Hollywood Babylon

Ein Überblick der aktuellen Missbrauchsvorwürfe

Kevin Spacey, Dustin Hoffman, Brett Ratner
© Warner/Columbia/Universal
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Der Fall des Filmproduzenten Harvey Weinstein, dem mittlerweile 82 Frauen sexuelle Übergriffigkeit und Vergewaltigung vorwerfen, hat sich rasant ausgeweitet. Vielfach gelangen im Zuge des Missbrauchsskandals neue Anschuldigungen gegenüber Hollywood-Filmschaffenden an die Öffentlichkeit. Da sich die betreffenden Meldungen geradezu überschlagen, wollen wir euch einen Überblick der bislang publik gemachten Bezichtigungen verschaffen. Der Artikel erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern fasst in zeitlicher Anordnung und analog zur laufend aktualisierten Chronik über die Entwicklungen um Harvey Weinstein wesentliche Namen und Ereignisse zusammen.

3. Oktober 2017: Die Schauspielerin Renate Langer erstattet bei der Schweizer Polizei Anzeige gegen Roman Polanski. 1972 habe der Regisseur die damals 15-jährige in Gstaad und Rom vergewaltigt, wie die New York Times berichtet. Fünf Jahre nach dem mutmaßlichen Vorfall wurde Polanski in den USA angeklagt, weil er die damals 15-jährige Samantha Geimer vergewaltigt haben soll. Es kam zu einer Verständigung im Strafverfahren. Polanski bekannte sich des "außerehelichen Geschlechtsverkehrs mit einer Minderjährigen" schuldig und floh 1977 ins Ausland.

12. Oktober 2017: Dem Hollywood Reporter zufolge soll Roy Price, Programmchef der Amazon Studios, die Produzentin Isa Hackett (The Man in the High Castle) im Jahr 2015 sexuell belästigt haben. Fünf Tage später tritt Price von allen Positionen zurück und verlässt Amazon (via NY Times).

12. Oktober 2017: Das ehemalige Playboy-Model Carrie Stevens wirft dem Regisseur Oliver Stone vor, sie 1991 auf einer Party begrapscht zu haben ("er packte meine Brüste und grinste großspurig"). Harvey Weinstein und Oliver Stone seien "zwei vom gleichen Schlag", so Stevens auf Facebook.

17. Oktober 2017: Schauspielerin Reese Witherspoon spricht auf einer Veranstaltung des Magazins Elle über sexuellen Missbrauch. Im Alter von 16 Jahren habe sie ein nicht näher genannter Regisseur angegriffen, es sei der erste von mehreren Vorfällen gewesen. "Agenten und Produzenten gaben mir das Gefühl, Schweigen sei eine Bedingung meiner Arbeit", so Witherspoon.

20. Oktober 2017: Gegenüber der britischen Tageszeitung The Sun behauptet Marianne Barnard, Roman Polanski habe sie 1975 an einem kalifornischen Strand sexuell belästigt. Damals sei Barnard 10 Jahre alt gewesen.

22. Oktober 2017: Die Los Angeles Times berichtet von 38 Frauen, die Regisseur und Drehbuchautor James Toback (Bugsy) im Rahmen angeblicher Meetings und Vorsprechen sexuell belästigt haben soll. Wiederholt sei es bei den vorgeblichen, teils mehrere Jahrzehnte zurückliegenden Vorfällen zu körperlichen Übergriffen und Entblößungen seitens Toback gekommen. Vier Tage später gab Times-Autor Glenn Whipp bekannt, mehr als 300 Frauen hätten sich mit ähnlichen Anschuldigungen bei ihm gemeldet, darunter die Schauspielerinnen Julianne Moore und Rachel McAdams. Am 31. Oktober 2017 leitet das Beverly Hills Police Department Ermittlungen gegen Toback ein, der alle Vorwürfe von sich weist.

23. Oktober 2017: Im Zuge der von Lupita Nyong'o vorgebrachten Anschuldigungen gegen Harvey Weinstein sagt Schauspieler und Regisseur Tony Goldwyn, er habe ähnliche Erfahrungen mit "Hollywoods Casting Couch" machen müssen.

30. Oktober 2017: Auf Twitter schreibt die Schauspielerin Ariane Bellamar an Jeremy Piven gerichtet: "Weißt du noch, als du mich am Set von Entourage in deinen Wohnwagen gelockt und ungefragt meine Brüste angefasst hast? Erinnerst du dich, wie ich gehen wollte und du mich am Hintern packtest?". Piven, der für die HBO-Serie Entourage einen Golden Globe und mehrere Emmys gewann, bestreitet Bellamars Anschuldigungen.

