Vergesst Don't Look Up – Spider-Man: No Way Home hätte bei den Oscars 2022 als bester Film nominiert werden müssen

Spider-Man: No Way HomeSony
08.02.2022 - 16:24 UhrVor 12 Monaten aktualisiert
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Spider-Man: No Way Home hätte nach Black Panther der zweite MCU-Film sein können, der eine Oscar-Nominierung als bester Film erhält. Stattdessen wurde der Tom Holland-Blockbuster mit einer Nebenkategorie vertröstet.

Schlechte Nachrichten für Fans von MCU-Blockbustern und Tom Hollands Kletterkünsten: Spider-Man: No Way Home guckte bei den Oscar-Nominierungen 2022 in die Röhre. Der mit Abstand erfolgreichste Kinofilm des letzten Jahres und mit einem Einspielergebnis von über 1,7 Milliarden US-Dollar der sechsterfolgreichste Film aller Zeiten wurde lediglich in einer Kategorie nominiert: für die besten visuellen Effekte.

Dabei hatten die Verantwortlichen von Sony und Marvel zuvor öffentlich Stimmung für eine Nominierung in der Königskategorie der Academy Awards gemacht – dem Oscar für den besten Film des Jahres. Die Nominierung strichen nun andere Filme ein, darunter auch die umstrittene Klimawandel-Satire Don't Look Up.

Bei der Verkündung der potenziellen Preisträger gab es in diesem Jahr einige Überraschungen. Dass die Academy Spider-Man: No Way Home aber nicht zu den 10 besten Filmen des Jahres zählt, ist auf mehreren Ebenen eine Fehlentscheidung. Und ich erkläre euch jetzt, warum alle Argumente gegen eine Spidey-Nominierung in meinen Augen Unsinn sind.

1. Anti-Oscar-Argument: Das MCU-Action-Spektakel funktioniert nur für Fans und Eingeweihte

Tom Holland, Jacob Batalon und Zendaya in Spider-Man: No Way Home

Ja, Spider-Man: No Way Home ist wie quasi alle MCU-Titel Teil einer größeren Erzählung. Sowohl die schönsten als auch traurigsten Momente des Films entfalten erst dann ihre volle Wirkung, wenn man die Charaktere und ungefähre Geschichte des Spider-Man-Franchises kennt. Aber ist das wirklich ein Problem?

Die Zeiten, in denen Comic-Adaptionen nur unter Insidern abgefeiert wurden, sind lange vorbei. Superheld:innen von Batman bis zu den Avengers sind im Herzen des Mainstreams angekommen. Es ist mittlerweile schwieriger, als kulturinteressierte Person NICHT zu verstehen, warum alle ausrasten, wenn Tobey Maguire und Andrew Garfield durch ein Portal schreiten.

Außerdem wäre No Way Home nicht die erste Fortsetzung, der die Ehre einer Nominierung zuteil geworden wäre. Die wahrscheinlich beste Filmtrilogie aller Zeiten – Der Herr der Ringe – war mit jedem einzelnen Teil für die Königsdisziplin der Oscars nominiert. Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs schnappte sich schließlich den Oscar für den besten Film. Teil 3 der Reihe ist ebenfalls nochmal deutlich emotionaler und epischer, wenn man die vorherigen Teile gesehen hat. Das macht den Film aber nicht schlechter oder weniger auszeichnungswürdig.

2. Anti-Oscar-Argument: Spider-Man: No Way Home ist vielleicht erfolgreich, aber als Film nicht gut genug

Im Rahmen der Oscars-Debatte um No Way Home war der durchschlagende Erfolg des Films eines der Hauptargumente. Bedeutet das also, dass auch Fast & Furious 9 ein potenzieller Oscar-Preisträger sein sollte, weil der Film von vielen Menschen geguckt wurde? Nein. Natürlich nicht. Aber Popularität ist auch bei Spider-Man: No Way Home nicht das Einzige, was den Film der ganz großen Oscar-Nominierung würdig gemacht hätte. Der Film ist witzig, emotional, actionreich, in sich rund und vereint das Beste aus 20 Jahren Spider-Man. Kurz gesagt: Er ist sehr gut. Und mit der Meinung bin ich nicht allein.

