The Boy Must Live

Wir schauen Fringe – Staffel 5, Folge 11

Fringe – Staffel 5, Folge 11
© Fox
Fringe – Staffel 5, Folge 11

The Boy Must Live von Fringe – Grenzfälle des FBI versteht sich als Nabelfolge zwischen Vergangenheit und Zukunft. Altbekanntes wird wieder aufgegriffen und ein Zwischenstopp im Jahr 2609 unterstreicht die Notwendigkeit, die Beobachter zu besiegen. Die Quintessenz dieser Episode, die überwiegend dialogisch organisiert ist, liegt allerdings in der emphatischen Hommage an die Kultur, jener von Menschenhand geschaffener Bereich, der Emotion initiiert und beansprucht. Emotion ist ohnehin ein Merkmal, der den Erfolg der Bishops begründet und auch die gefühlskalten Beobachter kurzfristig zur Menschlichkeit verführt.

Was passiert: Ein vielleicht letztes Mal begleiten wir Peter (Joshua Jackson) beim Herauslasern eines Videobands. Davon abhalten kann ihn nur Walter (John Noble), der ihm von seinem neuesten Einfall berichtet: Der legendäre Wassertank, in dem die Gehirnströme zweier Menschen synchronisiert werden, soll es wiederholt ermöglichen, Zutritt zu alten Erinnerungen zu erlangen. Eine für Walter erfreuliche Nebensache ist natürlich, dass das Betreten des Wassertanks unter Drogeneinfluss stattzufinden hat. Ferner outet dieser sich als Fan der freien Körperkultur. Diese Reise in Walters Erinnerung wurde wieder einmal authentisch inszeniert. Und wüssten wir nicht um das Aussehen der Beobachter, erschien Walters Bemerkung über Donald (Michael Cerveris) relativ sinnlos: „He has hair.“ Der Blick aus dem Fenster verschafft dem Team Gewissheit: Donald hält sich in Brooklyn auf. Doch was ist nur mit Walter los? „I’m optimistic“, sagt er frohmütig, pfeift und ist voller Tatendrang. So auch bei der Ankunft im verregneten Brooklyn.

Dass Walter der einzige Sonnenschein in dieser verregneten Szene ist, bemerkt auch Peter. Im Gespräch offenbart Walter seinem Sohn, was für Aus- und Nachwirkungen die Berührung des Jungen Michael gehabt haben: Erinnerungen, die er aufgrund der Neuausrichtung der Universen nicht haben dürfte, wurden rekonstruiert. Es sind Erinnerungen eines Vaters, der seinen Sohn liebt. Erinnerungen, die man nie vergisst, weil sie das Vergangene in der Gegenwart lebhaft machen. Erinnerungen, die so gewaltig sind, dass selbst Walter weglächelt, seinen so wichtigen Plan vergessen zu haben. Freud und Leid, Rückkehr und Abschied – beide sind in den bisherigen 97 Folgen durch Höhen und Tiefen gegangen. Doch alle Probleme und Unstimmigkeiten scheinen weggewaschen zu sein, was der plätschernde Regen, ein Symbol der Reinigung, akzentuiert. Dass Walter die gewonnen Erinnerungen wertschätzt, ist außerdem ein Indikator dafür, dass er zurzeit von seiner warmherzigen Seite regiert wird. „Peter, before I met him, I didn’t think it was possible to love you more. But now, knowing we’ve been through, everything we have had, I do.” Captain Windmark, von dem wir bisher annahmen, er sei der Oberste der oberen, neuen Spezies, hört sich die verfänglichen Aufnahmen von Nina Sharp an. Die Bedeutsamkeit der Anomalie, die wir hingegen Michael nennen, lässt ihm keine Ruhe. Also reist er in die Zukunft in das Jahr 2609, welches von Homogenität, zerstörter Natur und dunkler Atmosphäre gekennzeichnet ist.

Was auf uns befremdlich wirkt, beschert Windmark ein zufriedenes Lächeln – feels like home again. Windmark rapportiert seinem Commander alles Wissenswerte über den jungen Beobachter, den das Fringe-Team wie einen Augapfel hütet. Aus dem Gespräch der beiden lässt sich jedoch eine interessante Entwicklung ablesen. Windmark ist es, der um Erlaubnis für eine Korrektur der geschichtlichen Entwicklung bittet. Das ist sicherlich die einfachste Lösung, wenn man es antagonistischer Sicht betrachtet. Dass aber der Commander wenig davon hält, ist verwunderlich und am ehesten mit Olivias (Anna Torv) Feststellung aus seiner früheren Folge zu erklären: “The Invaders are just better at math than we are.” Einer 99,9999 %-igen Chance, die Erde im Jahr 2036 einzunehmen, steht eine 0,0001 %-ige Überlebenschance des Jungen gegenüber. Mutige Widerworte provozieren skeptische Fragen. Und auch wir fragen uns, woher die plötzliche Ambivalenz Windmarks rührt. Das Leben in 2036 und der Kampf gegen die Bishops haben Spuren hinterlassen: “The idea of ending their existence consumes me.”

Die Spuren des Lebens sind auch im Gesicht von September abzulesen, den das Fringe-Team in seinem Apartment besucht. Wie ausgewechselt wirkt er, als er lächelt, sich freut und seine Freude über das Wiedersehen mit ungewohnt menschlichen Zügen bekleidet. In gemütlicher Runde eröffnet er seinen Besuchern, dass ihm seine Sonde ebenfalls entfernt wurde und er somit jeglicher Kräfte beraubt wurde, ohne die die Geschichte einen ganz anderen, vor allem negativeren Verlauf genommen hätte. September ist eine Schlüsselfigur der gesamten Serie; umso erfreulicher ist es für uns, dass ihm die Autoren in dieser Folge einen essentiellen Part zugeschrieben haben. Die Einrichtung seiner Wohnung komplettiert den menschlichen Eindruck, den wir von ihm gewonnen haben: Bücher, ein Piano (Musik) und Gemälde (Kunst) symbolisieren die Lebensweise, die uns nun weniger fremd erscheint.

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