The Boys Staffel 3: Das Langweiligste an der Herogasm-Folge ist der Sex

28.06.2022 - 17:30 UhrVor 1 Monat aktualisiert
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© Amazon Prime Video
The Boys
Amazons The Boys war in Episode 6 so gut wie nie zuvor. Und das hat überhaupt nichts mit dem Herogasm zu tun.

Das Sperma ist abgewaschen, Love Sausage hat seinen Riesenpenis wieder in der Hose verstaut, der Herogasm in The Boys ist vorbei. Drei Jahre haben wir auf diese Event-Episode hingefiebert. Damals hatte Showrunner Eric Kripke feierlich verkündet, dass die Amazon-Serie die berüchtigte Szene aus der Comic-Vorlage * tatsächlich umsetzen wird. Am vergangenen Freitag konnten wir das Ergebnis bei Amazon betrachten, und: Na ja.

Von einem "kollektiven Superheld:innen Orgasmus" hätte ich mir etwas mehr erwartet. Aber bin ich enttäuscht, dass mir der 60-minütige Supe-Porno entgangen ist, zu dem die Folge im Vorfeld hochgehypt wurde? Keineswegs. Denn The Boys liefert trotzdem eine der besten Folgen der gesamten Serie ab, in der die angepriesenen Sex-Eskapaden fast nerven.

Der Herogasm beweist, dass The Boys sich bei Amazon mittlerweile alles erlauben darf

Aber wie war er denn nun, der Herogasm? Die Episode ist schon zu einem Drittel rum, als The Deep schließlich vor der Villa des Supe-Zwillingspaares TNT Twins auftaucht, die zusammen mit Soldier Boy einen Teil des The Seven-Vorgängers Payback bildeten. Die Twins richten allerdings nicht nur den Herogasm aus.

The Boys - S03 Trailer (Deutsch) HD
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Sie sind auch ganz oben auf Soldier Boys Todesliste, den wiederum Homelander in die Finger kriegen will. Deswegen kommt es später zum großen Showdown zwischen dem Großteil der Boys, den verbliebenen Seven und Soldier Boy. Was in den ersten Momenten der legendären Swinger-Party passiert, fühlt sich jedoch an wie eine Supe-Variante der Orgie in Eyes Wide Shut, mit fast genauso vielen Masken übrigens. In Staffel 1 hätte sich Amazon das noch nicht getraut.

Die Highlights des Herogasm:

  • Mother’s Milk kriegt eine Spermafontäne ins Gesicht
  • Wir erwischen The Deep in flagranti mit einem neuen Oktopus-Liebhaber
  • Die Ant-Man-Parodie Termite bedient wieder ihren Die Reise ins Ich-Schrumpf-Kink
  • Ein fliegender Dildo schwirrt herum wie der Schnatz aus Harry Potter
  • Love Sausage begrüßt Teilnehmende mit seinem Anakonda-artigen Penis direkt an der Tür
  • Die Serie erkennt an, dass die nicht-übermenschlichen Sexarbeiter:innen die wahren Leidtragenden der Supe-Orgie sind

Das ist alles interessant, selbst für The Boys-Verhältnisse explizit und man würde gerne mal das Bild anhalten, um zu sehen, welche Supes da gerade im Hintergrund zugange sind – und wie. Doch die interessantesten Szenen passieren abseits von Körperflüssigkeiten und nackten Hintern. Damit konnte man nicht unbedingt rechnen.

The Boys zeigt in Episode 6 mehr Trauma als Sex – und macht damit alles richtig

Es wäre ein Leichtes gewesen für die Amazon-Serie, sich in der Herogasm-Folge auf eine möglichst krasse Sexparty zu fokussieren. Stattdessen beweist Episode 6, dass The Boys mittlerweile weit mehr ist als eine kompromisslose Superheld:innen-Satire.

Homelander, der seit Staffel 1 zu einer unantastbaren Mischung aus Trump-Karikatur und Thanos aufgebaut wird, bekommt abseits des Herogasm ganz neue (Un-)Tiefen. Erst zeigt er im Gespräch mit seinem Spiegelbild, wie psychisch zerrüttet er wirklich ist. Anschließend muss er beim Herogasm seine erste wirkliche Niederlage einstecken. Soldier Boy, Hughie und Butcher ringen ihn in einem spektakulären Kampf nieder, den andere Shows sich fürs Staffelfinale aufgehoben hätten. Nur mit Mühe und Not kann er fliehen – und muss plötzlich mit der Erkenntnis umgehen, dass auch er bluten kann.
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Ganz unabhängig vom Herogasm existieren Frenchie und Kimiko, die von Butchers neuer (und Frenchies alter) Geschäftspartnerin Nina gefoltert werden. Wir erfahren, welche traumatischen Erfahrungen das französische The Boys-Mitglied zu dem Mann gemacht haben, der er heute ist. Und sehen in einer beeindruckend gewalttätigen und blutigen Szene, dass Kimiko mittlerweile vielleicht ihre Supe-Kräfte los, aber keineswegs hilflos ist.

Die beeindruckendste Entwicklung durchläuft aber Starlight. Sie leugnet ihre Fake-Beziehung mit Homelander, stellt sich gegen den Supe-Konzern Vought und gegen die Kopfplatzerin und Politikerin Victoria Neumann. Starlight hat erreicht, was Homelander sich wünscht: Sie ist unabhängig. Der Herogasm ist Starlights Befreiungsschlag. Ihr Triumph über alle Demütigungen, die sie im Lauf der Serie einstecken musste, ob von Vought, Homelander oder The Deep. Dagegen wirken ihre Szenen während der noch stattfindenden Supe-Orgie fast unspektakulär.

The Boys ist so gut, dass es gar keine verstörenden Sex-Szenen mehr braucht

Die verstörenden Gewaltexzesse und Sexszenen der Comic-Vorlage boten die Basis für den Erfolg der Amazon-Adaption – und die The Boys-Serie kam ihrer Vorlage zuletzt gefährlich nah. Doch im Verlauf der dritten Staffel setzte eine gegenteilige Entwicklung ein.Das Autor:innen-Team um Showrunner Eric Kripke vertiefte die Hauptfiguren und schärfte die Handlung sowie die schon immer starken Satire-Elemente. Statt dem Riesenpenis bleibt nach dem Herogasm das zerstörte Gesicht von Homelander, die weinende Kimiko und der narbenübersäte Frenchie, die entschlossene Starlight, die gerade entweder das Böse zu Fall gebracht oder ihr eigenes Todesurteil unterschrieben hat. Und natürlich Hughie und Butcher, die mittlerweile kaum noch von denen zu unterscheiden sind, die sie eigentlich bekämpfen wollten.


Staffel 3 begann mit einer Penis-Explosion. Im Nachhinein wirkt diese Szene wie ein bewusstes Ablenkungsmanöver. Denn ausgerechnet das vermeintliche Sex-Schock-Fest Herogasm zeigt, wie sehr sich die Prioritäten von The Boys gewandelt haben. Weg vom Sex und vom Gore, hin zur differenzierten Innenansicht seiner Charaktere und einer ernstzunehmenden Drama-Serie. Und das ist nicht nur mehr wert, sondern auch deutlich spannender als die tausendste verstörende Sexszene.

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