Mustang - Kritik

Mustang

TR/QA/FR/DE · 2015 · Laufzeit 94 Minuten · FSK 12 · Drama · Kinostart
Du
  • 10

    Irgendwie die türkische Antwort auf "The Virgin Suicides" - nur ohne Liebe und Kitsch. Dafür mit Schrecken. Grrrrandios!

    • 8 .5
      RedMoon-1973 28.07.2018, 16:35 Geändert 28.07.2018, 19:20

      Zunächst mal möchte ich klarstellen, dass ich weiß wovon ich jetzt schreiben werde. Ich habe türkische Wurzeln und wurde in der Provinz Trabzon geboren, wo auch dieser Film gedreht worden ist.

      Manches wird hier etwas überspitzt dargestellt, aber ich kann bestätigen, dass es diese "Probleme" in dieser Gegend gegeben hat und noch immer gibt.

      Das Leben von Mädchen war und ist in manchen konservativ geprägten Familien schon ein Gefängnis, wie hier ja dargestellt wird. Dabei geht es nicht darum, die Mädchen "zu schützen". Nein, in dieser Gegend geht es hauptsächlich darum, was die Leute von einem denken. Um die Familienehre, diese darf nicht beschmutzt werden. Alles was so ein junges Mädchen nur schief ansieht, wird sexualisiert. Dabei sind es diese Menschen selbst, die das schlechte in solchen Dingen sehen und in eine bestimmte Richtung lenken.
      Das fremde Gedankengut spielt dort eine große Rolle.

      (...wenn ein Mädchen "Pferdle und Reiter" mit jemandem spielt, dann ist es gleich entjungfert worden! Oh mein Gott, was denken jetzt bloß die Leute? Aus diesem Grund halte ich als Deutsch-Türke keinen Kontakt mehr zu Türken der älteren Generation!)

      Wer sich wundert, dass die Mädchen kein Kopftuch tragen:
      Wieso wundert euch das? Das mit dem Kopftuch ist sowieso ein Klischee. Die Normalität, auch in der Türkei, ist ohne Kopftuch. Nichtmal ein Drittel der Türkinnen trägt so etwas.

      Was das Grundthema "Mädchen im goldenen Käfig" zu halten angeht, so hat sich in den letzten 30 Jahren hier vieles zum positiven geändert. Die neue Generation (dazu zähle ich mich selbst auch noch) ist selbstbewusst und lässt sich von so einem Patriarchen-Onkel, wie im Film dargestellt, nichts gefallen. Das finde ich positiv.

      Auch werden die Mädchen nicht mehr mit unter 20 Jahren an pädophile Arschlöcher verheiratet.
      Wem es aufgefallen ist: auch die Männer die diese Mädchen heiraten sind selbst noch fast Kinder. Sorry, aber mit 20 bist du für mich noch ein Kind. Fertig!

      Leider zeigen sich die Auswirkungen der jetzigen Regierung auf diese Umstände eher negativ. Es schwappt zudem sehr viel Einfluss aus den Krisengebieten herüber in die Türkei (Syrien, Tunesien,...) wo wieder diese altertümlichen Traditionen überhand nehmen.

      Im Film sieht man auch die typisch beschränkte Denkweise dieser Menschen, wie beim Onkel dargestellt. Da erschießt sich das eine Mädchen aufgrund der Zwangsheirat, und als Konsequenz daraus soll das andere Mädchen verheiratet werden. Selbst mit der Holzhammermethode kapieren die das nicht. Solange es solche hinterwäldlerischen Dickköpfe gibt, bleibt das Thema akut.

      Beispiel: Mein Vater (71) mischt sich immer noch in das Leben meiner Schwester (41) ein, weil die mit einem Deutschen lebt. Leider ist das so in deren Köpfen verankert, das kriegst du nicht raus.

      Ein beeindruckender türkischer Coming-of-Age Film.
      Korrektur: Coming-Of-Age-Drama

      Kann ich jedem empfehlen der auf ruhige, verträumte und melancholisch angehauchte Dramen steht.

      (zur Zeit kostenlos bei Prime zu sehen)

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      • 6 .5

        ich war von mir selbst erschrocken wie spät ich doch erkannt wie schlecht es den mädels ging...starkes ende!

        • 7

          Ein gesellschaftskritischer aber auch wertender Film mit politischer Botschaft, den man aufgrund der fünf sympathischen Hauptdarstellerinnen einfach mögen muss.
          Zum relativ offenen Ende hin sogar sehr spannend.

