt keinen Zweifel an dem Schrecken, der den Unschuldigen widerfährt und sie für immer verfolgen wird.

Der Bezug zur Gegenwart blitzt dabei in jeder Facette der Miniserie durch. Damals forderte Donald Trump die Todesstrafe, heute sitzt er im Weißen Haus. Bereits in Selma und der ebenfalls bei Netflix entstandenen Dokumentation Der 13. bewies Ava DuVernay nicht nur ein Gespür dafür, brisante Themenkomplexe wie den institutionellen Rassismus facettenreich und emotional aufzuschlüsseln, sondern in diesen ebenfalls das gegenwärtige politische Klima in den USA spiegeln.

When They See Us - Eine Stimme für die Unschuldigen

Die vielen stillen Niederlagen in When They See Us entfalten deswegen im Verlauf der vier Episoden eine so bedrückende Wucht, weil sie auch drei Dekaden später relevant sind. Es existiert nach wie vor Redebedarf über das, was am 19. April 1989 passiert ist, selbst wenn die zu Unrecht Verurteilten nach einer langwierigen Klage gegen die Stadt New York im Jahr 2014 mit der stattlichen Summe von 41 Millionen US-Dollar entschädigt wurden.

Doch um Zahlen geht es Ava DuVernay nicht. Sie können nicht reparieren, was bei all den Grenzüberschreitungen kaputtgegangen ist, um die sich When They See Us dreht. Die Behörden sind gescheitert, die richtigen Fragen zu stellen, während das gesamte Land zugesehen hat - und trotzdem konnte niemand Korey, Antron, Kevin, Yusef und Raymond vor ihrem grausamen Schicksal beschützen.

"When do we get a voice?", lautet die klagende Fragestellung im zweiten Teil der Miniserie, während Korey und die anderen hinter den dicken Gefängnismauern verschwinden und außerhalb des Blickwinkels der Öffentlichkeit nichts als Folter und Strafe erfahren, für eine Tat, die sie nie begangen haben. Als Antwort darauf versteht Ava DuVernay die Serie selbst: Alle vier Episoden fokussieren in erster Linie auf die Jugendlichen und geben ihnen eine Stimme.

When They See Us - Das Leben zwischen Wahrheit und Lüge

Wo die Gerichte, die Medien und die Gesellschaft längst mit dem Fall abgeschlossen haben, entdeckt When They See Us in der hoffnungslosesten Stunde die Menschlichkeit in seinen Protagonisten. Sie bestehen nicht nur aus den Schlagzeilen, die genauso schnell vergessen sind, wie sie für Aufruhr gesorgt haben, sondern sind Menschen aus Fleisch und Blut, mit einem Gesicht, mit einer Stimme, mit einer Identität.

Beschuldigt aufgrund von falschen Annahmen kämpft Korey bis zum Schluss im Gefängnis für seine Wahrheit, selbst wenn er dafür nur noch mehr Qualen in Kauf nehmen muss. Die Alternative wäre, eine Lüge zu leben - und das will er auf keinen Fall. Ava DuVernay findet in diesem Widerstand nicht nur Stärke, sondern vor allem Hoffnung. Mit dieser Geste endet dann auch When They See Us, eine der besten Netflix-Serien des Jahres.

Die komplette Miniserie When They See Us ist ab heute, 31.05.2019, komplett auf Netflix verfügbar. Als Grundlage für diesen Serien-Check diente alle vier Episoden.

Werdet ihr euch When They See Us auf Netflix anschauen?

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