Wir müssen lernen, mit sexuell übergriffigen Prominenten umzugehen

James Franco in The Disaster Artist
© Warner Bros.
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Hält sich jung mit Coming-of-Age-Filmen.

Nach Harvey Weinstein fing die Arbeit erst so richtig an. Der schmierige, grabbelnde Studioboss erfüllte ein Klischee, und die ruckartig entfesselten Anschuldigungen und Vorwürfe gegen ihn rannten offene Türen ein. Aus dem einflussreichen Produzenten mit beachtlichen Errungenschaften im amerikanischen Kino ab den 1990er Jahren wurde im Handumdrehen der schamlose Grapscher, womöglich ein Vergewaltiger, in jedem Fall ein Mensch der übelsten Sorte. Die Integrierung angeblicher sexueller Übergriffe in die öffentliche Identität nahmen wir bei dem Schauspieler Dustin Hoffman schon mit größerem Widerstand vor. Die Fälle von Louis C.K. und Kevin Spacey erforderten bald darauf die ersten echten Kraftakte. Fans und Sympathisanten wanden sich bei der Einbindung einer neuen Konstante in die Identitäts-Gleichung der beliebten und geachteten Künstler. Der Rechenprozess im Fall James Franco dauert jetzt noch etwas länger. Weinstein war 1 plus 1. Franco ist 7347838745 mal 34432355.

James Franco, Ivy League-Absolvent, Regisseur, Schriftsteller, Gründer, Schauspieler, Kiffer, Oscar-Kandidat, wird von fünf Frauen vorgeworfen, sich ihnen gegenüber unangebracht verhalten zu haben. Er habe seine Macht als prominenter Künstler und Mentor ausgenutzt, schreibt die LA Times. In der Late Night-Show von Stephen Colbert kommentierte Franco zuvor erste Vorwürfe. Das, was er bei Twitter über sich und sein angeblich unangemessenes Verhalten gegenüber Frauen aufgeschnappt habe, sei nicht korrekt. Aber: "Wenn ich etwas Falsches getan haben sollte, werde ich es in Ordnung bringen. Das muss ich." Wie die Vorwürfe gegen James Franco in seine Karriere und unmittelbar auch in die Kampagne zu seinem Oscar-Film The Disaster Artist einfließen werden, lässt sich jetzt noch nicht sagen - und das ist ein gutes Zeichen. Eine radikale Exkommunizierung wie bei Louis C.K. und Kevin Spacey blieb bislang aus. Die Stimmung um Franco ist unentschlossen, aber wachsam. Aussagen und Kommentare von Beteiligten werden derzeit gesammelt und wiedergegeben. Die Öffentlichkeit befindet sich in einer abwartenden Bewertungshaltung.

Die Trennung zwischen Künstler und Privatperson führt zu nichts

Die Anschuldigungen gegen bekannte Film-Persönlichkeiten, die unmittelbar auf Harvey Weinstein folgten, zwangen uns zu schnellen Reaktionen und moralischen Entscheidungsprozessen, in denen wir nicht geübt waren. Über Jahrzehnte bestehende Fernbeziehungen zu Lieblingsschauspielern mussten Vorwürfen "irgendwelcher" Frauen und Männer standhalten, die entsetzliche Dinge über sie behaupteten.

Wir suchten nach Wegen, mit den Anschuldigungen gegen Kevin Spacey umzugehen. Ob die richtig waren, darum ging es zunächst nicht. Aber eine Beschäftigung mit der Frage, wie wir künftig die Filme eines Schauspielers schauen können, der womöglich jahrelang teilweise minderjährige Kollegen belästigte, war nötig und wichtig. Doch viele Fans flüchteten sich aus dem Zwiespalt mit dem Verweis auf eine doch selbstverständliche Trennung zwischen Privatperson und Künstler.

Ridley Scott umging diesen Spagat (und ersparte ihn den Zuschauern) und löschte Spacey aus seinem Film Alles Geld der Welt. Aus Sieben und Die üblichen Verdächtigen lässt Spacey sich nicht löschen, weshalb wir uns wohl oder übel mit ihm und den Vorwürfen gegen ihn beschäftigen müssen, wenn wir diese Filme in dem neuen Kontext, der sie umgibt, genießen, was fraglos erlaubt ist. Das Genießen. Das heißt aber nicht, die im Raum stehenden Vorwürfe zu ignorieren und abzuspalten von der Star-Persönlichkeit. Es ist unbedingt erforderlich, sich von diesen alten Verhaltensweisen zu lösen, obschon sie bequemer erscheinen als die Alternative.