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          • 9

            Die Regisseurin D.G. Ergüven ist wohl ein Insider, der die ländliche Bevölkerung in der Türkei sehr genau kennt. Ihr Film dokumentiert, wie weit der Staat am Bosporus noch von Europa entfernt ist. Was die moralischen Normen angeht, liegt da mehr als die Meerenge dazwischen. Und bis ins vereinte Europa ist der Weg nicht nur sehr weit, sondern – falls sich da nichts ändert – von den eigenen Wertvorstellungen verbaut.
            Die fünf Waisen, Lale, Nur, Ece, Selma und Sonay, die bei ihrer Oma und ihrem Onkel Erol aufwachsen, werden wegen einer harmlosen Badeplantscherei im Meer (in voller Schuluniform) aber mit Buben aus der Nachbarschaft jetzt zu Hause wie in einem Gefängnis gehalten. Hier lernen sie backen, kochen und putzen. Alles was ein Mädchen wissen muss, wenn es heiratet. Denn das ist das Ziel ihrer Großmutter (Nihal Koldas).
            Die Norm ist die Zwangsehe, wie bei Selma. Sonay kann immerhin ihren Freund heiraten. Aber was da nachts zwischen Ece und ihrem Onkel Erol läuft wird nur ganz im Dunkeln angedeutet. Viel schlimmer ist die darauffolgende medizinische Untersuchung bezüglich der Jungfräulichkeit der Mädchen. Darauf besteht Erol. Ece begeht Selbstmord.
            Es gelingt ihnen immer wieder auszubrechen. Lale freundet sich mit einem LKW-Fahrer an, der ihr beibringt, wie man Auto fährt. Ihr Ziel bleibt ‘Nichts wie weg!‘ und zwar nach Istanbul. Dorthin wurde ihre Lehrerin versetzt. Auch hier gilt der spätmittelalterliche Wahlspruch von der ‘Stadtluft, die frei macht‘.
            Die patriarchalische Gesellschaft wird kriminell, indem sie die Freiheit der Frauen einschränkt und gleichzeitig deren Verhalten mit Sanktionen belegt.
            Ein wichtiger und ein mutiger Film, der von der Leidensgeschichte der heutigen Frauen in der Türkei erzählt, die man so vielleicht nicht mehr für möglich hält.
            Bleibt die Frage, was will uns Frau Ergüven mit dem Titel sagen?

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            • 7

              Der Film ist zu Ende. Während das eine Mädchen im Moment "erfolgreich" war, bleiben die Gedanken bei den anderen Mädchen. Andere Länder, andere Sitten. Möge die Zeit sich darum kümmern. Es war gut diesen Film gesehen zu haben.

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              • 5
                JanCoccotti 01.06.2017, 22:47 Geändert 01.06.2017, 22:49

                Wäre es nicht mutiger einen Film aus der Perspektive der Konservativen zu zeigen? Könnte sich der Zuschauer in diesem Fall überhaupt in irgendeiner Weise mit ihnen identifizieren? Dieser Film geht dieser Frage nicht nach, er zeigt stattdessen fünf Mädchen, die nach und nach zwangsverheiratet werden sollen. Fünf verschiedene Schicksale, fünf verschiedene Charaktere die diesen unwürdigen Situationen ausgesetzt werden. Selten hat man ein gutes Gefühl für die nahe Zukunft, so lustig und schön einige Momente auch sind. Diese Unfreiheit bricht einem das Herz, die älteren Frauen, die diese Welt nie hinterfragten, zerbrechen einem den Kopf. Sie werden Stück für Stück mehr eingesperrt, bis sie es schließlich selbst tun, um dem Schicksal ihrer Schwestern nicht Folge zu leisten. Im entscheidenden Moment rettet sie...ein Mann. Ein sympathischer Mann, aber strikt als Frau kann man, egal wie heroisch die Kleinste auch sein mag, nicht entkommen. Ein großartiger Cast, der mit schöner Filmmusik untermalt wird. Fragen kommen auf, die ich mir kaum ausdenken könnte - oder ist es gewöhnlich, dass die Eltern das blutige Laken nach der Hochzeitsnacht sehen wollen? Der Onkel ist Patriarch durch und durch; bei seiner Einforderung des Respekts wirkt er bedrohlich, der einzige Grund für jenen. Findet er es denn erstrebenswert von den Mädchen gefürchtet zu werden? So sehr, dass seine Mutter zum Schutz der Kleinen zu deren Komplizin wird? Die Mädchen sind natürlich recht sorglos zu Beginn, gehen ein paar Risiken ein, die töricht wirken. Was ist das für eine Tönung der Brille, die es den Kindern nicht erlaubt im Meer mit den Jungs zu spielen oder mit ihnen zu schlafen, während im selben Land und etwas weiter westlich jede einzelne in Freiheit leben könnte? Was ist die Konsequenz aus der Flucht? Ehrenmord? Werden sie ein erfülltes Leben führen? Werden sie zwangsprostituiert? Der Film hinterlässt augenscheinlich einige Fragen, die ungeklärt bleiben. Aber etwas Neues erzählt er nicht.

