Darum ist Jamie Lee Curtis die beste Scream Queen

Jamie Lee Curtis in Halloween
© Universal Pictures
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Meint es gut mit den Menschen.

Hollywood erlaubt nicht vielen Schauspielerinnen, eine Figur über mehrere Jahrzehnte hinweg darstellen und neu gestalten zu dürfen. Selbst im Horrorkino, das vielleicht den Großteil der langlebigsten Filmserien beheimatet, macht Franchise-Pflege niemanden unkündbar: Zur Logik von Sequels und Remakes zählt die Gewissheit, dass eine Marke immer stärker ist als die sie repräsentierenden Menschen. Jamie Lee Curtis gehört zu den wenigen Ausnahmen einer Praxis, bei der für gewöhnlich nur das Personal tatsächlich erneuert wird. Noch immer spielt sie, mit großen zeitlichen und stets neuen Bedeutungszusammenhängen gefüllten Lücken, die vom Serienkiller Michael Myers heimgesuchte Laurie Strode, der seit Halloween 1978 weder Flucht noch Verarbeitung gelingen möchte. Das Mädchen machte Jamie Lee Curtis zum Star, der minutenlange Schrei am Ende des Films bescherte ihr den Titel Scream Queen. Es war ein Image, von dem sie sich erst befreien musste, um es Jahre später umarmen zu können. Am Ende unseres Themenspecials Angst, Schrecken, Panik - Horror-Monat 2018 ehren wir Jamie Lee Curtis, die den Slasherfilm geprägt hat wie keine andere seiner Heldinnen.

Das Final Girl - Jungfräulichkeit als zweifelhafte Überlebensstrategie

Laurie Strode war nicht das erste sogenannte Final Girl des Horrorkinos, sollte aber zum deutlichsten Vorbild jener von maskierten Schlitzern terrorisierten jungen Frauen werden, die seither ein unverzichtbarer Topos des Genres sind. Die zeitgenössische Rezeption des nach Halloween unwahrscheinlich boomenden Slasherfilms erkannte eine Verwandtschaft der "letzten Überlebenden" zur traditionellen Scream Queen und geißelte sie dennoch als reaktionär: Wenn es nur den Verlockungen von Drogen und Sex widerstehenden Mädchen gelingen konnte, Michael Myers und Konsorten die Stirn zu bieten, musste darin ein untrügliches Indiz für die konservative Ideologie des Teen-Horrorfilms liegen. Der Lesart entging eine schon bei John Carpenter signifikante Analogie zwischen Final Girl und Serienkiller, in der gerade die Konsequenzen von Lustfeindlichkeit den entscheidenden Kontakt auf Augenhöhe ermöglichen. Nur das Mädchen war demnach bereit, sich der gleichen Mittel wie ihr Widersacher zu bedienen, um sich ihm noch brutaler entgegenzustellen. Manche Slasherfilme begründeten diese Nähe folglich mit verwandtschaftlichen oder gar metaphysischen Beziehungen zum Killer.

So spielt Jamie Lee Curtis die tugendhafte Babysitterin im ersten Halloween zwar als beinahe über sich selbst stolpernde Musterschülerin mit langem Rock, hohen Strümpfen und strenger Haarspange ("Jungs halten mich für zu klug", sagt sie einmal zu ihren Freundinnen, die gern "unerforschtes Gebiet entdecken"). Doch erscheint Laurie Strode allenfalls auf den ersten Blick als das harmlose Mädchen von nebenan. Am Ende rammt sie Michael Myers eine Stricknadel in den Hals und sticht mit seinem phallischen Messer auf ihn ein – wenn überhaupt, ist Jungfräulichkeit eine äußerst zweifelhafte Überlebensstrategie. Schon in Halloween erweist sich das repressive und deshalb scheinbar brave Final Girl als ein dem Genre unterstellter Mythos, an dessen Widerlegung auch Jamie Lee Curtis mitwirkt, die aus Laurie Strode eine der faszinierendsten Frauenfiguren des Horrorkinos macht. Sie ist das freudlose Mädchen, das in den Fokus des Bösen gerät, und schließlich die Frau, die nicht Opfer sein will. Es gibt kein längeres Interview über Halloween, in dem Jamie Lee Curtis nicht Koautorin und Produzentin Debra Hill erwähnt, die auf den Film einen mindestens so großen Einfluss gehabt haben soll wie John Carpenter.