Yves von Moviepilot erklärt euch, was an No Way Home so fantastisch ist:

Spider-Man: No Way Home ist WIRKLICH gut | Review
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Bei IMDb hat der dritte Spider-Man-Film mit Tom Holland ein Rating von 8,7, die Bewertungen bei Rotten Tomatoes befinden sich sowohl bei Kritiker:innen (93 Prozent) als auch beim Publikum (98 Prozent) im 90er-Bereich. Wie sieht's zum Vergleich bei weniger umstrittenen Oscar-Anwärtern aus? The Power of the Dog: 6,9 bei IMDb, 94 (Kritiker:innen) bzw. 85 Prozent (Publikum) bei Rotten Tomatoes. Belfast: 7,4 bei IMDb und 87 (Kritiker:innen) bzw. 91 Prozent (Publikum) bei Rotten Tomatoes. Selbst mein persönlicher Oscar-Favorite Dune hat nur ein IMDb-Rating von 8,1 und liegt bei Rotten Tomatoes zwischen 83 (Kritiker:innen) und 90 Prozent (Publikum)! Und von Don't Look Up brauchen wir gar nicht erst anfangen. Adam McKays Satire mit Starbesetzung kommt bei IMDb zwar noch auf eine Wertung von 7,2, fiel bei Rotten Tomatoes im Vergleich zu den Mitbewerbern mit 56 % bei Kritiker:innen und 78 Prozent beim Publikum aber deutlich durch.

Das beweist zum einen, dass Mainstream-Popularität und gute Kritiken sich nicht zwingend ausschließen müssen. Und zum anderen, dass es eben keine unüberwindbare Kluft zwischen Spidey und weniger umstrittenen Oscar-Anwärtern gibt. Spider-Man: No Way Home war nicht gut genug, um als einer der besten Filme des letzten Jahres nominiert zu sein? Der Großteil der internationalen Film-Journalist:innen und die überwältigende Mehrheit des Publikums sehen das anders.

3. Anti-Oscar-Argument: Der Marvel-Blockbuster mit Tom Holland verrät das, wofür die Oscars stehen

Spider-Man und Doctor Strange bekommen es mit dem Multiversum zu tun

Spider-Man: No Way Home wäre nicht der erste MCU-Film gewesen, der die wichtigste Oscar-Nominierung eingestrichen hätte. Allerdings auch erst der zweite. 2019 war Black Panther als Bester Film nominiert und hatte dabei neben seinem Erfolg an den Kinokassen und der Qualität des Films noch ein anderes Argument auf seiner Seite: Er war der erste große Superheld:innen-Film mit einem größtenteils schwarzen Cast. Ein popkultureller Meilenstein.

Black Panther verlor gegen das Rassismus-Drama Green Book mit Viggo Mortensen. Gut, Green Book war kein kaum gesehener Geheimtipp à la Nomadland. Dass die vermeintlich wertvollsten Filme in den Augen der Academy jedoch oft die zu sein scheinen, über die in der breiten Bevölkerung kaum jemand spricht, ist auffällig. Hätte man das Publikum gefragt, welcher Film für sie die größere gesellschaftliche Relevanz gehabt hat, die Antwort wäre wahrscheinlich gewesen: der Marvel-Film mit dem unvergessenen Chadwick Boseman, der ihnen eine andere Art von Held zeigte.

Wenn man die Oscars als eine Art letzten Safe Space für die Ehrung von Filmen sehen möchte, die nur noch in seltenen Fällen größere Publikumserfolge werden, weil sie zu sperrig, zu wenig niedrigschwellig sind – dann ist da kein Platz für die Spider-Men dieser Welt. Klar. In Zeiten, in denen jeder zweite neue Film eine Fortsetzung ist und frische Ideen rar gesät sind, ist der Wunsch verständlich, die Fahne für Anti-Blockbuster-Kino hochzuhalten.

Von Müll bis Meisterwerk: Alle Spider-Man-Filme im Ranking

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Aber wenn der wichtigste Filmpreis der Welt seine prestigeträchtigste Kategorie gegenüber den Filmen sperrt, die das Kino fast im Alleingang am Leben halten, wenn Liebe zum und Freude am Kino und Film keine Rolle spielen – warum dann überhaupt noch Preise verleihen? Eine Nominierung von Spider-Man: No Way Home wäre kein Einknicken vorm Mainstream gewesen, sondern ein wichtiges Signal. Dass das nicht passiert ist, ist in Anbetracht der Nominierung von Don't Look Up noch absurder.

Ob Spider-Man: No Way Home den Oscar für den besten Film auch hätte gewinnen sollen, ist eine andere Frage. Die Antwort lautet: Nein, natürlich nicht. Der beste Film 2021 ist in meinen Augen Dune. Doch selbst da wird es dutzende, hunderte, tausende, MILLIONEN Menschen geben, die mir widersprechen. Was OK ist. Denn die Kunstform Film ist im Kern keine Checkbox technischer Kunstfertigkeit oder gesellschaftspolitisch wichtiger Themen, sondern Emotion. Und da gibt es ab einem bestimmten Qualitäts-Level kein richtig oder falsch mehr.

Dieser Text wurde erstmals am 5. Februar 2022 veröffentlicht. Seitdem wurde er geupdatet, um die Nominierungsentscheidung der Academy zu berücksichtigen.

Hätte Spider-Man: No Way Home eine Oscar-Nominierung als bester Film bekommen sollen?

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