Mr. Vincent Vega eckt an

Ziemlich beste Freunde, ziemlich großer Mist

Ziemlich beste Freunde
© Senator
Ziemlich beste Freunde

Zugegeben: Wenn ein Film so viel Erfolg hat wie Ziemlich beste Freunde, wenn Hinz und Kunz drei, vier, fünf Mal ins Kino rennen und selbst Oma Gertrud und Tante Ursula ihn gesehen haben, ist die Skepsis groß. Ich hatte mich lange um den erfolgreichsten Film des Jahres gedrückt. Weil mich die auf großen Plakaten angrinsenden Visagen, die überschäumenden Stimmen der Populärkritik und natürlich besonders die enthusiastischen Kommentare der Cine-Deppen bereits vorab in Alarmbereitschaft versetzten. Mir jegliche Lust am Film nahmen, mich irgendwann sogar so sehr nervten, dass ich beschlossen hatte, ihn gar nicht erst sehen zu wollen. Doch das legte sich wieder. Und dann kam sie doch, die Neugier auf das, was nahezu neun Millionen Zuschauer allein hierzulande in einen beispiellosen Rausch der Entzückung versetzte.

Ich fühlte mich nicht länger genötigt, sondern vielmehr verpflichtet, den Film endlich zu sehen. Allein aus einer Art cinephiler Verantwortung heraus. Vielleicht auch masochistischer Lust, spielt aber keine Rolle. Spätestens jetzt jedenfalls, da Ziemlich beste Freunde auf DVD und Blu-ray erschienen und die anfängliche Aversion längst überstanden ist, kann ich reinen Herzens und allerbesten Gewissens sagen: Es ist der bekloppteste, ärgerlichste und saudümmste Film des Kinojahres. Und dass eben Hinz und Kunz, Oma Gertrud und Tante Urusula diesem Schwachsinnsmanifest auf den Leim gegangen sind, gibt Anlass zu größter Sorge.

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Es ist mir selbstverständlich nicht unbegreiflich, warum sich dieser Film um Prädikate verdient gemacht hat, die von Doofi-Phrasen wie „hat das Herz am rechten Fleck“ bis „Gute-Laune-Kino zum Nachdenken“ torkeln. Über die Ausgeburt des Grauens namens Feel-Good-Movie habe ich mich ja bereits gesondert empört, und Ziemlich beste Freunde ist freilich ein Musterbeispiel eines solchen Kinos (das Kino ja im Prinzip abzuschaffen gedenkt). Er ist tatsächlich konzipiert als ein Film, der wirklich niemandem etwas Böses will. Der es gut meint mit allem und jedem. Seine profanen Zutaten sind dabei durchzuschmecken selbst für Gelegenheitsfilmeschauer – seichte Komik, ein Quäntchen Rührseligkeit und soziale Relevanz natürlich, die sich wirklichkeitsnah schimpft („nach einer wahren Begebenheit“). So weit, so schrecklich.

Aber Grundgütiger, selbst im Kontext seiner Button-Pusher-Struktur betrachtet, ist Ziemlich beste Freunde fad und schnarchig ohne Unterlass. Ist das die neue Strategie eines Crowdpleasers? Nicht einmal banale Unterhaltung bieten zu können, eine gewitzte Inszenierung oder stattliche emotionale Wegpfade, auf die der Zuschauer zumindest mit Schmackes genötigt wird? Wenn ich mir schon zwei Stunden lang grundblöden Schmalz aufschmieren lasse, so möchte ich mich doch zumindest von diesem übergesättigt fühlen. Das haben The Help und Blind Side – Die große Chance besser hinbekommen. Schließlich ist Ziemlich beste Freunde, genau wie sie, maßlos rassistisch und dümmlich, dabei jedoch nicht einmal vergnüglich. Epic fail, so gesehen.

Stichwort Rassismus. Dass der Film die so, so wahre Geschichte dahingehend wohlfühlgleich verschönert hat, indem er den algerischen durch einen schwarzen Pfleger aus dem französischen Vorstadt-Ghetto ersetzte, ist ja erst einmal egal. Schließlich kann Ziemlich beste Freunde ohnehin nur als Fantasy-Film betrachtet werden, angesichts seiner jeder Wahrscheinlichkeit und Problematisierung des Themas enthobenen Idiotien am laufenden Band. Allerdings machen sich die Regisseure Olivier Nakache und Eric Toledano diese Modifikation aufs Unangenehmste zunutze. Sie eichen die Geschichte auf Onkel-Tom-Niveau und lassen den schwarzen Driss in einer Reinkarnation des Kino-Bimbos als ständig hampelndes Äffchen durch den Film zucken, das erst durch die bildungsbürgerliche Kultiviertheit eines querschnittsgelähmten Millionärs wieder auf den rechten Weg findet. Sein vor Klischees triefender Handlungs-Background – Ghetto, Drogen, Armut, das Übliche halt – scheint ihn offenbar für eine bestimmte Art von lebensnahem Nonsensverhalten zu empfehlen, weil der, der nichts hat, ja auch nichts zu verlieren habe. Also eröffnet er dem behinderten Philippe die wunderbare Welt des Marihuanas, tänzelt sich zu feschem Boogie Woogie durchs prunkvolle Anwesen (welch „wundervoller“ Kontrast zum regnerischen Plattenbau, dem er entkam) und muss schlussendlich sogar mit Präsident Obama verglichen werden – weil er zum abendlichen Kulturgenuss im Anzug erscheint. Wenn es nicht so bitter wäre, könnte es fast komisch sein. Ist es aber nicht.

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Bei so viel privatkolonialer Dressur bleibt da natürlich kein Raum mehr für eine Beschäftigung mit den wirklich unangenehmen Seiten von Driss’ Job und Privatleben oder etwa Philippes Todessehnsucht, die angedeutet, aber zumeist schnell wieder weggewitzelt wird. In Ziemlich beste Freunde geht es nicht ein einziges Mal ans Eingemachte, wird zu keiner Zeit die wirklich große Scheiße riechbar, in der doch alle Protagonisten eigentlich stecken. Und dennoch löst sich das, was durch Abwesenheit glänzt, doch noch in Wohlgefallen auf. Eine filmische Bequemlichkeit für den gemütlichen runden Kino- oder nun eben Heimkinoabend. Fantasy-Sozial-Filme wie diesen gab und gibt es immer wieder, von Rain Man über Die Verurteilten bis zu Das Beste kommt zum Schluss. Der überbordende Erfolg von Ziemlich beste Freunde an den europäischen Kassen kann nicht verwundern, zumal er selbst innerhalb des formelhaften Feel-Good-Kinos noch einmal so runtergeschmalzt ist, dass er nicht nur vielen, sondern wirklich jedem gefallen muss. Jedem zumindest, der Kino für nichts anderes als einen netten Zeitvertreib hält.

Mein Besetzungstipp übrigens für das Remake der Gebrüder Weinstein: Dustin Hoffman und Idris Elba. Regie: Tom Hooper. US-Einspiel: Fünf Milliarden Dollar. Und ganz viele glückliche Oma Abigails und Tante Heathers.

moviepilot Team
Mr Vincent Vega Rajko Burchardt
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Meint es gut mit den Menschen.

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