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                • 7
                  lieber_tee 11.01.2017, 09:01 Geändert 11.01.2017, 09:07

                  Das Oscar-nominierte Coming-of-Age-Drama „Mustang“ ist ein Plädoyer für die Freiheit.
                  Verordnet in einem kleinen türkischen Dorf an der Schwarzmeerküste, wird die nahe Umgebung und das Zuhause von 5 Geschwistern als ein Hort von konservativ-religiöser Moral- und Regel-Vorstellungen, mit knallharten Repression- und Gewaltstrukturen vom Patriarch dargestellt. Aufkommende sexuelle Interessen oder freiheitlich-moderne Gedanken werden im Keim erstickt und mit Paranoia, Einübung traditioneller Werten, Zwangsverheiratung (inklusive Jungfrauenzwang) und vergitterten Fenstern beantwortet.
                  „Mustang“ erzählt konsequent aus dem Blick der Jüngsten den Leidensweg der Mädchen und ihre Versuche gegen dieses System der Unterdrückung zu rebellieren, im wahrsten Sinn des Wortes daraus auszubrechen. Ihre Aufmüpfigkeit und Solidarität untereinander ist dabei überraschend spielerisch-unschuldig erzählt, findet eine sommerlich-weiche Gestaltung, leicht verträumt und melancholisch. Am Ende gibt es einen symbolischen Hoffnungsschimmer, die Großstadt als Ort des freien aber unsicheren Lebens.
                  „Mustang“ ist bewusst ein parteiischer Film. Er ist nicht frei von Klischees. Einen tieferen Diskurs über die Gesellschaft, Politik, ökonomischen Verhältnissen und Bedeutung der religiösen Strukturen in der (südlichen) Türkei spart er aus. Die Story folgt recht konventionell einer Konfrontations-Dramaturgie mit erlösenden Ausgang. Das mag etwas schlicht wirken und vielleicht auch nicht grundsätzlich den Verhältnissen in der (ländlichen) Türkei entsprechen. Aber selbst wenn nur Teile von diesen un-humanistischen Wertvorstellungen unter dem Deckmantel einer Religion, die nur dafür genutzt wird um den Machtapparat von Männern zu unterstützen, der Wahrheit entsprechen, reicht das aus um diesen Aufruf zum Widerstand zu schätzen und zu folgen.
                  7 Telefone im Schrank weggeschlossen.

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                  • 6 .5

                    Ich stimme den ganzen Kritiken zu und mir gefällt der Film, er ist ohne Frage gut gemacht, regt zum nachdenken an und und und...
                    Jedoch erinnert er mich einfach zu sehr an the Virgin Suicides, wo es auch um mehrere Schwestern, Selbstmord durch Verbote, die Frage des Glaubens etc geht nur das dieser realer und nicht zu sehr auf den Suizid fokussiert ist - dieses Detail, die starke Ähnlichkeit zieht den Film in meinen Augen leider sehr runter ..

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                    • Die kulturellen Unterschiede sind schon krass.

                      Fuenf tuerkische Waisen-Schwestern feiern am Strand ihren letzten Schultag. Sie toben zusammen mit ihren Freunden. Das Ganze ist absolut harmlos. Aber nicht fuer ihre Großmutter die von einer Nachbarin erfahren hat, was sie so getrieben haben. Bei ihr und ihrem Onkel erleben sie eine harte tuerkische Erziehung mit Regeln, Pflichten und Vorgaben mit denen die Fuenf nicht klar kommen. Gewalt sowie das Heranwachsen zu einer gefuegigen Hausfrau ist jetzt an der Tagesordnung. Freiheiten haben sie nicht. Es kommt sogar so weit dass sie im Haus eingeschlossen werden und bei Besuch keinerlei nackte Haut zeigen duerfen....

                      Die fuenf Maedchen spielen bis auf eine Ausnahme wirklich zauberhaft. Man kann glaubhaft nachvollziehen dass man sich fast genau so verhaelt, wenn man eine Erziehung erleben muss, die komplett gegen die eigenen Vorstellungen und Wuensche geht. Sie duerfen zudem ihre Sexualitaet nicht offen ausleben, was dazu fuehrt dass sie dies heimlich tun muessen. Was mich an diesem Film der doch recht wenig Spielraum besitzt ein klein wenig gestoert hat, ist dass die Oma und ihr Onkel die doch eine sehr große Rolle spielen im Laufe des Films doch etwas erblassen und nur am Anfang beim Eintreffen der Maedchen recht aktiv sind. Spoiler ! Wie es in dieser Kultur ueblich ist werden die Maedchen eine nach dem Anderen zwangsverheiratet. Die Ehemaenner natuerlich von Oma ausgesucht. Eines der Maedchen kommt mit dem Leben in das sie hereingezwungen wird nicht mehr zu recht und nimmt sich das Leben. Jedoch wirken die restliches Schwestern keinerlei traurig, obwohl sie bis zu diesem Zeitpunkt des Film wie Kletten aneinander hingen und nicht nur Schwestern sondern auch beste Freundinnen waren. Warum ist das der Regie entgangen ?