30. Oktober 2017: Gegenüber Buzzfeed bezichtigt Anthony Rapp seinen Schauspielkollegen Kevin Spacey, den damals 14-jährigen Jungen auf einer Party sexuell belästigt zu haben. Im Schlafzimmer, wo Rapp sich habe ausruhen wollen, sei Spacey ihm mit eindeutiger Absicht näher gekommen. Der zwölf Jahre ältere Oscar-Preisträger reagierte umgehend. Er sei betrunken gewesen und könne sich an den Vorfall nicht erinnern, "von jetzt an" wolle er "als schwuler Mann leben". Für den Kommentar wird Spacey unter anderem von queeren Verbänden kritisiert, weil er sein Coming-Out mit einer Stellungnahme zu schweren Missbrauchsvorwürfen verknüpft.

31. Oktober 2017: Im Fall Kevin Spacey werden neue Anschuldigungen laut. Er soll den Filmemacher Tony Montana im Jahr 2003 begrapscht und verfolgt haben, meldet Radar Online. Als künstlerischer Leiter des Londoner Old Vic Theaters sei Spacey wiederholt jüngeren Kollegen zu nahe gekommen, behauptet Schauspieler Roberto Cavazos (via The Guardian). Außerdem habe Spacey den Barkeeper Daniel Beal sexuell belästigt und ihm seinen Penis gezeigt (via The Sun). Netflix unterbricht daraufhin die Produktion der sechsten und letzten Staffel House of Cards. Die International Academy of Television Arts and Sciences gibt bekannt, dass Spacey den International Emmy Founders Award 2017 nicht erhalten werde. Ein Sprecher von Spacey teilt mit, sein Mandant wolle sich in Behandlung begeben.

1. November 2017: In einer Gastkolumne des Hollywood Reporter beschuldigt Anna Graham Hunter den Schauspieler Dustin Hoffman, sie 1985 am Set eines Films mehrfach sexuell belästigt zu haben. Die damals 17-jährige Produktionsassistentin sei um eine Fußmassage gebeten und unangemessen berührt worden, zudem hätte Hoffman sie mit anzüglichen Kommentaren bedrängt. "Er war ein Raubtier, ich war ein Kind, und das war sexuelle Belästigung", so Graham Hunter. Eine Vorgesetzte habe ihr empfohlen, die Vorfälle "im Sinne der Produktion" über sich ergehen zu lassen. Hoffman reagierte auf den Artikel mit einer Entschuldigung: "Es tut mir leid, wenn ich etwas getan habe, das sie in eine unangenehme Situation brachte."

Am selben Tag berichtet Variety von einem weiteren mutmaßlichen Vorfall in Verbindung mit dem Schauspieler. Der Autorin Wendy Riss Gatsiounis soll Dustin Hoffman bei einem Arbeitstreffen zudringliche Fragen gestellt und unflätige Bemerkungen gemacht haben. Eine geplante Zusammenarbeit sei nicht zustande gekommen, weil Riss Gatsiounis das Angebot abgelehnt habe, mit Hoffman auf ein Hotelzimmer zu gehen.

1. November 2017: Wegen sexueller Belästigung erheben sechs Schauspielerinnen in der Los Angeles Times Vorwürfe gegen Regisseur Brett Ratner (Rush Hour). Model und Schauspielerin Natasha Henstridge sei Anfang der 1990er Jahre von ihm zum Oralsex gezwungen worden, ihre Kollegin Olivia Munn habe "schreiend" seinen Set-Wohnwagen verlassen, nachdem er sich vor ihr entblößt und masturbiert habe. Ebenfalls am 1. November meldet sich Melanie Kohler, ehemalige Angestellte einer Hollywood-Talentagentur, auf Facebook zu Wort. Sie sei im Haus des Filmproduzenten Robert Evans von Ratner vergewaltigt worden.

Ein Anwalt des Regisseurs nennt die Beschuldigungen "komplett erfunden", Brett Ratner reicht Klage wegen Verleumdung ein (via Variety). Das Filmstudio Warner Bros. beendet vorerst die Zusammenarbeit mit Ratners Produktionsfirma RatPac Entertainment, der Playboy legt das unter seiner Regie geplante Biopic über Hugh Hefner auf Eis (via The Wrap).

2. November 2017: Vulture berichtet über eine Affäre, die Kevin Spacey im Alter von 24 mit einem zehn Jahre jüngeren Teenager gehabt haben soll. Der Mann, der anonym bleiben will, sagt, er habe die Beziehung beendet, als Spacey ihn hätte vergewaltigen wollen. Unterdessen äußern die Produzenten von House of Cards, in der Vergangenheit sei es am Set der Serie zu einem Vorfall gekommen, bei dem gegen Spacey ermittelt wurde (via Deadline). Auch andere Mitarbeiter erheben laut CNN Anschuldigungen. Netflix und Media Rights Capital richten eine Beschwerde-Hotline ein und ziehen rechtliche Berater hinzu.

