Kevin Spacey und die Komplizenschaft mit uns Zuschauern

Kevin Spacey in House of Cards
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the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Nur zweieinhalb Stunden lagen zwischen der Veröffentlichung des Berichts und der Entschuldigung. Er wurde erwartet. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegenüber Kevin Spacey seit der Nacht auf den 30. Oktober ausbreiten sowie die personellen Konsequenzen, die sie mit seismischer Kraft nach sich ziehen, hat dennoch etwas grausam Atemberaubendes. Nicht etwa weil Spaceys erzwungener Abgang aus dem früheren Netflix-Flaggschiff House of Cards oder die Pausierung der Fertigstellung von Gore zu bedauern wären. Es verschlägt einem vielmehr den Atem, dass erstens ein manipulatives wie destruktives Verhaltensmuster dieser Art drei Jahrzehnte ungesühnt blieb, ja sogar mit Oscars, Tonys und Golden Globes gedankt wurde, und es zweitens weniger als eine Woche brauchte, um das Kartenhaus in sich zusammenfallen zu lassen. Broadway-Veteran Anthony Rapp machte den Anfang mit seinem Vorwurf, Spacey habe ihn sexuell belästigt, als Rapp erst 14 Jahre alt war. Theaterkollegen aus London, Mitarbeiter von House of Cards und andere unterstrichen und erweiterten die Vorwürfe. Ein Muster des unbekümmerten Missbrauchs von Macht zeichnete sich ab, von den Tagen am Broadway in den 80er Jahren bis zum Set von House of Cards in Maryland.

We need to talk about Kevin

Er stünde auf den Schultern jener mutigen Frauen und Männer, schrieb Anthony Rapp bei Twitter, die seit dem Skandal um Filmproduzent Harvey Weinstein das Schweigen über die weit verbreitete sexuelle Belästigung und Gewalt in der US-Filmindustrie gebrochen hatten. Anders als ein Weinstein oder Brett Ratner bot Kevin Spacey seinen Filmen und Serien ein Gesicht. Millionen Zuschauer verfolgten seinen Aufstieg zum Filmstar. Seine Figurennamen zieren moviepilot- und Twitter-Profile, seine Filme Lieblingslisten. Zwei, drei moderne Klassiker des Kinos finden sich in seiner Filmografie. Eng verzahnt war Spaceys Karriere in den 90er Jahren mit jenen Mid-Budget-Dramen, nach denen wir uns heute sehnen, und dem Independent-Boom um Park City und Miramax. Seit 2013 lud er sardonisch herablassend ein zur Content-Offensive von Netflix; Frank Underwood saß da in der Lincoln-Pose. Er blickte, statt auf die National Mall, auf die angezettelte Revolution im Serien-Geschäft.

House of Cards markierte eine Rückkehr zu dem Rollentypus, der aus dem Charakterdarsteller einen Filmstar gemacht hatte. Bösewichte waren sein Markenzeichen, die so unterhaltsam manipulierten, dass man sie siegen sehen möchte. Mit Underwood, auch so einer, wurde die logische Zuspitzung der nuancierten Antihelden des vorangegangenen goldenen Serienzeitalters vollzogen. Nun bietet Kevin Spaceys Filmografie das Tor für Psychologisierung aus der Distanz. Zu lesen ist da vom Schauspieler, der für seine Schurkengestalten aus dem eigenen Leben schöpfen konnte - was Schauspielkunst an sich und den Zuschauer, der Freude daran hat, in Verruf bringt, und auf der allzu beruhigenden Annahme basiert, Sexualstraftäter sähen sich in der Gleichung stets als Schuldige.

Die Komplizen von Frank Underwood

Nun mag jeder unterschiedlich dazu befähigt und willens sein, die Persönlichkeit und Biografie eines Filmschaffenden im Kino auszuklammern. "Kann ich jetzt noch House of Cards schauen", hallt es aus vielen Kommentarspalten, erst recht nachdem Kevin Spacey beschuldigt wurde, Produktionsassistenten der Serie sexuell belästigt zu haben. Eine Antwort darauf kann jeder selbst finden angesichts eines Mediums, an dessen Entstehung so viele Menschen beteiligt und dessen Oberfläche sich doch so schnell auf wenige reduzieren lässt.

Mit seinen sarkastischen Blicken in die Kamera und Kommentaren, die die vierte Wand genüsslich brechen, machte Frank Underwood uns Zuschauer auf seinem Weg ins Weiße Haus von der ersten Folge an zum Komplizen. Diese Ansprache des Zuschauers als Mitwisser seiner Intrigen entnimmt die Serie dem britischen Original. Sie speist sich auf einer weiteren Ebene aus Spaceys filmischem Kanon. Seine berühmtesten Figuren entwickeln eine sonderbare Nähe zum Zuschauer. Sie stehen über der Handlung, dirigieren und kommentieren das Geschehen, verzerren es womöglich nach Belieben. Wähnt man sich gleichauf mit ihnen, wie Detective Mills (Brad Pitt) in Sieben, wird einem die angenommene Kontrolle doch noch entrissen. Der Serienkiller John Doe wirkt über seinen Tod hinaus als wahrer Spielleiter in der Hatz von David Fincher. Verbal Kint spinnt in Die üblichen Verdächtigen seinen tarantinoesken Gangstergarn, als säße der Drehbuchautor selbst im Büro von Zoll-Agent Dave Kujan (Chazz Palminteri).

