Babylon Berlin - Das ist quälendes Körperfernsehen

Babylon Berlin
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Babylon Berlin
05.10.2018 - 09:45 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Gewalt, Verschwörungen und Spionage dominieren die Folgen 4, 5 und 6 der 1. Staffel Babylon Berlin, die zur Zeit im Ersten läuft. Wir klären die offenen Fragen zu den neuen Episoden.

Es säuselt ins Telefon von Gereon Rath: "Der Gute Kamerad/Ich hatt' einen Kameraden". Mit dem geheimnisvollen Anrufer endet die 6. Folge der 1. Staffel von Babylon Berlin, der teuersten deutschen Serie. Im Ersten feierte sie am Sonntag mit sehr guten Quoten ihre Free-TV-Premiere. Der zweite Block mit drei Folgen (Folge 4, 5 und 6) lief gestern Abend. Darin offenbaren sich rechtsnationale Verschwörungen, während die Polizei am 1. Mai linke Protestierende niederschießt. Das Land ist gespalten in Babylon Berlin, politisch, sozial, religiös, moralisch. Das ist die Lehre aus diesem Mittelteil von Babylon Berlin, in dem jeder jedem hinterher spioniert und selbst am Sonntag im Sonnenschein über Massenerschießungen der Bourgeoisie philosophiert wird.

Drei wichtige Fragen nach Folge 4, 5 und 6 von Babylon Berlin

  • Was planen die Generäle im Schloss? Zur Jagd treffen sich die Militärs um Generalmajor Seegers und Oberst Wendt (Benno Führmann), aber sie verfolgen größere Pläne. Die Gruppe steht stellvertretend für die Schwarze Reichswehr, ein Sammelname für paramilitärische Verbände in der Weimarer Republik, die sich über die militärischen Beschränkungen des Versailler Vertrages hinwegsetzten und heimlich aufrüsteten. Die Schwarze Reichswehr war an Putschversuchen und Morden beteiligt. Die Sammlung von Truppen lässt auf weitere Umsturzversuche oder Anschläge von rechts schließen. In der Serie wird sie von Alfred Nyssen (Lars Eidinger) befördert, der dem Hitler-Unterstützer und Industriellen Fritz Thyssen nachempfunden ist. Auf seinem Namen ist der Zug mit Giftgas und Gold aus Russland nach Berlin gekommen und auch er hat eine Affäre mit Gräfin Swetlana Sorokina.
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  • Von wem wird Bruno Wolter verfolgt? Bruno spioniert seinem Kölner Kollegen Gereon hinterher, aber er wird selbst verfolgt. Wir haben bereits gesehen, wie Stephan Jänicke, der Assistent Gereons, Bruno im Café mit Generalmajor Seegers beobachtet, in dem er Lippen liest. Später wühlt er im Schreibtisch des Kommissars. Er beschattet Bruno im Auftrag des Regierungsrats August Benda. Benda wirft ein Auge auf die rechtsnationalen Umtriebe im Revier, was Bruno mit seiner Seegers-Connection verdächtig macht.
  • Wer ist der Gangster? Der sogenannte Armenier (Misel Maticevic) ist Oberhaupt einer Verbrecherorganisation. Deren Vorbild sind die Ringvereine, eine Art Berliner Mafia in den 20er Jahren, die von der Polizei geduldet wurde. Der Armenier, der zur Einschüchterung auch mal menschliche Zungen verfüttert, erfährt durch Kardakow von dem Gold. Außerdem steckt er hinter dem Porno-Erpresserring*, der Gereon nach Berlin führt. An seiner Seite steht ein Arzt, der die Kriegsversehrten Berlins um sich sammelt. Während der Armenier an das organisierte Verbrechen aus M - Eine Stadt sucht einen Mörder erinnert, wirkt der Arzt wie eine Mischung der Doktoren Mabuse und Caligari.
  • Und natürlich: Wann geht es mit Babylon Berlin weiter? Nächsten Donnerstag laufen die letzten beiden Folgen der 1. Staffel. Alle Sendetermine von Babylon Berlin haben wir euch an anderer Stelle aufgeführt. Außerdem steht die Staffel in der ARD Mediathek  zur Verfügung.

Babylon Berlin ist quälendes Körperfernsehen

Der Plot tuckert in den drei Folgen voran, die unseren lieben Verschwörer Kardakow nochmal so richtig durch die Mangel nehmen. Das wandelnde Crashtest-Dummy schwamm bereits in einer Kloake und fiel auf einen Kahn Kohlen. Diesmal wird Herr K. von seiner Geliebten angeschossen und fällt in die Tiefe. Was er überlebt. Natürlich. Die imaginäre Dornenkrone wird dem musikalischen Trotzkisten aufgesetzt, als er den Armenier zum vermeintlichen Gold führt und dafür eine Brise Phosgen abkriegt. Die er auch überlebt. Natürlich. In einem anderen Kontext wäre das unglaubwürdig, aber ehrlich gesagt hat die Tortur des Teufelsgeigers mittlerweile ihren eigenen Unterhaltungswert. Sozusagen als Miniserie innerhalb von Babylon Berlin. Was wird Kardakow als nächstes auf aberwitzige Weise durchleben müssen?