                      Die Kamera und besonders die Einstellungen sind fuer einen so einfachen Film wirklich gut geworden. Das Ganze ist in vielen Szenen untermalt mit der passenden Musik

                      Fazit : Mustang gewaehrt einen Einblick in eine fremde Kultur den auf jeden Fall riskiert haben sollte.

                      • Rührend -aufrüttelnd & Realitäts nah
                        Mustang: Drama über fünf türkische Schwestern, die in ihrem Heimatdorf für Freiheit kämpfen.
                        Sehenswerter Streifen!

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                        • 7 .5

                          Ein toller Film, handwerklich sehr beeindruckend, Score ragt heraus. Erinnerungen an "The Virgin Suicides" kommen hoch, ich denke, hier wird bewusst zitiert. Wichtige Aussage, zum Schluss sehr spannend. Halboffenes Ende, was großartig passend ist.

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                          • 7 .5

                            Schon ein wenig islamophob das Ganze. Die bösen Kopftuchfrauen aus der Nachbarschaft. "Mustang" wurde von der katarischen (!) Organisation "Doha Film Institute", die von Al-Mayassa bint Hamad bin Khalifa Al-Thani, der Schwester des amtierenden Emirs von Katar, 2010 ins Leben gerufen wurde, mitproduziert. Katar, das Land des wahhabitischen Islams, in dem im Jahre 2022 eine Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen wird. Die Elite von Katar veranstaltet Sportevent-Veranstaltungen, produziert feministische Erziehungsfilme und läuft westlich gekleidet und freizügig umher, während die von der Mehrheit der Türkei demokratisch gewählte, weibliche türkische Elite sich Müllsäcke um die Köpfe schnürt. Kaum zu glauben diese Rollenumkehrung. Sicherlich hat das verstärkte Engagement Katars in europäischen Wirtschaftsbereichen machtpolitische und ökonomische Intentionen. Man versucht sich für die Zukunft zu rüsten, in der der momentan (pro Kopf, nach Kaufkraftparität) reichste Staat der Welt nicht mehr allein auf Öl-Einnahmen und Inderarbeiter zählen kann. Dennoch bin ich verhalten positiv überrascht davon, dass solch ein Film wie "Mustang" nicht nur von der "Film- und Medienstiftung NRW" Fördergelder bekommt. Was die katarischen Bürger wohl von solchen Filmen halten? ;)

                            Eine andere Frage ist jetzt die inhaltliche Qualität des Films. Filmtechnisch finde ich die Umsetzung ausgesprochen gut. Deniz Gamze Ergüven hat einen angenehmen, subtilen Regiestil. Die Kameraarbeit ist gelungen. Der Score ebenfalls. Während ich die erwachsenen Darsteller nicht durchweg überzeugend fand, haben die jungen Darstellerinnen ihre Sache ziemlich gut gemacht. Ein bisschen zu überdreht fand ich ihre Figuren zu Beginn, wofür das Drehbuch verantwortlich zu machen ist, aber es ist durchaus gelungen, das Verhalten von Kindern der dargestellten Altersgruppen treffend zu charakterisieren. Insbesondere Lale, die Jüngste der Schwestern und von Güneş Nezihe Şensoy vortrefflich gespielt, funktioniert ausgezeichnet als Identifikationsfigur für den Zuschauer und trägt den Film über weite Strecken auf ihren Schultern, um ihm am Ende dann auch den richtigen Kick zu mitreißender Dramatik zu geben.

                            Nicht komplett überzeugend fand ich jedoch die Darstellung der Lebensumgebung, in der die 5 Schwestern aufwachsen, sowie die Ausarbeitung der zentralen Konflikte des Films. Mitunter wirkt der Umgang mancher Figuren miteinander recht holprig, das Verhalten der Erwachsenen wird (bewusst) karikiert skizziert. Der Ernst der Lage der Figuren und der Ernst der Sache im Allgemeinen werden von der Atmosphäre über weite Strecken des Films nicht ausreichend transportiert, was sich jedoch bei mehrfacher Sichtung bzw. Reflexion nach Beendigung des Films durchaus legt. Ergüven umgeht das direkte Dramatisieren, indem sie viele Dinge nur andeutet. Vom Erzählstil her gefällt mir das sehr gut, es verhindert jedoch über weite Strecken das emotionale Mitnehmen des Zuschauers, insbesondere bei der Erstsichtung.

