Verbot für Oskar Roehlers Film Jud Süß gefordert
Ines Walk (Ines Walk), Veröffentlicht am 12.03.2010, 08:50
Jud Süß - Film ohne Gewissen
© Concorde
Charlotte Knobloch, scheidene Präsidentin des Zentralrats der Juden, kritisiert aufs Schärfte den Film Jud Süß – Film ohne Gewissen von Oskar Roehler, der auf der Berlinale Premiere feierte. Auf der Pressekonferenz und bei den Kritikern ist der Film damals nicht besonders gut angekommen (wir berichteten hier). Charlotte Knobloch ist besonders entsetzt darüber, dass der Film dem vorherrschenden Antisemitismus zu wenig Bedeutung beimisst. Zudem ist sie darüber entsetzt, dass Originalszenen aus dem NS-Hetzfilm Jud Süß von 1940 ohne Kommentierung eingebaut sind. Sie fragt sich, warum Jud Süß – Film ohne Gewissen mit staatlichen Geldern gefördert wurde.
Michael Althen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sieht dies nicht so. “Was Charlotte Knobloch meint, wenn sie sagt, der Film messe der Aufarbeitung des Antisemitismus zu wenig Bedeutung bei, ist schon deswegen unklar, weil Oskar Roehler ja genau dieses versucht. Man mag das Nachstellen oder Zitieren von Originalstellen aus Jud Süß für ein untaugliches Mittel halten, aber man kann Oskar Roehler nicht vorwerfen, er mache sich dadurch mit Veit Harlan s Film gemein. Es ist lediglich sein etwas hilfloser Versuch, eine Vorstellung von der Perfidie von Jud Süß zu vermitteln und etwas zu zeigen, wovon man sich wegen des Aufführungsverbotes selbst kein Bild machen kann. Natürlich soll Jud Süß – Film ohne Gewissen ab Herbst öffentlich vorgeführt werden – und die Kritiken bekommen, die er verdient.”
In Jud Süß – Film ohne Gewissen nach einem Drehbuch von Klaus Richter wird die Geschichte von Ferdinand Marian erzählt, jenem Schauspieler, der die Rolle des jüdischen Kaufmanns in dem perfiden, antisemitischen Propagandafilm Jud Süß (1940) unter der Regie von Veit Harlan spielte. Es geht in dem Film um die Verquickung von Filmkunst und Macht, die Beziehungen einzelner Filmkünstler zum Propagandaminister Joseph Goebbels (gespielt von Moritz Bleibtreu). Am 23. September 2010 soll der Film in unsere Kinos kommen.
Im Interview mit Rüdiger Suchsland in der Jüdischen Allgemeine stellt Regisseur Oskar Roehler klar, dass der Propagandafilm Jud Süß in den Giftschrank gehört: “Die Leute bei uns in Deutschland haben überhaupt kein Geschichtsbewusstsein. Die wissen im Grunde gar nicht mehr, was im Nationalsozialismus passiert ist. Das ist das Gefährliche auch an dem Film: Wenn jemand nicht mal weiß, wer Joseph Goebbels war …” Gleichzeitig würde der Regisseur Jud Süß aber auch unter die Besten deutschen Filme wählen. Beim ersten Ansehen fand er den Film “unglaublich leichtfüßig, eindringlich und gut gespielt. Man sieht ihn und hat den Eindruck, dass das eigentlich einer der wenigen wirklich guten deutschen Filme ist. Vom rassistischen Hintergrund natürlich abgesehen, würde ich ihn in die Top-Ten-Liste deutscher Filme aufnehmen – rein stilistisch, rein dramaturgisch. Wie subtil er die Message rüberbringt!”
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Kommentare
über Verbot für Oskar Roehlers Film Jud Süß gefordert
Kubrick_obscura Fri, 12 Mar 2010 15:28:11 -0000
Kommentar löschenIch gehöre zu den wenigen die Roehlers "Jud Süß" gut fanden, eben schon allein wegen dieser Diskussion, die er entfacht. Was nützt mir die ewig-gleiche politisch korrekte Schilderung der grausamsten Fakten, wenn alle zustimmend nicken und sich wieder "wichtigeren" Dingen zu wenden. Roehler hat seine filmischen Möglichkeiten genutzt und damit mehr gegen das Vergessen getan als viele andere deutsche Filme.