Lester Burnham, Protagonist der Vorstadt-Rachefantasie American Beauty, berichtet uns aus dem Jenseits von seinem Erweckungsmoment ob der eingebildeten Verführung durch eine minderjährige Cheerleaderin. Wenig überraschend ist American Beauty von diesen Filmen am übelsten gealtert, schon lange vor Bekanntwerden der Vorwürfe. Der Film nach einem Drehbuch von Alan Ball entsprang wie auch Fight Club, Matrix oder Breakfast of Champions der maskulinen White Collar-Depression der ausgehenden Clinton-Jahre und schaffte es nie aus deren Würgegriff. Heute würde Lester in Men's Rights-Foren shitposten. Wenn er seinem Boss mit sardonischer Freude droht, ihm eine Klage wegen sexueller Belästigung anzuhängen, lädt American Beauty zum kognitiven Kurzschluss zwischen Fiktion und Realität.

"A rumor's not a rumor that doesn't die."

Vor und nach seinen beiden Oscars spielte Kevin Spacey auch die Unauffälligen oder die Guten. Die sarkastischen Seitenblicke jedoch waren das, was viele sehen wollten. John Doe scheint mit seinem allmächtigen Blick durchs verspiegelte Fenster im Verhörzimmer die Detectives zu fixieren. Jack Vincennes aus L.A. Confidential schenkt seinen wissenden Seitenblick demgegenüber Ehrgeizling Ed Exley (Guy Pearce), der ihn heimlich beobachtet. Stets sind wir Zuschauer dabei mit im Spiel als unsichtbare Mitwisser. Wir werden dazu verleitet, mit den Spacey-Figuren jener Jahre auf ihre Umgebung herabzublicken, selbst wenn sie geradeso mit Müh und Not den Kopf aus dem Sumpf recken. Das macht sie nicht zu seinen besten Rollen, wohl aber zu seinen unterhaltsamsten. Spacey spielt vor der Kamera auch für uns, selbst wenn seine Figur nicht als Erzähler fungiert, wie in Unter Haien in Hollywood. In dem gibt er - unangenehm zeitgemäß - einen sadistischen Filmproduzenten. Das wirkt manchmal faul oder selbstverliebt, gerade in House of Cards. Es markiert indes die Grenze zwischen Charakterdarsteller und Star. Diese Figuren verführen zur Identifikation mit den Schurken oder Antihelden und das mündet in die gemeinsame fiktionale Grenzüberschreitung. Underwood nimmt dich an die Hand und spaziert mit dir auf den U-Bahnsteig zu Zoe Barnes.

Diese Rollen teilen vielfach eine infernalische Macht und Intelligenz, die ihre Umgebung nach Gutdünken zurechtbiegt. Haben uns die letzten Wochen jedoch eines gezeigt, dann ist dies nicht der Modus operandi der Mächtigen in der amerikanischen Filmindustrie und darüber hinaus. Es ist eine viel schnödere, eine aus der Gesellschaft organisch gewachsene Macht, die Harvey Weinstein dazu nutzen konnte, seit den 70er Jahren Frauen zu missbrauchen oder zu vergewaltigen, und welche die Opfer zum Schweigen veranlasste. Liest man die Schilderungen des damals 18-jährigen Harry Dreyfuss, der von Kevin Spacey sexuell belästigt wurde, während Vater Richard Dreyfuss nichtsahnend im selben Raum saß, dann schockiert nicht zuletzt die dümmliche Dreistigkeit des Machtmissbrauchs - durch den Regisseur eines Theaterstücks und Filmstar in Personalunion.

Die zahlreichen Vorwürfe gegen Kevin Spacey gehen in die Jahre vor seiner Filmkarriere zurück. Anstatt durch die wachsende Berühmtheit, die Preise und die Aufmerksamkeit der Presse auf Bestrafungen dieses Verhaltens zu treffen, fügte er sich offenbar störungsfrei ins Getriebe einer Industrie ein, die es toleriert, solange mit dem Starkult Gewinne erwirtschaftet werden; oder bis das "offene Geheimnis" gelüftet wird. Los Angeles wird in der James Ellroy-Adaption L.A. Confidential als verzweigte Maschine gezeichnet, die Körper aufsaugt, sie verformt, ausspuckt oder zerstört. Kevin Spacey hat von diesem Hollywood profitiert und Hollywood profitierte von ihm.

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