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Ideologien in der Popkultur

Was uns Twilight über die USA lehrt

22.11.2011 - 08:50 Uhr
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Twilight weiß auch etwas über die US-amerikanische Moral zu erzählen
© Concorde/moviepilot
Twilight weiß auch etwas über die US-amerikanische Moral zu erzählen
Die Twilight-Romane von Stephenie Meyer und ihre Verfilmungen sind wie jedes Buch und jeder Film kulturelle Phänomene, die uns etwas über ihren Entstehungskontext sagen können, in diesem Fall die USA.

Gestern haben wir euch noch erklärt, warum ihr Twilight 4: Breaking Dawn – Biss zum Ende der Nacht – Teil 1 auch dann ansehen solltet, wenn ihr gegen das Vampir-Franchise Aggressionen hegt. Einer der Gründe dafür war, dass wir Twilight auch als kulturelles Phänomen betrachten und analysieren können. Und genau darum soll es heute gehen, genauer gesagt um die Frage, was wir aus den Twilight-Romanen und -Verfilmungen über die USA lernen können.

Kein Sex vor der Ehe oder „What would Jesus do?“
Dass die Romanautorin Stephenie Meyer Mormonin ist, wissen inzwischen nicht nur Twihards. Kein Wunder, dass sich zahlreiche Autoren schon mit der Frage beschäftigt haben, inwiefern sich ihre religiösen Überzeugungen in den Romanen widerspiegeln. In Hinblick auf die Sexualmoral der Geschichte ist dies besonders interessant. Dabei ist es jedoch auch wichtig zu beachten, dass es sich bei den Mormonen mitnichten um eine kleine Sekte, sondern allein in den USA um eine sechs Millionen Mann starke Glaubensrichtung handelt. Das reicht natürlich immer noch nicht, um zu erklären, warum sich Millionen Teenager in Amerika dafür begeistern können, dass Bella und Edward mit dem Beischlaf bis nach der Eheschließung warten müssen. Hierbei sollte beachtet werden, dass diese Idee von Abstinenz in den USA deutlich weiter verbreitet ist, insbesondere, aber nicht ausschließlich unter den Angehörigen der verschiedenen christlichen Religionen.

Ein anderes Thema, mit dem sich konservative Christen in Nordamerika beschäftigen, ist das der Legalität von Abtreibung. Noch heute wird viel darüber diskutiert, ob es gesetzlich erlaubt sein sollte, bei gesundheitlicher Gefährdung der Mutter, eine Abtreibung vorzunehmen. Dass sich Bella Swan (Kristen Stewart) dafür entscheidet, ein Kind auszutragen, das im Begriff ist, sie zu töten, ist ein deutliches Statement innerhalb dieser Diskussion.

Geschlechterkampf – Frauenpower durch die Ehe
Auch über die Geschlechterrollen im Twilight-Universum wurde schon viel diskutiert. Es ist aber doch auch so offensichtlich, dass hier die Hauptfigur Bella (Kristen Stewart) von ihrem männlichen Begleiter (Robert Pattinson) behandelt wird wie ein Kind. Er beschützt sie, er trifft Entscheidungen für sie und er trägt sie sogar herum, wie Eltern einen Säugling. Bella ist ihm in allen Aspekten vollkommen unterlegen. So ist es auch Edward, der seine Triebe (sowohl die sexuellen als auch die vampirisch-martialischen) unter Kontrolle hat und sich weigert, mit ihr zu schlafen, während Bella nicht über ausreichend Disziplin verfügt und sich nur zu gerne ihrem sexy Vampir körperlich hingeben würde. Darüber hinaus ist ihr einziges Ziel die Ehe mit Edward, obwohl immer wieder deutlich wird, dass sie eine gute Schülerin ist. Ihre berufliche Zukunft stellt sie kommentarlos hinter ihre Familienplanung zurück.