Simpsons-Figur oder betrogener Trotzkist?

In diesen drei Folgen erweist sich Babylon Berlin als sinnlich brutales Körperfernsehen. Die schwitzigen Gesichter und fettigen Haare der übernächtigten jungen Damen auf Arbeitssuche sorgen für Authentizität. Wenn der wunderbare Peter Kurth als Bruno Wolter in den Kellern des Moka Efti posiert, als erwarte er Besuch von Peter Paul Rubens, spielt die Serie mit den gewohnten Darstellungsmechanismen nackter Körper. Von Kohle geschwärzte Arbeiter-Lungen werden wie Lumpen in die Höhe gehalten. Die Wangen der hohen Herrschaften, die sich auf dem Landsitz der Industriellenfamilie Nyssen treffen, ziert derweil ein Schmiss tiefer als der andere. Ob von einer burschenschaftlichen Bewährung oder dem Krieg davongetragen, ist bei manchen schwer auszumachen. Das Leben, das harte wie weiche, und die gesellschaftliche Schicht, in der es verbracht wurde - all das spielt sich mindestens ebenso auf der Epidermis der Figuren von Babylon Berlin ab wie in ihren Dialogen.

Wie auch nicht nach der massenhaften Körperzerstörung im Ersten Weltkrieg? Der "Große Krieg", wie er anderswo genannt wird, ist seit über zehn Jahren vorbei, doch prägt er das Leben in Babylon Berlin noch immer. Small Talk beginnt mit der Frage, wo man gedient habe. Frauen warten in Erinnerung an ihre gefallenen Männer auf Tröstung. Man ahnt, warum die junge Generation die Nächte durchtanzt, wenn man das Zittern in den Händen der Älteren sieht. Gereons Tremor könnte seine Stelle in Gefahr bringen, doch wenn man sieht, wie andere Kriegsversehrte leben, etwa in einer Junkie-Höhle, dann hat es unser Kölner Held mit seinen sauberen Heroin-Kapseln vergleichsweise gut getroffen. Der Kontrast zwischen der heimlichen Aufrüstung auf dem Land und den strammstehenden Männern des Armeniers mit ihren zerschossenen Gesichtern und amputierten Gliedmaßen offenbart derweil Konstanten in dieser Gesellschaft, die Dienstgrade und Schichten überwinden.

Wunden überziehen das Deutschland in Babylon Berlin

Gleichzeitig ist die Gesellschaft in Babylon Berlin, die uns in der Hauptstadt als Petrischale präsentiert wird, tief gespalten. "200 Tote am 1. Mai ?" Diese Schlagzeile gab es wirklich nach dem Blutmai von 1929, der drei Tage dauerte. In Babylon Berlin werden wir einmal mehr mit Gereon Rath hineingeworfen ins Geschehen, der in einer aufreibenden Sequenz zwischen den Fronten den Schlägen zu entkommen versucht. Der SPD-Bürgermeister lässt die Schutzpolizei gnadenlos gegen die linken Demonstranten in Neukölln und im Wedding vorgehen. Auch die gepanzerten Fahrzeuge mit Maschinengewehren gab es wirklich, deren Opfer durch die Polizei vertuscht werden sollen. Rath steht unter Druck.

Ein Moment vom Format der Tanzszene der zweiten Folge fehlt in diesem Block von Episoden, nicht zuletzt weil sich hier in allen Ecken diskrete Grenzen auftun. Im Moka Efti gingen die Besucher in der Ekstase auf, verschmolzen gerade durch ihre unterschiedlichen Bewegungen. Es war ein Traum, blicken wir ins Tageslicht, wo die Fragmente der Nachkriegsgesellschaft aufeinander driften wie gewaltige Kontinentalplatten. Eruptionen tun sich auf, Repression und Rebellion. Wie gut die Serie (auch dank der Vorlage!) abgesehen von ein paar Erklärbär-Dialogen über Trotzkisten geschrieben ist, zeigt sich indes weniger in der Rekonstruktion eines historischen Ereignisses, denn im Detail. Wie etwa ein geklautes Ruderboot aus dem bürgerlichen, geschlossenen Verein nebenan zur mikroskopisch kleinen Rebellion der Arbeiter werden kann. Garniert mit Lenin-Zitat.

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*Der Porno-Plot ist von allen der uninteressanteste in Babylon Berlin, aber er hat seine Existenz allein durch den Cameo von Josef von Sternberg gerechtfertigt. Gereon Rath wird vom Regisseur von Der Blaue Engel und Shanghai Express als Kretin beschimpft. Eigentlich kann er jetzt glücklich sterben.

Schaut ihr gerade die 1. Staffel von Babylon Berlin?

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