Babylon Berlin überrascht mit seiner bisher schockierendsten Wendung

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Babylon Berlin
19.10.2018 - 09:45 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Babylon Berlin schockiert in Folge 9 und 10 mit einem überraschenden Tod, während Gereon der Ermittlung eines Kollegen zu entkommen versucht. Was passierte in der Nacht zwischen ihm und dem tätowierten Priester?

Gereon Rath ist einer von den Guten. Das bleibt unsere Grundannahme in Babylon Berlin. Der Kommissar aus Köln zeigt sich von den Methoden und Schachereien der Polizei in Berlin noch befremdet, doch anscheinend färbt die Stadt auf ihn ab. In Folge 9 und 10 der Serie, den ersten von Staffel 2, manipuliert Gereon Beweisstücke eines Mordfalls. Der "heilige Josef" wurde erschossen und Gereon hält sich offenbar für den Hauptverdächtigen. Als wäre das nicht genug, steckt der Armenier ihm auch noch Zettelchen zu. Genau der Armenier, der auch mal unliebsame Kollegen an deren Verwandtschaft verfüttert. Sagen wir es also mal so: Gereon hat sich eingelebt in Berlin. Es ist ein vergleichsweise ruhiger, sondierender Beginn der 2. Staffel von Babylon Berlin, der in einem waschechten Schock endet. Gereons Assistent Stephan wird von Unbekannten erschossen, ein überraschender Adrenalinstoß in dieser Phase von Babylon Berlin.

Drei wichtige Fragen nach Folge 9 und 10 von Babylon Berlin

  • Wer ist Ernst Gennat? In Folge 9 von Babylon Berlin werden die Leichen der Roten Festung ausgegraben, also der Trotzkisten, die vom sowjetischen Geheimdienst in der Druckerei erschossen wurden. Dabei trifft Gereon Rath (Volker Bruch) auf einen gewissen Ernst Gennat (Udo Samel), eine füllige Gestalt aus der Mordkommission, über die alle tuscheln. Gennat gab es wirklich. Der "Buddha", so sein Spitzname, revolutionierte die Polizeiarbeit. Er förderte moderne Methoden bei der Spurensicherung, etwa dass am Tatort Beweismittel nicht angefasst und Leichen oder Gegenstände nicht bewegt werden durften. Außerdem führte Gennat einen "Mordwagen" mit mobilen Gerätschaften für die Polizeiarbeit sowie die "Zentralkartei für Mordsachen" ein, eine Datenbank für gewaltsame Todesfälle in ganz Berlin*. Beides war wegweisend nicht nur für die Kriminalistik in Deutschland.
Udo Samel als Ernst Gennat in Babylon Berlin
  • Was hat der Armenier Gereon gegeben? Vor dem Eingang zur roten Burg, dem Polizeipräsidium am Alexanderplatz, trifft Gereon den Armenier (Misel Maticevic). Der steckt ihm einen Zettel mit einer Radiofrequenz zu. So viel ist sicher - also nicht besonders viel. Danach leiht sich Gereon bei seinem ehemaligen Mitbewohner ein Radio. Wie kommt es, dass der Armenier und Gereon, die vor kurzem noch bedroht/entführt haben, jetzt Radiotipps austauschen? Hier tappen wir im Dunkeln, da noch immer unklar bleibt, was genau in jener Nacht geschah, in der Gereon unter Drogen gesetzt und entführt wurde.
  • Wer hat Stephan ermordet? Dieses Geheimnis haben wir dem bisher größten Schock in Babylon Berlin zu verdanken. Stephan Jänicke (Anton von Lucke) ist auf dem Weg zur Wohnung von Kollege Bruno Wolter (Peter Kurth), wo Gereon Rath mit Familie untergekommen ist. Die Abkürzung übers Industriegelände wird für den jungen Mann zum Grab. Er wird verfolgt und mit einem Kopfschuss getötet. Stephan war nicht nur der Assistent von Gereon. Er beobachtete im Auftrag von Regierungsrat Benda (Matthias Brandt) auch Bruno Wolter und dessen Kontakte in der Schwarzen Reichswehr. Ob Wolter Stephan bei seiner letzten Lippenlesaktion gesehen hat, bleibt unklar. Von allen Fraktionen in Babylon Berlin (Sowjets, Gangster, Polizei, Generäle) liegt der Verdacht am ehesten auf der Schwarzen Reichswehr.
Stephan Jänicke ist der erste wirklich schockierende Todesfall in Babylon Berlin
  • Und natürlich: Wann geht es mit Babylon Berlin weiter? Nächsten Donnerstag, am 25.10. laufen die nächsten beiden Folgen der 2. Staffel. Alle Sendetermine von Babylon Berlin haben wir euch an anderer Stelle aufgeführt. Außerdem steht die komplette 2. Staffel bereits in der ARD Mediathek  zur Verfügung.