Sexueller Kontakt, Eheschließung und die Verwandlung in einen Vampir sind in Twilight eng miteinander verknüpft. Die Hochzeit mit Edward ist die Bedingung für die Erfüllung von Bellas Wunsch, endlich ein Vampir zu werden. Dies wünscht sie sich unter anderem deshalb, weil sie sich Edward so stark unterlegen fühlt und dies durch ihre Verwandlung auszugleichen sucht. Die Ehe ist also der Zustand einer Frau, in dem sie endlich zu eigener Stärke finden kann. Aber nicht nur die Ehe, auch die Mutterschaft ist sozusagen der Schlüssel zur weiblichen Ermächtigung. Denn von Anbeginn ihrer Schwangerschaft entwickelt Bella plötzlich physische und psychische Kräfte, die es ihr ermöglichen, das ungeborene Leben auch gegen die Widerstände ihres Umfelds zu verteidigen und zu beschützen. Als Ehefrau und Mutter kann Bella endlich die Stärke entwickeln, die ihr zuvor verwehrt geblieben ist.

Wo sind all die Indianer hin?
Eigentlich dürfen sie in den USA gar nicht mehr so genannt werden, sondern müssen als Native Americans bezeichnet werden, aber im Deutschen fehlt uns eine politisch korrekte Entsprechung, sodass wir mal beim Terminus Indianer bleiben. Die nämlich spielen in Twilight 4: Breaking Dawn – Biss zum Ende der Nacht – Teil 1 ebenfalls eine Rolle. Sie bilden den Gegenpol zu den perfekten angloamerikanischen Weißen, die durch die Vampire verkörpert werden. Ganz wertfrei geht diese Zweiteilung nicht vonstatten, denn während sich die Vampirfamilie Cullen durch eine bemerkenswerte Triebkontrolle auszeichnet, erscheinen die Werwölfe als Hitzköpfe. Das wird besonders deutlich durch die Figur Sam Uley (Chaske Spencer), der seine Freundin Emily (Tinsel Korey) durch einen Angriff für immer entstellt hat. Es sind die Werwölfe, die deutlich zurückhaltender sind, was eine Zusammenarbeit mit den verfeindeten Vampiren angeht. Und nicht zuletzt ist es ein Werwolf, nämlich Jacob (Taylor Lautner), der sich zunächst besonders stark für die „Abtreibung“ des Vampirbabys einsetzt. Den Indianern werden also insgesamt negative Eingeschaften zuegordnet.

Auch wenn die Werwölfe ihrerseits über beträchtliche Stärke verfügen und durchaus in der Lage sind, Vampire zu überwältigen, so ist ihre Kraft doch von den Vampiren abhängig. Denn wie uns die Romanreihe lehrt, entwickeln die Werwölfe nur dann ihre „Superkräfte“, wenn sich Vampire in ihrer Nähe ansiedeln. Ihre Stärke ist also von der überlegenen Spezies der Vampire abhängig. Unabhängig von ihnen bleibt ihre Metamorphose aus und die Indianer bleiben ganz normale Menschen.

Fazit – Twilight als Spiegel der konservativen USA
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Twilight 4: Breaking Dawn – Biss zum Ende der Nacht – Teil 1 eine sehr konservative Einstellung propagiert, die sich perfekt mit den Positionen der christlichen Rechten und den Republikanern zu den Themen Sexualität, Abtreibung und Familienmoral deckt. Gleichzeitig findet sich eine, für ein von Immigranten gegründetes und noch heute dominiertes Land wie den USA, erstaunlich reduzierte Figurenkonstellation. Ohne Stephenie Meyer einen bewussten Rassismus zu unterstellen, wird doch deutlich, dass sich die Twilight Romane an dem amerikanischen Idealbild des WASP (Weiße, angelsächsische Protestanten) orientieren. Die Filme sind da übrigens nicht besser. Der einzige dunkelhäutige Vampir, Laurent (Edi Gathegi), entpuppt sich letztendlich als Bösewicht. Ob das wirklich Zufall ist? Natürlich lässt sich die US-amerikanische Gesellschaft nicht als eine homogene Masse beschreiben, doch lässt der große Erfolg der Romane und Filme durchaus Rückschlüsse auf das Meinungsbild der Amerikaner zu. Wenn wir uns aber anschauen, wie viele Leute hierzulande dem Twilight-Kult fröhnen, sollten wir uns aber ebenso fragen: Was sagt uns Twilight eigentlich über uns?

Einzelne Aspekte sind dem Artikel “Twilight is not good for maidens: Gender, sexuality, and the family in Stephenie Meyer’s Twilight Series” von Anna Silver entnommen; gefunden in Studies in the Novel, Vol. 42. , No. 1&2 (2010)

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