Beste Regisseure aller Zeiten - Platz 7: Michelangelo Antonioni

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© Die Lupe
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Ein italienisches Doppel gibt es in der Top 10 der besten Regisseure aller Zeiten nach Wertung der Community-Mitglieder von moviepilot. Nach Sergio Leone auf Platz 8 folgt heute sein Landsmann und Zeitgenosse Michelangelo Antonioni. Beide erlangten internationale Popularität, als das italienische Kino boomte. Leone drehte erfolgreich epische Genrefilme, wohingegen der 1912 in Ferrara geborene Antonioni mit Dramen über die Entfremdung des Menschen in der prosperierenden Nachkriegsgesellschaft Weltgeltung erlangte. Das führte ihn nach Erfolgen wie Liebe 1962 und Die Nacht über die Grenzen Italiens hinaus, wo er seinen vermutlich berühmtesten Film inszenierte: das Krimi-Mysterium BlowUp - Ekstaze '67. Bei der moviepilot-Community erreichen die zulässigen Filme des Regisseurs durchschnittlich nur rund 500 Bewertungen, sodass Michelangelo Antonioni einer der am wenigsten gesehenen Regisseure auf den vorderen Plätzen ist. Dabei gehört er zu den einflussreichsten Filmemachern seiner Zeit. Spuren seiner innovativen Filme finden sich bei Michael Haneke, Sofia Coppola, Wim Wenders und der halben Wettbewerbsbesetzung internationaler Filmfestivals. Liebhaber des jüngeren Arthouse-Kinos sollten sich vor dem nächsten Ticketkauf auf jedem Fall dem Meister widmen.

Den idealen Eintritt in die Welt von Michelangelo Antonioni muss jeder selbst finden. Es lohnt sich, gleich mit mehreren Filmen anzufangen, um ein Gespür für die Feinheiten von Antonionis Inszenierung zu erlangen, die von mindestens ebenso großer Bedeutung wie die Handlung ist. Man nehme Liebe 1962 (von ... 1962) und Die Nacht (1961) und arbeite sich über diese Beziehungsdramen in Richtung Die mit der Liebe spielen (1960) zurück, der vielfach als Meisterwerk in der Filmografie von Antonioni gehandelt wird. Bei der Sight and Sound-Umfrage der besten Filme aller Zeiten, die alle zehn Jahre durchgeführt wird, kam L'avventura (so der Originaltitel) auf Platz 21 ins Ziel. In dem Drama vergnügt sich eine Gruppe von reichen Italienern auf einer Yacht. Ein Abstecher auf eine felsige Insel trübt die Stimmung. Anna (Lea Massari) verschwindet auf dem Eiland spurlos, ihr Freund Sandro (Gabriele Ferzetti) und Freundin Claudia (Monica Vitti) kommen sich auf der Suche näher. Bei der Premiere in Cannes wurde der Film ausgebuht, wohl wegen seiner reduzierten Handlung, den langen Einstellungen und dem unaufgelösten Geheimnis in seinem Zentrum. Prämiert wurde er beim Festival trotzdem und sollte zusammen mit zeitnahen Filmen wie Außer Atem den europäischen Autorenfilm maßgeblich prägen.

Die Geschichte der Suchenden, die selbst verloren scheinen, wird in Die mit der Liebe spielen weniger durch Dialoge, sondern vor allem durchs Verhältnis der Menschen mit ihrer Umgebung erkundet. Die schroffe Felsoberfläche der kleinen Insel wird zur abstrakten Komposition von Einsamkeit und Ziellosigkeit der Verschwundenen und zu verschwinden Drohenden. In Die Nacht und Liebe 1962 sollte Antonioni seine Filmwelten weiter in die Abstraktion treiben, während die Beziehungen seiner Hauptfiguren an Aussichtslosigkeit zunahmen. Diese Entwicklung gipfelt in Antonionis erstem Farbfilm Die rote Wüste von 1964. Darin lässt das Leben zwischen Industrieanlagen die von Monica Vitti gespielte Hauptfigur an der Realität selbst zweifeln.

Antonioni traf mit diesen anspruchsvollen Studien des modernen Lebens einen Nerv. Das zeigt nicht zuletzt der kommerzielle Erfolg von Blowup, der Antonionis Themen 1966 ins Swinging London mit seinen Models, Musikern und möglichen Mördern versetzte. 20 Millionen Dollar spielte der Film über einen Fotografen (David Hemmings) ein, der auf einem seiner Bilder ein Verbrechen zu entdecken glaubt. Als Schnappschuss einer kreativen Explosion in Mode, Musik und Film wurde Blowup ein Dokument der Zeit, auch weil Darsteller und Cameos wie Veruschka, Jane Birkin und The Yardbirds ihm eine unverkennbare Authentizität verliehen. Oder vielleicht erscheint das auch nur so, weil das Bild der Swinging Sixties durch Szenen wie jene, in der David Hemmings lustlos mit seinem Auslöser über Veruschka herfällt, mitgezeichnet wurde.

Nun führt kein Weg an Antonionis weiteren internationale Arbeiten vorbei, dem traurigen Counter Culture-Abgesang Zabriskie Point (1970) und Beruf: Reporter (1975) mit Jack Nicholson und Maria Schneider in den Hauptrollen. Allerdings sollte das Frühwerk Antonionis nicht unterschätzt werden. Antonioni hatte in den 40er Jahren in Bologna Wirtschaft studiert, bevor er als Kritiker seinen Weg zum Film fand. Sein Spielfilmdebüt Chronik einer Liebe von 1950 deutete bereits Antonionis innovativen Einsatz der Kamera an. Trotz einiger Parallelen machte sich zudem seine Distanz zum damaligen Neorealismus mit bemerkbar. So verzichtete er beispielsweise auf Laiendarsteller. Die Freundinnen von 1955 kündigte den singulären Weg des Regisseurs mit geduldigen Einstellungslängen und lose verbundenen Handlungsepisoden an. Der Selbstmordversuch einer jungen Frau steht am Anfang des Films und dieses Motiv des Verschwindens in der entfremdeten Moderne wurde tragend für das Werk für Michelangelo Antonioni, der 2007 im stattlichen Alter von 94 Jahren Rom verstarb. Am selben Tag wie Ingmar Bergman.

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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.
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