2. November 2017: Die Schauspielerin Cassidy Freeman (Longmire) deutet in einem Instagram-Posting an, ebenfalls Opfer von Jeremy Piven geworden zu sein. Das "raubtierhafte Verhalten" ihres Kollegen sei ein Weg, um Macht zu erlangen.

2. November 2017: In einer US-Talkshow spricht Corey Feldman, der in den 1980er Jahren mit Filmen wie The Lost Boys Erfolge feierte, über sexuellen Missbrauch, der ihm als Kind widerfahren sei. Erstmals nennt er einen von sechs Männern (Jon Grissom), deren Übergriffe er bezeugen könne. Zuvor startete Feldman eine umstrittene Fundraising-Kampagne mit dem Ziel, 10 Millionen Dollar für die Verfilmung der vorgeblichen Ereignisse zu sammeln – erst dann wolle er alle Namen enthüllen. Es gebe einen organisierten "Hollywood-Pädophilie-Ring", so Feldman. 2014 trat er in der Dokumentation An Open Secret auf, die von systematischem Kindesmissbrauch in der Film- und Fernsehbranche erzählt und den Regisseur Bryan Singer schwer belastet.

3. Novemeber 2017: Netflix und Media Rights Capital stellen die Zusammenarbeit mit Kevin Spacey ein. Unklar sei noch, wie das Ende der Serie House of Cards ohne ihren Hauptdarsteller umgesetzt werde. Auch die Veröffentlichung eines bereits fertig gedrehten Films über Gore Vidal – dargestellt von Spacey – hat Netflix abgesagt (via Hollywood Reporter).

3. November 2017: David Guillod tritt als CEO des Unternehmens Primary Wave Entertainment zurück. Der Produzent (Atomic Blonde) soll die Schauspielerin Jessica Barth (Ted) im Jahr 2012 unter Drogen gesetzt und vergewaltigt haben. Das LAPD sei damals hinzugezogen worden, aus Angst vor einer Gegenklage habe Barth aber darauf verzichtet, Guillod anzuzeigen (via Variety). Zuerst berichtete The Wrap über die Vorwürfe.

4. November 2017: Der Schauspieler Harry Dreyfuss bezichtigt Kevin Spacey, ihn 2008 in Gegenwart seines Vaters Richard Dreyfuss sexuell belästigt zu haben. Bei Buzzfeed schildert er die mutmaßlichen Übergriffe.

7. November 2017: Die Schauspielerin Kristina Cohen hat gegen ihren Kollegen Ed Westwick (Gossip Girl) Anzeige beim Los Angeles Police Department erstattet. Auf Facebook behauptet Cohen, Westwick habe sie vor drei Jahren in seinem Haus vergewaltigt. Der mutmaßliche Täter bestreitet die Vorwürfe. "Ich kenne diese Frau nicht", gab er über Twitter bekannt.

8. November 2017: Amazon prüft Vorwürfe gegen Jeffrey Tambor, den Star der Serie Transparent. In einem privaten Facebook-Posting schrieb Tambors ehemalige Assistentin Van Barnes, der Schauspieler habe sich ihr gegenüber "unangebracht verhalten". Ein Reaktion des Beschuldigten erfolgte umgehend: "Ich weise entschieden und vehement jegliche Andeutungen und Vorwürfe zurück, dass ich mich gegenüber dieser oder einer anderen Person meines Arbeitsumfelds unangemessen verhalten haben soll. Ich bin erschüttert von dieser haltlosen Anschuldigung." (via Deadline)

8. November 2017: Neue Beschuldigung gegen Kevin Spacey. Die TV-Journalistin Heather Unruh behauptet, vor einem Jahr habe Spacey ihrem damals 18-jährigen Sohn alkoholische Getränke gekauft und ihn an den Genitalien berührt. Laut seiner Mutter gab sich das mutmaßliche Opfer dem Schauspieler gegenüber als 21-jährig aus. Die Polizei ermittle in dem Fall. Unterdessen wird bekannt, dass Spacey aus Ridley Scotts neuem Film (Alles Geld der Welt) herausgeschnitten und durch neu gedrehte Szenen mit Christopher Plummer ersetzt werden soll. Die Premiere ist bereits abgesagt.

9. November 2017: Eine dritte Frau beschuldigt Jeremy Piven, sie sexuell belästigt zu haben. Der Schauspieler erklärt auf Twitter, alle Vorwürfe gegen ihn seien "absolut falsch".