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betroffen Wed, 17 Mar 2010 23:23:25 -0000
Antwort löschenAlso ich kenne den Film noch nicht, bin aber sehr gespannt darauf. Aber wer gibt eine ewig-gleiche politisch korrekte Schilderung? Das sind doch auch immer Ansichtssachen. Wer spricht eigentlich von den vielen deutschen Familien, die sich diesem Regime am Schluss direkt unterwerfen mussten und viele Söhne, Männer und junge Väter durch diesen verdammten Krieg verloren haben? Bei uns gibt es ein sehr gutes Buch über die Geschichte unseres Dorfes vor hundert Jahren bis jetzt, gesprochen wurde mit Zeitzeugen. Die meisten Leute sind einfach reingefallen, weil sie Arbeit bekamen und es aufwärts ging. Auch mein Vater musste in den Krieg ob er wollte oder nicht. Er war einer der Letzten, die schwer verwundet aus russischer Gefangenschaft entlassen wurden. Ich habe ihn niemals schlecht über die russische Bevölkerung reden hören! Im Gegenteil, er wollte immer noch mal rüber, schaffte es aber gesundheitlich nicht. Nur ich habe heute noch seine Zettel, die er heim schreiben durfte (natürlich immer der gleiche Text - mir geht es gut, habe Heimweh, denke viel an euch!!). Anders wären sie nie abgesandt, sondern vernichtet worden.
Und bei Roehler geht es einfach mal um die Verführung eines Schauspielers in diesem Regime!!!! Die Frage ist nur, werden Menschen schon als Monster (Hitler, Goebbels usw.) geboren oder durch Größenwahn dazu getrieben?!
annaberlin Fri, 12 Mar 2010 14:40:14 -0000
Kommentar löschenGenau. Und die NPD fordert Ausstrahlungsverbot für Inglourious Basterds!
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annaberlin Fri, 12 Mar 2010 14:48:58 -0000
Antwort löschenund für Herrn Röhler am besten Interviewverbot. Die Aussage, die Deutschen hätten gemeinhin kein Geschichtsbewusstsein mehr, ist schier unverschämt.
guggenheim Fri, 12 Mar 2010 10:31:52 -0000
Kommentar löschenHier wird ein Film doch wieder künstlich überhöht, der es vermutlich (ich habe ihn nicht gesehen) gar nicht verdient hat.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine falsche Ideologie hinter dem Film stand. Ich denke eher, dass die Umsetzung einfach weniger gut ist und dadurch Tür und Tor geöffnet wurde, um reininterpretieren zu können.
Diesem Satz von Michael Althen kann ich mich anschließen:
"Natürlich soll Jud Süß – Film ohne Gewissen ab Herbst öffentlich vorgeführt werden – und die Kritiken bekommen, die er verdient.”
Alleine die Kritik, die der Film von vielen Seiten schon einstecken musste zeigt doch, dass es durchaus genug Bewusstsein unsere Vergangenheit betreffend gibt - Applaus aus der falschen Ecke habe ich zumindest nicht vernommen...
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Narrisch Fri, 12 Mar 2010 19:05:05 -0000
Antwort löschenstimme ich voll zu. ein ungeschickter kommentar heißt noch lange nicht in der rechten ecke zu stehen!
Sheeeeep Fri, 12 Mar 2010 10:24:27 -0000
Kommentar löschenDazu fällt mir nur das Bild hier ein:
http://www.lachschon.de/images/55391_zentralrat.jpg
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Narrisch Fri, 12 Mar 2010 09:27:10 -0000
Kommentar löschenIch hab "Jud Süß" nie gesehen und kann daher nicht beurteilen ob der Film nun wie von Oskar Roeher beschrieben "unglaublich leichtfüßig, eindringlich und gut gespielt" ist.
Ich verstehe überhaupt nicht warum Roehler auf die bescheuerte Idee kommt einem üblen Hetzfilm diese Prädikate zu verleihen auch wenn sie eventuell zutreffen. Das ist genauso als würde man einen Kinderschänder als "charmant, symphatisch und hilfsbereit" bezeichnen. Frau Knoblochs Reaktion auf Roehlers Film ist ebenso dämlich. Filmverbote passen überhaupt nicht in eine weltoffene, demokratische Gesellschaft gerade die Vorsitzende des Zentralrates der Juden sollte das wissen.