                            Psychologisch und philosophisch fehlt es an Tiefe, was für mich letztlich, gerade vor dem Hintergrund der über weite Strecken mangelnden dramatischen Atmosphäre, das Hauptproblem von "Mustang" darstellt. Der Film thematisiert äußere Zwänge, indem er die nach Freiheit strebenden Mädchen auf böse Erwachsene treffen lässt, innere Zwänge behandelt er nicht. Diese sind jedoch der Kern der Problematik. Eine simple Gut-vs-Böse-Geschichte wird der Thematik nicht gerecht. Die im Film dargestellten klischeehaften äußeren Zwänge sind der absolute Ausnahmefall, auch wenn es so etwas natürlich gibt. Der Film funktioniert durchaus als empathischer Coming-of-Age-Film mit Thriller-Potential aus der Sicht der Mädchen, als psychologisches Drama und als aufklärerischer, feministischer, religionsideologiekritischer Film leider nicht, aber vielleicht waren das auch gar nicht die Ansprüche (hier erfährt man mehr dazu: "There’s also something emotional and jubilatory in the film; more jubilatory than life itself because these girls are very brave. The scene where the girls play on the boys’ shoulders which causes this big scandal, for example, is from my own personal life. But at that time I looked down, I blushed, I felt ashamed of myself… It’s only years later that I wanted to react. So in the film, I let that little voice in my head that had been silenced express itself."*), sondern vielleicht sollte "Mustang" tatsächlich nur eine persönliche Ode an die Freiheit sein.

                            Die Einstellung der Regisseurin und Drehbuchautorin ist jedenfalls angenehm zu sehen, das Schauspiel der jungen Darstellerinnen engagiert, der Film an sich sympathisch, die Settings schön gefilmt, die letzte Viertelstunde mitreißend und packend. Sehenswerter Coming-of-Age-Film, den man auf sich wirken lassen sollte, jedoch inhaltlich ohne die thematisch nötige Tiefe und am psychologisch-philosophischen Kern des Problems vorbei, was mich bei solch einer ernsten Thematik und sympathischen Herangehensweise doch etwas enttäuscht zurücklässt. Deniz Gamze Ergüven zeigt aber Talent als Regisseurin und Autorin ihres ersten Langfilms. Ich bin sicher, von ihr wird man noch hören und noch stärkere Filme zu sehen bekommen. Wunderschöne letzte Viertelstunde und die beste Reiseempfehlung für Istanbul, die ich in letzter Zeit gesehen habe.

                            7 1/2 Praktikantinnen für Omas Wife Factory!

                            *http://canimistanbul.com/blog/en/interview-deniz-gamze-erguven/

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                            • 7

                              "Mustang" ist ein guter, sehenswerter Film geworden, der sich aber doch leider ein wenig, wie man bei solch einer Thematik schnell vermuten kann, im Betroffenheitskino verliert, in dem er dem Zuschauer zwar keine Tränendrüsen-Momente aufzwingt, aber dennoch nicht damit spart, die Gefangenschaft der fünf Mädels unter dem Joch von Großmutter und Onkel auf verschiedene Art und Weisen möglichst schrecklich darzustellen. Denn wenn der Film z.B. neben der generellen Gefangenschaft nämlich noch andere Schandtaten des Onkels andeutet, dann verliert "Mustang" den Zuschauer durch seine überkonstruierte Schreckensdramaturgie, die gar nicht vonnöten wäre.
                              Aus aufgeklärter europäischer Sicht ist die eigentliche Thematik schon schrecklich genug: Fünf junge Mädchen dürfen nicht ihre Jugend ausleben, sondern müssen eingesperrt im Haus den Weg der angehenden Ehefrau (und das heißt wiederum Hausfrau) beschreiten.
                              Wie der großartige Titel steht der gesamte Film für die Freiheit des einzelnen, der versucht aus den ihn einengenden (gesellschaftlichen) Verhältnissen zu entkommen. Ein Aufbegehren, dass in dieser äußerst rigide dargestellten Welt meist nur noch sich in kleinen Momenten äußern kann, aber als innerlich flammende Haltung zumindest bis zum Schluss nie erlischt.

                              Deniz Ergüven findet wundervolle, betörende Bilder, die hier tatsächlich dem Plot eine zusätzliche Substanz verleihen. Denn alles scheint zu flirren, scheint aufregend und verlockend zu sein und damit den inneren Drang der Rebellion zu kitzeln.

                              "Mustang" hat eine klare und immer noch wichtige Botschaft, die phasenweise aber zu geradlinig und plakativ eingeimpft wird und damit eine Wertung in höchste Regionen verhindert.