9. November 2017: Nach Kristina Cohen behauptet auch die Schauspielerin Aurélie Wynn, Ed Westwick habe sie 2014 in seinem Haus vergewaltigt (via Variety). Der Beschuldigte weist die Vorwürfe auf Twitter zurück.

9. November 2017: Der Stand-up-Comedian Louis C.K. soll fünf Frauen sexuell belästigt haben, berichtet die New York Times. Detailliert schildern die mutmaßlichen Opfer, wie C.K. sich vor ihnen entblößt und masturbiert habe. Schon in der Vergangenheit sei er mit entsprechenden Gerüchten konfrontiert worden, heißt es. Die Premiere des Films I Love You, Daddy sowie ein Auftritt in der Late Show von Stephen Colbert wurden kurz vor Veröffentlichung des Artikels abgesagt. HBO stellt die Arbeit mit C.K. ein und entfernt Specials aus dem firmeneigenen Streaming-Service (via THR).

10. November 2017: Louis C.K. reagiert auf die Anschuldigungen gegen ihn mit einem ausführlichen Statement: "Diese Geschichten sind wahr."

10. November 2017: Dem heute 80-jährigen Schauspieler George Takei, bekannt als Sulu aus Star Trek, wird vorgeworfen, das ehemalige Model Scott R. Brunton 1981 begrapscht zu haben. Im Hollywood Reporter sind die Beschuldigungen festgehalten. Takei reagierte auf Twitter: "Die beschriebenen Vorfälle haben nicht stattgefunden."

10. November 2017: Warner Bros. untersucht Anschuldigungen gegen den TV-Produzenten Andrew Kreisberg (The Flash, Supergirl, Arrow), der vorerst suspendiert ist. Insgesamt seien 19 Frauen und Männer mit Vorwürfen bezüglich Kreisberg an das Branchemagazin Variety herangetreten. Es soll sich dabei um sexuelle Belästigungen und unangemessenes Verhalten handeln.

10. November 2017: In einer Gastkolumne der Website Medium bezichtigt Schauspieler Anthony Edwards (Emergency Room) den Regisseur und Produzenten Gary Goddard (Masters of the Universe), ihn sexuell belästigt zu haben. "Goddard hat mich missbraucht, mein Freund wurde von ihm vergewaltigt – und das ging jahrelang so", schreibt das mutmaßliche Opfer. Gary Goddard wurde bereits mehrfach mit ähnlichen Beschuldigungen konfrontiert, zuletzt spielte er 2014 eine Rolle in der Missbrauchsanklage von Michael Egan gegen Regisseur Bryan Singer. Er bestreitet alle Vorwürfe.

16. November 2017: Eine zweite Frau beschuldigt Jeffrey Tambor, sie am Set der Amazon-Serie Transparent sexuell belästigt zu haben. Trace Lysette sei zunächst mit anzüglichen Kommentaren und später auch körperlich bedrängt worden (via Variety).

19. November 2017: Jeffrey Tambor verlässt nach Anschuldigungen gegen ihn die Serie Transparent, als deren Hauptdarsteller er in den letzten vier Jahren zahlreiche Preise gewann (via Deadline). "Ich sehe keine Möglichkeit zurückzukehren angesichts der politisierten Atmosphäre, die unser Set belastet", so Tambor.

21. November 2017: Die Fernsehsender CBS, PBS und Bloomberg TV stellen ihre Zusammenarbeit mit dem insbesondere für seine Interviews berühmt gewordenen Moderator Charlie Rose ein. Am Tag zuvor berichtete die Washington Post über acht ehemalige Mitarbeiterinnen, die Rose sexuell belästigt haben soll. Auf Twitter reagierte der Beschuldigte mit einem ausführlichen Statement: "Ich entschuldige mich für mein unangemessenes Verhalten und bin sehr beschämt. Ich habe mich manchmal unsensibel verhalten und übernehme dafür Verantwortung. Allerdings glaube ich nicht, dass alle Anschuldigungen zutreffen."

21. November 2017: John Lasseter, Kreativchef bei Disney-Pixar, nimmt sich eine sechsmonatige Auszeit vom Animationsstudio. Der Hollywood Reporter berichtete von mehreren Frauen, die Lasseter mit zudringlichem Verhalten eingeschüchtert haben soll. Gegenüber Variety sprachen mutmaßliche Opfer über ein "Flüsternetzwerk", das Frauen seit Jahren zu Abstand vom Leiter der Animationsabteilung rate. "Es ist nie leicht, sich Fehltritten zu stellen, aber der einzige Weg, aus ihnen zu lernen", begründete Lasseter seinen Rückzug.

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