Das Leben ist in Babylon Berlin nicht viel wert

Charlottes Schwager versucht ihre kleine Schwester an einen Freund zu verscherbeln. Später wird der Amtsarzt drei Mark für den Totenschein der toten Mutter verlangen. 80 Mark würde die Bestattung kosten. Die Charité nimmt die Leiche für wissenschaftliche Untersuchungen "geschenkt". Lebendige Menschen sind wenig wert. Erst im Tode - wenn es nämlich um die Entsorgung geht - erhöht sich der Preis in diesen vom Tod eingerahmten Episoden, die mit der Ausgrabung von 15 Leichen beginnen und der Hinrichtung eines jungen Mannes enden.

Nach der Plot-Explosion in den letzten beiden Folgen von Babylon Berlin, wird in Episode 9 und 10 zunächst die Lage sondiert. Alfred Nyssen (Lars Eidinger) bringt nach der Erniedrigung durch seine Mutter die Schwarze Reichswehr auf den Geschmack des Goldes. Charlotte (Liv Lisa Fries) erhält von Bruno ihr Führungszeugnis. Der Weg zur Festanstellung in der Polizei steht frei. Sie nähert sich auch Gereon wieder an, der im Verlauf der Folgen sein eigenes kleines Ermittler-Team aufbaut - und trotzdem alles alleine macht. Gereon eben. Der hat allerdings einige Geheimnisse, denn zu den vielen Leichen in diesen Episoden von Babylon Berlin gehört der "heilige Josef", der tätowierte Priester aus den Reihen des Armeniers. Er trug offenbar eine Kugel von Gereon in sich. Die tauscht der Kommissar heimlich aus. Außerdem lässt er verdächtige Kleidungsstücke (mit Zementflecken vom Tatort) verschwinden.

Benno Fürmann und Pferd (links) in Babylon Berlin

Gereon bricht die Regeln seiner Zunft, insofern sollte er sich gar nicht erst aufs moralische Ross schwingen, als sein Vorgesetzter Benda mit den Sowjets einen Deal eingeht: Er erhält die Namen der Schwarzen Reichswehr und lässt dafür die Untersuchung der Ermordung der Roten Festung ruhen. So läuft es im politischen Minenfeld Berlin im ausgehenden 1929. Die 15 Leichen sind im Tauschgeschäft mehr wert als die 15 Leben, die ausgelöscht wurden.

In der Musik trumpft Babylon Berlin erneut auf

Die bittersüße Ekstase in Babylon Berlin wird nun auch endlich durch Bryan Ferry besungen, dessen Bryan Ferry Orchestra schon seit der ersten Staffel wichtiger Bestandteil des Soundtracks ist. Nun steht der Art-Rock-Dandy auf der Bühne des Moka Efti und trällert 1929 den Song "Bitter Sweet", der 1979 auf dem famosen Roxy Music-Album Country Life erschien. Wenn ihr eines aus Babylon Berlin mitnehmt, dann bitte: Hört mehr Roxy Music! Jedenfalls findet hier die Parallelität der Zeiten in Babylon Berlin ein Gesicht. Einerseits haben wir die Insignien eines historischen Stoffes, in dem Wert darauf gelegt wird, dass die halbe Stunde in der Badewanne im Volksbad Wedding 1929 25 Pfennig gekostet hat (und es die Handtücher für 'nen Sechser gab).

Ein Traum als Tanzszene in Babylon Berlin

Andererseits eröffnet das Moka Efti durch die musikalische Gestaltung, aber auch die Tänze, ein Tor in die Zukunft. Ferry wurde als Songwriter von Kurt Weill beeinflusst . Sein Auftritt in der Serie, die ein Jahr nach der Premiere von Weills und Bertold Brechts Dreigroschenoper spielt, fällt nicht komplett aus der Zeit. Der Effekt ist weniger dramatisch als beispielsweise der Einsatz von Nirvanas "Smells Like Teen Spirit" in Moulin Rouge. Trotzdem wird in Babylon Berlin auf diese Weise mit der sklavischen Rekreation historischer Details gebrochen. Die Serie bietet ein Porträt der Zeit, das über die Nachahmung hinausgeht.

Weit weniger auffällig ist da der Fakt, dass der Song "Mir ist so nach dir", zu dem Helga und Gereon in einer vorzüglichen Szene durch die Wohnung tanzen, erst 1930 erschienen ist. Hier bricht sich die Süße in der bittersüßen Welt von Babylon Berlin Bahn, in der das Leben hier und jetzt alles zu sein scheint, was zählt, aber es eigentlich nichts zählt. Durch die sonnige Küche tanzen die beiden, als stünde ihnen das gemeinsame Leben endlich, nach zehn Jahren, offen. Gereons Bruder Anno wurde für tot erklärt. Ein gemeinsames Leben in Berlin scheint möglich. Aber schade, es ist nur ein Traum.

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Alle Recaps zu Babylon Berlin

Ein Schmankerl: Im Archiv des Vorwärts  kann man nach Ernst Gennat suchen und zeitgenössische Artikel nachlesen, in denen er erwähnt wird.

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