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Damals, als wir Lady Bird waren

It's just a bird head in a lady body, or vice versa
© Universal/Moviepilot
It's just a bird head in a lady body, or vice versa
04.08.2019 - 08:50 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
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Heute wartet überall eine regelrechte Nostalgier auf uns, über die 80er, die 90er - aber uns die echten Gefühle von damals zurückzugeben, wie Lady Bird es tut, braucht keine Nostalgie.

Gott, Erwachsenwerden war scheiße, oder? Diese ständigen Zweifel an allem. Was uns gesagt wurde, was uns vorenthalten wurde, was wir uns selbst zusammenreimten. Was wir lernen sollten, was wir schon wissen sollten, was wir tun sollten und was wir lassen sollten. Die Zweifel an den Lehrern, an Politikern, an so ziemlich jedem Erwachsenen und an allem, wofür sie stehen.

Die Zweifel an den Eltern, an unseren Freunden, an denen, die wir lieben wollen und denen, die uns lieben würden. Und immer wieder die Zweifel an uns selbst. Die Zweifel an all dem, was wir wussten und von dem wir glaubten, es zu wissen (aber niemals zugeben hätten, dass wir uns insgeheim gar nicht mal so wahnsinnig sicher waren, wie wir immer taten). Die Zweifel an dem, was wir waren, was wir wurden und was wir werden wollten.

Die Musik von damals, die Mode von damals, die Abenteuer von damals - es gibt Hunderte Filme, die all das thematisieren, die eine Nostalgie in uns erzeugen und uns Erinnerungen bringen. Aber nur wenige bringen dieses Gefühl zurück, das was wir waren, tief in uns drin. Lady Bird ist so ein Film, selbst wenn er, wie DerTaubendetektiv trotz aller Begeisterung hervorhebt, nicht perfekt ist. Aber das war das Erwachsenwerden auch nicht ...

Der Kommentar der Woche von DerTaubendetektiv zu Lady Bird

Ich wünsche mir für dich, dass du die allerbeste Version von dir selbst werden kannst.
Und was, wenn das die beste Version ist?

Man denkt immer, dass man mit 18 Jahren ein Solotrip durchs wortwörtliche Fegefeuer macht. Als ich vor weniger als zwei Jahren im Biologieunterricht der 12. Klasse saß, hätte ich am liebsten drei Minuten lang durch geschrien, nur weil mich tausende von Gedanken innerlich auffraßen: Studium oder Ausbildung? An welche Uni sollte ich gehen? Nehme ich die, die näher dran ist, nur damit ich nicht so weit weg von meiner Familie bin? Was möchte ich wirklich später werden? Wird mein Abschlusszeugnis gut ausfallen? Bestehe ich meine Fahrprüfung? Und mögen mich eigentlich meine Freunde noch? Doch wenn man sich wirklich mit gleichaltrigen Leuten unterhält (oder auch einfach nur diesen Film guckt), dann stellt man fest, dass dieser Solotrip eigentlich eine gigantischer Reisegruppe ist und das Fegefeuer letztendlich eher nur ein vergleichbarer Ort wie Brandenburg.

Es gibt selten Coming-of-Age-Filme, in denen ich mich oder zumindest meine Freunde in den Charakteren so wiederfinden kann wie in Greta Gerwigs Lady Bird. Vielleicht liegt es daran, dass ich eben auch nur ein stinknormales, weißes Mädchen bin, das vor genau den gleichen Fragen stand wie es 90% der Leute tun, die in das gleiche demografische Feld fallen. Alle glücklichen Momente und Meinungsverschiedenheiten mit ihrer Freundin, alle inneren Konflikte und Selbstzweifel, das ganze Familiendrama und dumme erste Schwärmereien wirkten manchmal wie aus dem Leben gegriffen, fast schon dokumentarisch. Einige der Gespräche zwischen Tochter und Mutter hätten häufig sogar einfach eine nachgestellte Szene bei mir zu Hause von letzter Woche sein können. Auch ich hab in der Theater AG gespielt und im Chor gesungen (und bei beidem kurz vor dem Abi aufgehört). Und ich schwöre bei weiß-ich-wem, dass genau der gleiche Typ wie Kyle (gespielt von Timothée Chalamet) hinter mir in Politikwissenschaft saß und ich fast einen dauerhaften Krampf durch das ganze Augenrollen entwickelte.

Dass der Film mich persönlich inhaltlich so anspricht, mag wohl ein Grund für meine Begeisterung sein. Ein anderer, ebenso wichtiger Punkt ist die brillante und unglaublich authentische Leistung des gesamten Casts. Allen voran Saoirse Ronan als Christine bzw Lady Bird und Laurie Metcalf als ihre Mutter verkaufen ihre Rollen so gut, dass ich an mehreren Szenen feuchte Wangen bekam und wenige Sekunden später wieder laut auflachen musste. Beide Frauen tragen den Film für weite Strecken, aber auch die Beziehung zu Christines bester Freundin Julie (Beanie Feldstein) oder ihrem Vater (Tracy Letts) verwandeln die 95 Minuten Spielzeit in eine Achterbahnfahrt aus Gefühlen.

Letztendlich ist Lady Bird so ein Film, bei dem man weiß, dass er gut sein wird, doch wenn man ihn sieht, dann stellt man fest, auf was für eine Art und Weise er gut ist (wenn das Sinn ergibt). Jedoch muss man auch anmerken, dass nicht jedem Zuschauer dieser Film unbedingt zusagen wird. Manchmal plätschert die Handlung ein wenig ereignislos dahin, manchmal sind ein paar Klischees auch zu viel des Guten und einige Charaktere können streckenweise auch eher nervig als liebenswert sein. Allerdings werden vielleicht einige sich aber auch in den Figuren wiederfinden können oder sich einfach nur an der glaubhaft inszenierten „Autobiographie“ und dem Erstlingswerk Greta Gerwigs mit einer leistungsstarken Besetzung erfreuen.

Eines weiß ich jedoch sicher: Ich denke, es ist wieder mal an der Zeit, meiner Mutter zu sagen, wie lieb ich sie habe.

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