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                              • 7

                                "(...) Deniz Gamze Ergüven wollte mit ihrem Film das permanente Sexualisieren von Allem anprangern – das ist ihr durchaus gelungen. Das Schicksal der fünf Schwestern, durch eine relative Nichtigkeit verändert, ist zum einen bedrückend, aber durch die warme und aus der Beziehung der Schwestern einhergehende optimistische Inszenierung nicht zu depressiv. Der Regisseurin gelingt, die (..) fehlende Tiefe außen vor, somit in ihrem Debüt eine überzeugende Mischung aus Coming of Age und Gesellschaftskritik zugleich (...)"

                                • 6 .5

                                  Durch unseren westlichen Blickwinkel, mit dem wir Deutsche einen Film wie "Mustang" sehen, erscheinen die Zustände, Verhaltensweisen und Traditionen in Deniz Gamze Ergüvens Regiedebüt oftmals erschreckend oder stimmen geradezu wütend.
                                  Die Regisseurin findet für ihre Geschichte von fünf jungen Schwestern, die den gesellschaftlichen Bräuchen, strengen Vorschriften und mitunter jahrhundertealten Denkweisen familiärer, türkischer Erziehung ausgesetzt sind, gleichermaßen konkrete wie traumhaft überspitzte Bilder.
                                  Ein vergleichsweise harmloses Spiel mit gleichaltrigen Jungs am Strand führt zur Katastrophe. Gitterstäbe an den Fenstern und verschlossene Türen machen aus den eigenen vier Wänden ein Gefängnis, zugeknöpfte oder viel zu lange Kleider schnüren die Mädchen in ein eingezwängtes Korsett und ein Leben in Zwangsheirat, dem Mann unterwürfig, soll ihnen bevorstehen.
                                  Ergüven richtet ihren stromlinienförmigen Film ganz nach der kindlich-aufgeweckten Perspektive der fünf Schwestern aus. Dabei setzt sie der bitteren Tristesse eines Lebens in buchstäblichen Fesseln quirlige Energie und den Drang nach neugieriger, unbändiger Selbstbestimmung entgegen.
                                  "Mustang" ist daher unverkennbar ein durch und durch feministischer und femininer Film, in dem die Kamera oft ganz nah an den Körpern und Gesichtern der jungen Darstellerinnen haftet, während Männer hier bis auf kleinere Ausnahmen nicht besonders gut wegkommen. Der Streifen gleitet in seiner einfachen Erzählweise unaufgeregt voran und leistet sich inhaltlich nur ein oder zwei grobe Ausrutscher, die dramaturgisch forciert wirken. Auch wenn den Bildern immer wieder ein schimmerndes Licht anhaftet, das verträumte Unwirklichkeit ausstrahlt, fehlt Ergüven etwas die mutige, experimentelle Verspieltheit, mit der beispielsweise Sofia Coppola in ihrem thematisch durchaus ähnlich gelagerten Werk "The Virgin Suicides" auffiel.
                                  Durch die etwas einseitige, beschränkte Sichtweise ist "Mustang" zwar ein verdichteter Streifen, dessen inhaltliche Brisanz Wirkung zeigt, doch der Eindruck eines weitreichenderen, aufgeschlosseneren Films, der verschiedene Seiten beleuchtet, fehlt Ergüvens Debüt daher.

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                                  • 8 .5

                                    Ich habe den Film seinerzeit bei der Deutschland-Premiere gesehen und war ziemlich begeistert. Natürlich polarisiert der Film ganz bewusst (die Co-Produzenten haben auch von der kontroversen Rezeption in der Türkei berichtet), aber nur so geht es, wenn man eine klare Aussage treffen will.

                                    Zum Film an sich: Die Mädchen, die bis auf eine Ausnahme quasi von der Straße weg gecastet wurden (eine wurde z.B. auf einem Flughafen entdeckt), machen einen großartigen Job und spielen ihre Rollen absolut professionell! Die Geschichte ist spannend, mitreissend, emotional und verfügt auch über den nötigen Tiefgang. Absolut würdiger Kandidat für eine Oscar-Nominierung. Diese hat sich der Film redlich verdient.

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                                    • 8

                                      Nichts hält mich auf

                                      Heute habe ich einer der letzten Chancen genutzt, mir den Film Mustang auf der großen Leinwand anzusehen. Bekanntheit erlangt der Streifen ja vor allem durch seine Nominierung bei den diesjährigen Oscars.