Denn wieso sollten wir gerade jetzt und in diesem Punkt trennen zwischen Privatperson und Künstler? Unter jedem Geburtstagsporträt über eine bekannte Persönlichkeit werden zahlreiche Kommentare geschrieben und Glückwünsche formuliert, meist informell und kumpelhaft, als Ausdruck einer einseitigen Duzfreundschaft. Dabei ist der Geburtstag eines Prominenten ebenso wenig oder ebenso viel ein privates Ereignis wie sein Vergehen an einem anderen Menschen. Sexuelle Belästigung ist schon deshalb keine Privatangelegenheit, weil es mindestens einen weiteren beteiligten Menschen gibt, das Opfer. Harvey Weinstein, Kevin Spacey und nun womöglich auch James Franco überschritten die Linien des Privaten zu ihren Opfern in beruflichen Kontexten - auf Film-Sets, in Büros oder in Unterrichtsräumen, oft auch unter Zeugen und deren Billigung.

Das Bewahren der Reinheit der Popkultur

Zudem befindet sich ein Prominenter wie Kevin Spacey oder James Franco in einem Zustand ständiger Kommunikation mit der Öffentlichkeit. Alles, was er tut und sagt, fließt in sein öffentliches Image und sein Prestige ein, das darüber entscheidet, ob Studios und Regisseure Filme mit ihm besetzen wollen oder nicht, und ob die Öffentlichkeit ihn mag oder nicht. Der Prominente überlässt willentlich einen Teil seiner Identität und Persönlichkeit der Öffentlichkeit. Er profitiert von dem Handel mit seinem Privaten in den Medien, und das lässt sich eben nicht in dem Moment wegsperren, in dem es bequemer ist und ihm entgegenkommt. Brett Ratner, Kevin Spacey, Louis C.K. und nun James Franco selbst hinterfragen diese Ökonomie des Ruhms auch gar nicht. Tatsächlich forderte kein einziger Prominenter im Laufe der Debatte sein Recht ein, zwischen Privatem und Beruflichem zu trennen. Das waren immer nur die Fans und Zuschauer.

Und das ist nachvollziehbar, aber eben falsch. Das Kunstwerk wächst aus dem Künstler heraus, es ist untrennbar mit ihm verbunden. Begegnen sich zwei Gegenstände, gehen beide verändert aus dieser Berührung hervor. Sie haben eine gemeinsame Geschichte.

In der Forderung nach Trennung zwischen Privatperson und Künstler äußert sich der Wunsch nach Unschuld und Reinheit in der Popkultur. Die Beschäftigung mit Schuldfragen lockt den Zuschauer in einen persönlichen moralischen Zwiespalt, zwingt ihn zu einer privaten Entscheidung und Wertung, um die zu vermeiden wir bereit sind, die Taten eines geliebten Stars ebenfalls privat sein zu lassen. Aber zu behaupten, der sexuelle Übergriff eines Stars sei seine private Angelegenheit, ist nichts weiter als die Flucht vor der notwendigen Beschäftigung mit dem Problem selbst. Die bedingungslose Trennung zwischen Privatem und Beruflichem nützt nur möglichen Tätern und bereits Beschuldigten und zerstreut den Blick.

Die Abwendung von möglichen Tätern ist auch die Abwendung von Opfern


Richard Beck nennt bei Vox die Sackgassen, in die wir auf solchen Gedankenpfaden bereitwillig steuern, "moralische Panik". Gemeint ist damit auch die Warnung, in der #MeToo-Bewegung verberge sich eigentlich eine ungebändigte Hexenjagd, die unschuldige Machtmenschen mit in den Schuldstrudel reißt. Der Fall Harvey Weinstein und die #MeToo-Bewegung lösten eine flächendeckende Überprüfung feststehender Vorstellungen aus. Die Anschuldigungen gegen Prominente müssen dabei ebenso in Zweifel gezogen werden wie die Prominenten selbst. Eben das fordert die Bewegung: genau hinzuschauen, jeden Stein umzudrehen. Wir kommen da ebenfalls nicht drumherum. Um das Beobachten, Überprüfen, Beurteilen und darum, unser Denken und Lieben der unerbittlichen Realität - und sei sie noch so kompliziert und unbequem - anzupassen. Uns den Vorwürfen zu stellen. Auch als Fans der Stars.

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