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Batzman Fri, 12 Mar 2010 10:05:46 -0000
Antwort löschenÄhm? Wieso sollte ein Propagandafilm nicht "eindringlich und gut gespielt" sein können, warum ein Kinderschänder nicht "charmant, sympathisch und hilfsbereit" sein können. Es macht beide doch nur gefährlicher. Demagogen sind nunmal oft charismatische Leute und Mörder sind eben oft jene die freundlich im Hausflur grüßen. John Wayne Gacy war ein anerkannter und sehr beliebter Zeitgenosse, der eben in seiner Freizeit Jungen umgebracht hat. Triumph des Willens ist ein technisch tadelloser Film, der zurecht viel Lob geerntet hat - aber genau das machte ihn gefährlich. Zu sagen man darf das nicht benennen ist genauso ein Denkverbot, wie Menschen beizubringen, das Bösewichte immer hässlich und einfach erkennbar sein müssen.
guggenheim Fri, 12 Mar 2010 10:41:03 -0000
Antwort löschen@alanger: deinem letzten Abschnitt stimme ich voll zu. Dem davor im Prinzip auch, obwohl ich das Wort "verboten" in solchen Zusammenhängen ungerne lese. Erschwerter Zugang, ausgewählte Vorführungen (wissenschaftlich und auch (kontrolliert) öffentlich) - so sollte man es handhaben. Grundsätzliche Verbote führen unweigerlich zu einem Mythos, die einer Sache häufig mehr Bedeutung geben, als sie es wert wäre...
Ines Walk Fri, 12 Mar 2010 11:59:09 -0000
Antwort löschenIch habe den alten Jud Süß gesehen und muss Roehler - was das betrifft - Recht geben. Der Film ist dramaturgisch wirklich auf der Höhe seiner Zeit und gekonnt inszeniert, gerade auch deshalb erreicht er sein Ziel derart subtil. Immerhin war er im Sommer 1940 der meist gesehenste Film in Europa und dass nicht nur, weil er von den Nazis gepuscht wurde, sondern auch, weil die Leute ihn gut fanden. Was Riefenstahl technisch für den Dokumentarfilm war, war Harlan dramaturgisch fürs Melodram. Faschistoid waren sie beide.
Narrisch Fri, 12 Mar 2010 19:02:36 -0000
Antwort löschen@batzman du hast recht. natürlich kann man sagen das ein film wie "jud süß","eindringlich und gut gespielt ist" und auch offen darüber diskutieren, gleiches gilt natürlich auch für die riefenstahl filme. nur so kann man die gefährlichkeit von "gut gemachter" propaganda wirklich entlarven... aber wenn ich der regisseur eines von verschiedenen gruppen äußert kritisch beobachteten werkes bin, sage ich den betroffenen nicht ins gesicht das der kinderschänder xy ein sympathischer mensch ist. ich bin sehr für offenheit und gegen denkverbote nur glaube ich das es mehr sinn macht sich auf dem naziminenfeld sehr vorsichtig zu bewegen.



(habe den film von roehler nicht gesehen)
Stimme Roehlers Aussage über mangelndes Geschichtsbewußtsein der Deutschen zu. (siehe Filmeinleitung zu "Bundeskanzler Honnecker") Frage mich aber warum er dann einen historischen Spielfilm mit Namen von real existierenten Personen macht, der historisch verfälscht ist. Genau solche filme fördern doch das mangelnde Geschichtsbewusstsein! Wenn man historisch echte Personen verwendet, muß man gut recherchieren und darf nicht bewußt jemandem eine andere Religion , sexuelle Orientierung oder z.B. eine historisch nicht existente Erpressbarkeit andichten. Es gibt viele Zuschauer, die "Walküre" für historische Bildung halten und viele, die glauben dass die in "das Leben der Anderen" dargestellten Personalstrukturen der Stasi der historischen Realität entsprechen. Die Figur in Ghostwriter von Polanski hingegen nähert sich zwar dem realen Toni Blair an, behauptet aber niemals, Toni Blair nachzuspielen. Polanski gibt seinem Protagonisten einen fiktiven Namen, und darf somit künstlerisch frei seine Geschichte erzählen über diese Figur.
Die künstlerische Freiheit hat Moritz Bleibtreu für seine Goebbels Figur auch eingefordert, dann soll er aber bitte seiner Figur keinen historisch realen Namen geben. Nur leider ziehen die fiktiven Namen nicht so viele Zuschauer an. in meinen augen ist das also auch kapitalistisches Kalkühl auf Kosten von geschichtlicher Wahrheit.
ich finde der Film - da er ja nun schon etliche Steuergelder in Form von Förderungen gekostet hat, soll gezeigt werden, aber im Vorspann sollte betont werden: "Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind nicht zufällig, aber in vielen Teilen sind Handlung und Begebenheiten frei erfunden (fiktiv)!"
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