Black Mirror Staffel 5: Horror der Social Media-Welt wird in starker Folge entlarvt

Black Mirror: Smithereens
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Black Mirror zeigt uns seit jeher, was für grausame Folgen der falsche Umgang mit Technologie mit sich bringt. Meistens waren diese Geschichten in der Zukunft angesiedelt. Folge 2 der 5. Staffel von Black Mirror konfrontiert uns mit der harten Gegenwart - und ist gerade deshalb so stark.

Es spricht für die Serie, dass am Anfang von Smithereens eine simple Geiselnahme steht und zum Ende ein gesamtes Mediensystem hinterfragt wird. Die Folge dekonstruiert Machtverhältnisse und ist dadurch so aktuell, wie noch nie.

Die drei wichtigsten Erkenntnisse der Black Mirror-Folge

  • Smithereens ist ein 70-Minütiges Warnvideo für Fahrschüler
  • Praktikanten haben es schwer
  • Nicht einmal im Schweigekloster hat man seine Ruhe

Die Smithereens-Episode ist voller Fake-Netzwerke

Chris (hervorragend gespielt von Sherlock-Darsteller Andrew Scott) ist am Ende. Nachdem er seine Verlobte bei einem Autounfall verloren hat, sucht er Trost bei einer Selbsthilfegruppe. Gesagt hat er dort allerdings noch nie etwas. Sein Zustand verbessert sich auch nicht, als er mit einer ebenfalls vom Schicksal gebeutelten Frau schläft, die verzweifelt versucht, in den Social Media-Account ihrer verstorbenen Tochter einzudringen.

Ab hier sollten wir uns auf das erste Zaunpfahl-Gewinke einstellen, das diese Black Mirror-Folge durchzieht. Das soziale Netzwerk heißt Persona und steht offensichtlich für die Rechte-freie Variante von Facebook. Wir erfahren außerdem, dass Chris ein Taxifahrer für eine App namens Hitcher ist - das Uber des Black Mirror-Universums. Und dann ist da noch das titelgebende Smithereens.

Smithereens erzählt ein packendes Geiseldrama

Smithereens ist eine Art Twitter, inklusive der Macht von Facebook. Ohne Probleme kann die Firma sämtliche Aktivitäten der Nutzer in kürzester Zeit abrufen. Damit stellt sie sogar die Fähigkeiten der Polizei in den Schatten. Chris hat mit der Firma noch eine Rechnung offen. Als er einen Mitarbeiter der Firma (ausgerechnet den Praktikanten) entführt, finden wir uns in einem packenden Entführungs-Thriller wieder.

Chris nimmt den Praktikanten Jaden als Geisel, während er versucht, den Geschäftsführer von Smithereens zu erreichen. Daraus entspinnt sich ein hochspannendes Kommunikationsgeflecht aus Polizei, FBI und der Firma, die den Geschäftsführer Billy Bauer bis zuletzt nicht aus dem Schweige-Urlaub holen möchte.

Diesmal sehen wir keine futuristischen Gadgets, keine Hologramme und keine mörderischen Sci Fi-Roboter, wie es sonst bei Black Mirror üblich ist. Stattdessen beobachten wir verzweifelte Menschen am Telefon.

Die Auflösung von Smithereens ist ernüchternd

Smithereens ist bodenständig und hebt die Folge gerade dadurch auf eine nachvollziehbare Ebene. Chris' Motiv für die Entführung ist dann zwar ernüchternd, aber auch schockierend wirklichkeitsnah: Er hat damals am Steuer auf sein Handy gestarrt und dadurch den Tod seiner Verlobten verursacht. Als Chris den Firmenchef damit konfrontiert, ist dieser sprachlos.

An dem Twist werden sich vermutlich die Geister scheiden. Viele Zuschauer erwarten wohl eine spektakulärere Auflösung, vielleicht etwas weniger Vorhersehbares.

Black Mirror beweist jedoch Mut, überaus direkt auf die vielen realen Verkehrstoten hinzuweisen, die jährlich aufgrund der Ablenkung durch ihre Smartphones sterben. Wohl kaum jemand wird sich nicht in diese Situation hineinversetzen können. Viel tiefer sitzt in Smithereens allerdings die Frage nach Macht.

Das Machtverhältnis dreht sich in Smithereens um

Die Firma wird als mächtigster Player überhaupt eingeführt. Im Café ist jeder Gast in sein Smartphone vertieft und scrollt vermutlich durch den Newsfeed des Twitter-Klons - ein Bild, das direkt aus dem Leben gegriffen sein könnte.