                                      Was ist nun meine Meinung zum Gesehenen? Ich muss wirklich vorne weg sagen, ich habe das Erstlingswerk von der Regisseurin Deniz Gamze Ergüven im türkischen Original mit Untertitel gesehen. Was der gesamten Geschichte, die besonders kulturell geprägt, zusätzlich an Authentizität verleiht. Es geht um die Geschichte von 5 Schwestern, die aufgrund eines Ereignisses zur ihrem Onkel am Land ziehen sollen. Dieser und seine Mutter sehen es gar nicht gerne, das die Mädchen sich so freizügig kleiden und mit den Jungs flirten bzw. herumalbern. Immer mehr beginnt sich die das Haus der jungen Frauen und Mädchen zu einem nichts entkommen lassenden Gefängnis, im wahrsten Sinne des Wortes zu entwickeln. Sie soll zu anständigen Frauen und sozialkonformen Ehe- und Hausfrauen erzogen oder ausgebildet werden. Nichts was sie verderben könnte, darf mehr Platz in ihren Leben spielen. Dieses durchgetaktete Leben, mit all ihren Pflichten aber wenigen Rechten, scheint jegliche Form Freude in den Mädchen im Keim zu ersticken. Doch es regt sich Widerstand an, sie suchen mit inbrünstiger Stimme nach der Freiheit, die ihnen so sehr genommen wurde, daher auch der wunderbar passende Name des Film Mustang.

                                      Es handelt sich hierbei um eine starkes, ehrliches und mahnendes Plädoyer für Selbstbestimmung und den Willen sich von niemandem etwas vorschreiben zu lassen. Alte Rollenmuster, die über Jahrhunderte Bestand hielten, sind für junge, moderne Frauen nicht länger von Bedeutung. Sie streben nach Freiheit und wenn man nun die Ent-Säkularisierungsbestrebungen von Präsident Erdogan betrachtet, scheint dieses Thema bzw. das damit einhergehende Problem, aktueller denn je zu sein. Dieser Streifen verdeutlicht für mich folgendes, es lässt sich die Zeit nicht zurückdrehen, die Lokomotive der Zeit, fährt mit stetiger Geschwindigkeit in Richtung Zukunft und dem hoffentlichen positiven Fortschritt. Wir sollten nicht versuchen, unsere Lebensmodelle, die wir für legitim und richtig erachten, anderen überstülpen und meinen, damit geht es allen besser. Jeder sollte seinen eigenen Weg finden dürfen, frei von Zwängen und gesellschaftlichen Normen.

                                      Ich kann diesen Film wirklich nur jedem ans Herz legen. Wenn man sich die nötige Zeit nimmt, sich auf das geschaffene Werk einzulassen, abseits der gewöhnlichen Hollywood-Formeln, dann wird man einen großen Erkenntnisgewinn erlangen.

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                                        HansNase 27.03.2016, 20:17 Geändert 27.03.2016, 20:22

                                        Nach dem Pflücken eines Apfels beginnt das Unheil. Fünf junge Schwestern aus einem türkischen Dorf, vermutlich nahe Trabzon, werden von Onkel und Großmutter wegen angeblich lustvollem Umgang mit männlichen Schulkameraden im eigenen Haus eingesperrt und sollen sich fortan dem traditionellen Lauf des Lebens einer Frau fügen. Der Apfel als Symbol der Versuchung ist kaum ein Zufall, so wird er auch im Koran zum Auslöser der Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies.
                                        In Deniz Gamze Ergüvens großartigem Drama "Mustang" geht es jedoch nicht um die Bloßstellung religiöser Borniertheit und der türkischen Kultur, es ist weder Culture-Clash, noch Culture-Bash, sondern handelt vielmehr von der Dominanz des männlichen Stursinns, wie er hie und da auf der Welt eine viel zu große Entfaltung erfährt, Frauen die Möglichkeit nimmt, sich als Persönlichkeit zu zeigen, ihnen die Freiheit nimmt und sie letztlich sogar zu Verteidigern dieser Gesellschaftsordnung macht. Insofern sieht man hier religiöse Motive nur an der Oberfläche, vor allem aber sieht man Männer mit ihrer Privatpistole, Hooligans, die das Fußballstadion zur Stierkampfarena machen und Frauen, die still und brav Telenovelas schauen.
                                        Die 5 Mädchen Lale, Sonay, Ece, Nur und Selma, eigentlich lebenslustige Teenager, Kinder, junge Menschen in den wichtigsten Jahren ihren Lebens, werden also in die Pflicht genommen, das Ansehen ihrer Familie nicht zu "beschmutzen", das Haus nicht mehr zu verlassen und irgendwann einem fremden Mann Treue zu schwören. Nach dem Apfel ist nun die Fliege an der Fensterscheibe das Symbol ihres Lebens. "Mustang" begegnet diesem Szenario aber nicht mit Tristesse, sondern baut ganz und gar auf die vor Vitalität brennenden und glänzend besetzten Mädchen. Allen voran brilliert die Jüngste, Güneş Nezihe Şensoy als Lale. Sie ist 14 Jahre alt und verkörpert ihre Figur als aufmüpfiges, unbestechliches Kind, das in den facettenreichen 94 Minuten lernt, Verantwortung zu übernehmen und erwachsen wird. Dadurch ist der Film immer lebendig, stellenweise urkomisch, wird mit jeder Kameraeinstellung besser und durchwandert alle Gefühle, die das Kino ausmachen. In der glücklichsten Momenten der 5 ahnt man die bösen Folgen. Beschwingtheit weicht Verbitterung, Verbitterung weicht Hoffnung. Und aus der Hoffnung entsteht ein unvermuteter Showdown - Das Drama wird schließlich zum Thriller.
                                        Wie geht man mit einem vorbestimmten Leben um? "Mustang" hat fünf Hauptfiguren. Und liefert entsprechend mehrere Antworten. Die machen glücklich oder betroffen und den Film zum emotional ausgereiftesten Stück Kino des bisherigen Jahres.

