Erbarmungsloser Psychotrip: Kult-Regisseur meldet sich mit Finale von Kriegsfilm-Trilogie zurück und es reißt einem das Herz heraus

07.09.2023 - 13:48 UhrVor 6 Monaten aktualisiert
Shadow of Fire
Nikkatsu
Shadow of Fire
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Der Psychotrip Shadow of Fire zeigt das Leben in den Trümmern von Japan nach dem Zweiten Weltkrieg mit bemerkenswerter Schonungslosigkeit

Der beste Iron Man wurde bekanntlich nicht mit Robert Downey Jr. gedreht, sondern bereits 1989 von Shin'ya Tsukamoto. In seinem Kultfilm Tetsuo: The Iron Man sprießen Metallteile aus dem Körper eines Mannes, der daraufhin von fetischistischen Stahl-Fantasien verfolgt wird. Da sieht man erstmal, welch Body-Horror-Potenzial Marvel kaltgestellt hat.

Der Regisseur und Schauspieler baute sich jedenfalls einen Ruf auf mit Tauchgängen in die (japanische) Psyche, so auch in seinen letzten drei Filmen. Sie beschäftigen damit, wie der Krieg Menschen verändert. Der dritte Teil der Reihe heißt Shadow of Fire. Darin wird auf den Seelen mehrerer Überlebender des Zweiten Weltkriegs herumgeschabt, um ihre Albträume ans Tageslicht zu fördern.

Die Kriegsfilm-Trilogie reist durch die Jahrhunderte zurück in den Zweiten Weltkrieg

Alle drei Filme feierten beim Festival von Venedig Premiere. 2014 erschien die Literaturverfilmung Fires on the Plain, die japanische Soldaten auf den Philippinen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs dabei begleitet, wie sie Einheimische und schließlich sich selbst zerstören. Vier Jahre später folgte Killing, in dem sich herrenlose Samurai vor dem Hintergrund eines nahenden Bürgerkriegs in einen Kreislauf der Gewalt eintreten.

Vom Schatten, den Gräuel, Bombardements und Schlachten in den Seelen der Menschen hinterlassen, erzählt Shin'ya Tsukamoto im dritten Film, den man irgendwo zwischen Bohnenstange, Phoenix und Deutschland im Jahre Null ansiedeln kann.

Shadow of Fire

Shadow of Fire spielt sich zunächst auf einem beengten, fast bühnenhaften Schauplatz ab. In einem ehemaligen Restaurant prostituiert sich eine junge Frau (Shuri), um über die Runden zu kommen. Von der Außenwelt sehen wir spärliche Aufnahmen verkohlter Schutthaufen, Resultate des Bombenkriegs auf japanische Städte. Als sie einen abgemagerten Soldaten (Hiroki Kono) und einen Waisenjungen (Oga Tsukao) aufnimmt, wächst in dem Kammerspiel eine Familie heran, eine flüchtige Utopie des Lebens danach.

Der Krieg endet in Shadow of Fire jedoch nicht mit der Kapitulation, er wütet weiter im Kopf des Soldaten, der Witwe und des Jungen. So wird das Beisammensein von Albträumen und Ausbrüchen zerrüttet und es sagt viel über die Erzählkraft dieses Films aus, dass es einem nach so kurzer Zeit mit diesem Trio das Herz herausreißt.

Shadow of Fire erzählt von den Schockwellen der Gewalt

Die anderen beiden Kriegsfilme von Shin'ya Tsukamoto verstörten mit ihrer expliziten Brutalität. In seinem neuen Film interessiert er sich zuvorderst dafür, wie die Schockwellen der Gewalt nachwirken, vom Schlachtfeld in Übersee zu diesem kleinen Restaurant. Und wie sie es zerbersten. Denn im zweiten Teil des Films öffnet sich das Bild, die Trümmer werden zurückgelassen, Himmel und Natur füllen das Panorama. Ausgerechnet dieser visuelle Befreiungsschlag offenbart sich als Rachegeschichte, die die Kriegsverbrechen der japanischen Armee zurück in die Heimat trägt.

Shadow of Fire beeindruckt besonders durch die begrenzten Mittel, mit denen das Grauen suggeriert wird. Notgedrungen verzichtet man auf falsche Fassaden, aufwendige Kostüm-Armeen und Millionen Euro Budget. Trotzdem wird im Film mit wenigen ausdrucksstarken Motiven erst eine fast postapokalyptische Welt entworfen und dann eine, die ebenso gut 100 Jahre früher bestehen könnte. Nun ziehen herrenlose Soldaten, nicht Samurai durchs Land, um ihre Gewaltfantasien in die Tat umzusetzen.

Am ausdrucksstärksten ist aber der kleine Oga Tsukao mit seinem Straßenjungen, viel zu abgehärtet für sein Alter, aber noch flexibel, bereit zur Veränderung. Was man in diesem extrem düsteren Film als Hoffnungsschimmer bezeichnen kann.

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