Chris' Fahrgast am Anfang der Folge offenbart ihm auch noch, dass sie am liebsten bei Smithereens arbeiten würde. Die Beliebtheit des Konzerns kommt diesem zugute: Spätestens bei der Geiselnahme wird klar, dass nicht die Polizei oder der Staat, sondern der Konzernriese die Fäden in der Hand hält. Damit zeigt uns Black Mirror erstmals die sonst verborgene Seite von sozialen Medien.

Chris' Versuch, an den Geschäftsführer heranzukommen, ist damit nicht nur ein persönliches Unterfangen. Er versucht primär, Macht zurückzuerlangen. Als Konsument ist Chris einer süchtig machenden Technologie zum Opfer gefallen, während Smithereens Einblick in sein gesamtes digitales Leben erhalten hat. Die Androhung von Mord dreht dieses Machtverhältnis schlagartig um.

Smithereens' Macht nutzt überhaupt nichts

Plötzlich spielt die vermeintliche Macht des Konzerns überhaupt keine Rolle mehr. Völlig hilflos versucht das Unternehmen, eine Masse an Daten zu verarbeiten, um Chris davon abzubringen, den Praktikanten Jaden zu erschießen. Ironischerweise behindern die Smithereens-Posts von Gaffern am Tatort sogar die Ermittlungen.

Selbst dem mächtigsten Überwachungskonzern sind in Krisensituationen also die Hände gebunden. Das lässt sich als zynischen Kommentar auf politische Diskurse lesen, die Datenüberwachung zur Terrorbekämpfung für sinnvoll halten.

Der Black Mirror-Konzern ist gegen Konfrontation

Besonders schön ist, dass Black Mirror hier nicht den einfachen Weg geht. Es wäre viel zu leicht gewesen, Smithereens als grausamen Konzern abzustempeln, der von einem empathielosen Soziopathen angeführt wird. Stattdessen ist Billy Bauer überaus charismatisch und ringt sogar mit seinen Kollegen darum, Chris persönlich sprechen zu dürfen.

Dass die anderen Smithereens-Mitarbeiter Bauer davon abhalten wollen, wirkt fast schon paradox. Schließlich ist Chris' Wunsch, mit diesem zu sprechen, weitaus leichter zu erfüllen als etwa eine Lösegeld-Übergabe. Black Mirror offenbart damit, dass soziale Medien lieber selbst die Kontrolle behalten und eine echte Konfrontation vermeiden wollen. Smithereens will Chris nicht zugestehen, dass er sich die Macht zurückerobert hat.

Black Mirror - Folge 2 der 5. Staffel kennt am Ende nur Opfer

Doch wie es Black Mirror-Fans inzwischen gewohnt sein dürften, entlässt uns die Folge nicht mit einem versöhnlichen Ende. Chris verlässt die Bühne nicht als heroischer Einzelkämpfer. Am Ende kennt die Smithereens-Episode nur noch Opfer.

Wir sehen Nahaufnahmen von fassungslosen Personen, von der Scharfschützin, einem Gaffer, der schockierten Polizistin, der Smithereens-COO, von Billy Bauer - und wir sehen zahlreiche Personen, die auf ihr Smartphone schauen, statt ihre Umgebung wahrzunehmen. Im Hintergrund läuft der Song "Can't Take My Eyes Off You" in der Version von Andy Williams.

In Smithereens ist Liebe die Antwort

Es ist ironisch, dass ausgerechnet ein Liebessong die Botschaft von Smithereens auf den Punkt bringt. Blind vor Liebe starrte Chris von Tag zu Tag in sein Smartphone, genauso wie die meisten Menschen um ihn herum, bis es schließlich zum tödlichen Unfall kam. Andy Williams singt: "Du bist zu gut, um wahr zu sein. [Ich] kann meine Augen nicht von dir nehmen."

Auch die trauernde Mutter kann die Augen nicht von der Persona-Seite nehmen. Erst recht nicht, als sie schließlich durch Chris doch noch das Passwort ihrer Tochter erhält.

Es mag wie Hollywood-Kitsch wirken, dass die Folge letztlich auf Liebe hinausläuft. Black Mirror trifft damit dennoch den Kern der Social Media-Sucht. Denn warum sonst schauen wir in soziale Netzwerke, wenn nicht, um zwischenmenschliche Beziehungen zu finden?

Wie fandet ihr die Black Mirror-Folge Smithereens?

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