10 Jahre moviepilot – Eine persönliche Bestandsaufnahme


Sidequest eines Weggefährten

10 Jahre moviepilot – Eine persönliche Bestandsaufnahme

von Mr Vincent Vega

Das zehnjährige Jubiläum von moviepilot erinnert mich auch daran, hier selbst bald zehn Jahre angemeldet zu sein. Viel hat sich seit den Anfangstagen geändert, aber für Wehmut besteht eigentlich kein Grund. Fast keiner.

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u Beginn ähnelte das hier einem Studentenprojekt. Alles etwas drunter und drüber; schon online, aber noch im Entstehen begriffen. Die Anzeige der Profilbilder war verpixelt, eine Geschmacksnähedarstellung zu anderen Mitgliedern erst ab sehr hoher Übereinstimmung möglich. Bugs und Macken gab es von Anfang an, wären sie mittlerweile verschwunden, würde sich das auch nicht richtig anfühlen. Einige meiner Freunde kamen wegen des (ich behaupte: legendären) Trailer-Ratespiels auf die Seite, mich hingegen lockte Blogger-Kollege Oliver alias Batzman her, der zum Ursprungsteam gehörte (wenn ich nichts durcheinander bringe, das liegt immerhin fast zehn Jahre zurück). Ganz klar war mir nicht, was moviepilot sein sollte oder sein wollte. Ich ging zunächst davon aus, die Neuerung der Website bestünde in der schlichten Verknüpfung von Filmdatenbank und Meinungsplattform, eine Zusammenlegung bekannter Elemente, die das Diskussionspotenzial der zahlreichen Blogs, Foren und Online-Magazine mit den Kategorisierungsbedürfnissen von Nachschlagewerken kombiniert. Braucht es eigentlich nicht, dachte ich erstmal. Und lag ziemlich falsch.

Denn neu war etwas ganz anderes, ein Algorithmus zum kollaborativen Filtern, der individuelle Empfehlungen auf Grundlage eigener Bewertungen gibt. Dieses Tool ist bis heute ein besonderes Merkmal von moviepilot. Es macht Nutzer auf Titel aufmerksam, die sie mit erhöhter Wahrscheinlichkeit interessieren könnten, und fungiert als möglicher Wegweiser im Angebotsdschungel der Filme und Serien. Zugegeben, ich habe die Funktion nie genutzt, was an meiner grundsätzlichen Skepsis gegenüber Geschmacksberechnungen liegt. Ich vertraue lieber eigenen Erfahrungen statt einer Technik, die eigene Erfahrungen zu simulieren versucht, selbst wenn sie das sehr wirkungsvoll tut. Filme, die ich sehen will, Filmemacher, die ich entdecken möchte, und DVD's, die unausgepackt im Regal stehen, gab es bei mir einfach immer schon genug. Zudem bietet moviepilot durch seine Nutzergemeinschaft ein weiteres, aber "organisches" Empfehlungssystem, das den eigenen Radius auf klassische Art vergrößert. Bei der Vernetzung entscheidet der gute alte Erfahrungswert über geschmackliche Ähnlichkeiten und Unterschiede, die Filmtipps kommen dann von ganz allein.

Für mich ist die Community eines der Herzstücke des Projekts moviepilot – wobei es die Community freilich nicht gibt, sondern eine stattliche Anzahl von Nutzern mit ausdifferenzierten Vorlieben und Ansichten über Kino, gegensätzlichen Diskussionsstilen und verschiedenen Erwartungen an die Website. Es waren die ersten Stammuser, die hier Leben hineinbrachten. Sie kommentierten wild drauflos unter News, in Gästebüchern, auf Film- und Starprofilseiten. Sie stellten und beantworteten Freundschaftsanfragen auch ohne besondere Anlässe, bauten Verbindungen auf, bei denen sich schon noch zeigen würde, ob das eine gute oder schlechte Idee ist. Erstmal irgendwie machen, diesen Charakter der Anfangstage mochte ich. Gestalt nahm die Community in dem Moment an, als der Ton gelegentlich rauer wurde, als es erste kleine Skandälchen gab und virtuelle Freund- in Feindschaften umschlugen. Ein gewisser Hang zum Dramatischen war immer Teil dieser Nutzergemeinschaft. Sie solidarisierte sich in einer denkwürdigen Avatar-Aktion mit einem verbannten User. Und schimpft seit jeher über fehlende Funktionen, Filmeinträge und vieles andere.