Horrorfilme mit neuen Facetten

Während sich Halloween als einflussreichster Horrorfilm des kommenden Jahrzehnts erwies, nutzte seine zur Scream Queen gekürte Hauptdarstellerin ihren Ruhm zum Ausbau eines eigenen Karrierezweigs. Allein 1980 kamen drei mit Jamie Lee Curtis besetzte Genreproduktionen in die Kinos – und als Gastmoderatorin von Saturday Night Live kreischte sie sich obendrein die Seele aus dem Leib, weil das Publikum es nicht anders von ihr erwartet habe. In Prom Night, der sich mit Halloween und Carrie auf die zwei wesentlichen Teen-Horrorfilme der 1970er Jahre beruft, tritt das Final Girl jedoch nicht als Zielscheibe, sondern Vertrauensperson des verhüllten Angreifers auf. Der Film gilt heute seinerseits als Kultslasher, genau wie Terror Train - Monster im Nacht-Express, der einen noch krasseren Bruch vollzieht. Die von Jamie Lee Curtis gespielte Hauptfigur beteiligt sich hier widerwillig, aber dennoch entscheidend an einem Campusstreich, der ihren ahnungslosen Kommilitonen schwer traumatisiert. Im Zentrum steht also keine Laurie Strode, sondern eine Frau, die sich tatsächlich schuldig gemacht hat. Offenbar war es der Scream Queen wichtig, dem vor ihr geprägten Figurentyp ständig neue Facetten abzugewinnen.

Auch in The Fog - Nebel des Grauens, der sie groß aufs Plakat setzte, und dem unterschätzten australischen Psychothriller Truck Driver spielte Jamie Lee Curtis mindestens Variationen dieses Typs. Als Mick Garris seinerzeit wissen wollte, was sie wiederholt zum Genre ziehe, bekam er eine interessante Antwort, die das mutmaßlich indifferente Verhältnis des damaligen Horrorstars zu "Suspense-Filmen" auf den Punkt brachte. Einerseits sei Jamie Lee Curtis dem Type-Casting verfallen, hieß es dort, weil Produzenten sie immer wieder für entsprechende Rollen hätten besetzen wollen. Andererseits habe sie die unerwartete Intelligenz von Frauen in Slashern geschätzt, vor allem gegenüber sonstigen Rollenangeboten – als Final Girl sei es möglich, eine große Bandbreite an Emotionen zu zeigen. Der anschließend vollzogene Schnitt ist kein Widerspruch zu dieser Einschätzung. Dass Jamie Lee Curtis ab 1983 vorwiegend Komödien drehte und sich auf größtmögliche Distanz zu Horrorfilmen begab, lässt sich genauso gut als Dankbarkeitsgeste deuten. Im Idealfall ergeht es allen Scream Queens so, von Janet Leigh (Psycho) bis zu Neve Campbell (Scream). Schreien konnte Jamie Lee Curtis ja auch weiterhin, in True Lies zum Beispiel, für den sie 1995 einen Golden Globe gewann.

Begleitet wird ihre anschließende Rückkehr zum Genre deshalb auch von Wehmut. Schon durch Halloween H20 zogen sich melancholische Linien, nicht nur wegen des letzten Kinoauftritts ihrer Mutter Janet Leigh. Im Dokumentarfilm The Night She Came Home (2013) besuchte Jamie Lee Curtis dann erstmals eine Convention, auf der sie ihren beinahe heiligen Status unter Fans für wohltätige Zwecke zu "monetarisieren" versuchte. Was als unmissverständlich pragmatisches Event begann, schlug über die Dauer von zwei Tagen in sichtbare Gerührtheiten um. Der ewige Star aus Halloween schien zu erkennen, dass er trotz bedeutender Hollywoodpreise und Kinohits weit jenseits des Horrorgenres vor allem für John Carpenters kleinen Independentfilm in Erinnerung bleiben wird. Gewissermaßen schließt sich also ein Karrierekreis, der die figurale Postmodernisierung durch Kevin Williamsons Scream oder Ryan Murphys Scream Queens, zahlreiche Remakes eigener Erfolgsfilme und natürlich auch manchen Fehltritt schadlos überstanden hat. In Halloween (2018) trägt Laurie Strode nun weißes Haar und tiefe Gesichtsfurchen. Der Star ist mit seiner Rolle gealtert. Und zeigt offensiv die Spuren gleich zweier gelebter Leben.

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