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                                        • 9 .5

                                          Spitzenfilm, unbedingt im Kino sehen!

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                                            Ein ziemlich guter Film!
                                            Die Geschichte nimmt schnell Fahrt auf, Emotionen kommen sehr gut rüber man kann sehr gut mit den jungen Frauen mitfühlen.

                                            Allerdings fehlte mir noch etwas...an einem besagten Punkt der Story, hätte ich mir da etwas mehr erwünscht allerdings wurde der Fokus nicht genügend darauf gelegt knapp 90Minuten sind auch zu kurz gewesen für meinen Geschmack.

                                            • 8

                                              "Mustang" raubt mir den Atem. Irgendwo in der türkischen Provinz soll der Freiheitswunsch fünf junger Schwestern mit harter Hand im Keim erstickt werden. Der Weg zur gefügsamen Ehefrau ist Hausarbeit hinter Gittern. Es macht traurig. Es macht wütend. Und es macht Lust auf weitere tolle Filme der Regisseurin.

                                              Ein bisschen mehr zu diesem starken Drama habe ich hier geschrieben: https://miseencinema.wordpress.com/2016/03/05/mustang/

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                                              • 5 .5

                                                ""Mustang" ist alles andere als ein wertfreier Film. Mit dem Patriarchat wird konsequent abgerechnet. [..] Der Plot folgt einer Konfrontations-Logik, die in ihrer unbedingten Stringenz beizeiten etwas gezwungen wirkt. Die unverwüstliche Grunddynamik bleibt klar: Zwei Regime begehren gegeneinander auf. Aber die strikte Erzählweise des Films lässt manchmal wenig Luft: Alles wirkt unvermeidlich, ein wenig vorgegeben. Mustang ist ein Film, der einem keine Wahl lässt." [Johannes Bluth]

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                                                • 8

                                                  Freiheit setzt sich durch. Kann man meckern, aber es ist doch alles viel schlimmer und was schlimm ist, bleibt im Film nur verdeckt, nicht mehr als ein Hauch, eine Ahnung und alles andere erfüllt von Lebensfreude, solcher Lebensfreude, eine türkische Antwort auf Amelie, nur ohne Liebe und Kitsch, dafür mit Schrecken.
                                                  Herausragend!

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                                                    [...] Es ist simple Lebenslust, Sehnsucht nach der großen Welt, nach Liebe und Freiheit, die ihnen untersagt wird, die logische Folge daraus Flucht und Widerstand, „Mustang“ gelingt es diese Gefühle in Bilder zu fassen. Indem sie die Schwestern sowohl als Einzelpersonen als auch als nicht trennbares Kollektiv charakterisiert, gelingt es der Regisseurin anhand ihrer Gruppendynamik immer wieder emotional mitreißende Momente zu kreieren. Lediglich die Flucht in die Anonymität einer Großstadt gegen Ende scheint zu kurzfristig und nicht durchdacht genug um als ernstzunehmende Lösung für ein viel größeres Problem durchzugehen.
                                                    Inwiefern man „Mustang“ nun als Kritik an einem rückständigen Wertesystem bezeichnen kann, sei dahingestellt, denn für eine wirklich tiefgründige Auseinandersetzung bleibt der Film über weite Strecken zu oberflächlich. Andererseits scheint diese Kritik auch nie das Hauptaugenmerk der jungen Regisseurin zu sein, vielmehr nutzt sie die gesellschaftlichen Konventionen um einen allseits gegenwärtigen Hintergrund für ihre emotionale Handlung vom Streben nach Freiheit zu schaffen und gleichzeitig zu verdeutlichen in welchem Ausmaß die festgefahrenen Regeln und Sitten im gesellschaftlichen Grundverständnis der muslimischen Kultur verankert sind. „Mustang“ ist dabei keinesfalls ein politischer, jedoch umso mehr ein menschlicher Film.

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