Aus diesen Bemühungen, moviepilot besser oder zumindest besser nutzbar machen zu wollen, sind ganz eigene Dynamiken entstanden. Verweise auf sich selbst, manche Insider und manches Geklüngel, zahlreiche Diskussionen und ellenlange Kommentarstränge, in denen es um Filme, Serien und vor allem die Art, wie wir diese Filme und Serien schauen, geht. Ich schreibe wir, weil ich mich selbst als Teil der Community verstehe, trotz meiner vor fünf Jahren begonnenen Mitarbeit. Die damals wahrscheinlich suboptimal "Mr. Vincent Vega eckt an" betitelte Kolumne sollte eine meinungsstarke und polemische Ergänzung zur überwiegend wertfreien Berichterstattung auf moviepilot sein. Es ging nicht ausschließlich darum, die Community mit (eigentlich eher selten) provokanten Texten anzukitzeln und weniger aktive Nutzer aus der Reserve zu locken, sondern bestimmte Rezeptionshaltungen und Entwicklungen der Filmindustrie in Frage zu stellen. Einige verstanden das so, wie es gemeint war, nämlich als Diskussionsangebot. Andere klingelten wutschnaubend in der Redaktion durch und forderten meine Absetzung. Eigene Dynamiken, wie gesagt.

Zu solchen Reaktionen und dem Umgang mit Filmkritik habe ich hier einige Texte geschrieben, die Umbenennung und Neuausrichtung der Kolumne war dann eher eine Folge ihrer auf Dauer zu eintönigen Selbstbeschränkung. Empörungen unterhalb der Gürtellinie gingen dadurch zurück, was ich sehr angenehm finde und auch so gedacht war – die Texte stehen jetzt mehr für sich. Unabhängig davon ist es allerdings generell ruhiger geworden auf moviepilot. Die Community hat sich stark ausgedünnt, viele ehemals aktive Mitglieder löschten ihre Profile oder lassen sie seit geraumer Zeit ruhen. Während die Aufrufe steigen, gehen die Kommentare und Likes unter allen Artikeln zurück. Ob das ein ernsthaftes Problem ist, liegt im Auge des Betrachters. Über die Gründe jedenfalls kann ich nur spekulieren. Einige Nutzer beklagen die für ihr Empfinden unzureichenden oder verspäteten Ausbesserungen bestimmter Features, doch Kritik an der Umsetzung von Änderungsvorschlägen hat es immer gegeben. Sie hielt die Community, obwohl viele der jetzigen Funktionen noch Zukunftsmusik waren, nie vom regen Mitmischen ab.

Sollte der gelegentliche Vorwurf, die News- und Themenartikel auf moviepilot kreisten zu sehr um Star Wars, Marvel und Co., ein Grund für den Rückgang sein, würde mich das ebenfalls ein wenig wundern. Von Mitarbeitern und mittlerweile auch Nutzern hat es noch nie so viele Texte mit unterschiedlichen Schwerpunkten gegeben wie jetzt. Die redaktionellen Inhalte sind für mich genauso ein Herzstück des Projekts moviepilot, und manchmal scheint mir übersehen, welche Themengebiete hier jenseits von Clickbait mit regelmäßigen Serien-Recaps, umfänglicher Festivalberichterstattung oder lesenswerten Formaten wie Mein Herz für Klassiker bedient werden. Klar, Filmgeschichte und abseitiges Kino finden noch zu selten statt, doch einen Anlass, von der Qualität der Redaktionstexte auf die zurückgegangene Nutzeraktivität zu schließen, sehe ich nicht. Für wahrscheinlicher halte ich da schon die veränderte Zugriffsstruktur, die auch etwas mit der Auslagerung beziehungsweise Unsichtbarmachung der Community-Aspekte zu tun hat.

Viele Besucher finden hier über Facebook rein und schnell wieder raus. Manche von ihnen nehmen moviepilot gar nicht als Plattform mit eigener URL wahr, bei sogenannten Instant Articles ist ein Link eher Umleitung statt Einladung. Damit wäre noch nicht das merkliche Zusammenschrumpfen der aktiven Community geklärt, aber die verbesserungsfähige Außendarstellung der Partizipationsmöglichkeiten könnte zumindest ein Grund sein, warum auf den Wegfall alter Stammnutzer kein spürbarer Zugang von neuen folgt. Die gegenüber früheren Specials enttäuschende Beteiligung an der Aktion Lieblingsmonster hat deutlich gezeigt, dass Mitglieder momentan schwer zu mobilisieren und damit auch schwer für moviepilot zu begeistern sind. Vielleicht ist eine überschaubare Community keine schlechte Sache, wenn eben nur noch hier ist, wer auch hier sein möchte. Aber ein bisschen mehr Leben könnte der Laden wieder vertragen. Damit moviepilot auch in den kommenden zehn Jahren eine Plattform mit leidenschaftlichen Texten, zuverlässigem Geschimpfe und ganz eigenen Dynamiken ist.

Bis dahin: Alles Gute zum Jubiläum! Und einen besonderen Dank an Ines, Jenny und Andrea für die sehr angenehme Zusammenarbeit.


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