Das Leben von Disney-Prinzessinnen ist ein absoluter Albtraum und dieser Fantasy-Film beweist es

Scarlet aka L'envol
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Scarlet aka L'envol
28.05.2022 - 15:35 UhrVor 1 Monat aktualisiert
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Ein wunderschönes Fantasy-Märchen beim Festival in Cannes zeigt, wie das Leben einer Disney-Prinzessin in der Realität aussehen würde. Spoiler: alptraumhaft, aber zauberhaft.

Das Leben von Disney-Prinzessinnen ist eine einzige Tortur: Ständig trachtet die angeheiratete Verwandtschaft nach ihrem Leben. Vegetieren sie nicht gerade in einem Koma vor sich hin, leiden sie unter fiesen Nackenschmerzen, weil ihre Haare den ganzen Tag aus einem Turmfenster hängen. Elternteile von Disney-Prinzessinnen haben eine deprimierend kurze Lebenserwartung und wäre die Situation der Töchter nicht schon mies genug, warten sie ihren Lebtag auf irgendeinen royalen Macker, der sich aufrafft und sie befreit. Nur kitschige Lieder retten als Opium das Prinzessinnen-Volk durch den tristen Alltag.

Klingt wie geschaffen für eine realistische Untersuchung dieses bemitleidenswerten Lebenswandels. So ähnlich sieht die Grundidee des realistischen Märchens Scarlet aus, einer der besten und schönsten Filme, die dieses Jahr beim Festival von Cannes laufen.

Läuft in Cannes: Scarlet erzählt von einer Prinzessin zwischen den Weltkriegen

Regisseur Pietro Marcello (Martin Eden) hatte wohl keine Disney-Filme im Kopf, als er die Verfilmung eines Romans von Alexander Grin in Angriff nahm. Buch wie Film erzählen jedoch ein Märchen, damit enthalten sie dieselbe DNA wie die Zeichentrickfilme aus dem Mäuse-Schloss.

Juliette Jouan

Newcomerin Juliette Jouan spielt Juliette, die während des Ersten Weltkriegs in der ländlichen Normandie zur Welt kommt. Ihre Mutter lernt sie nie kennen (da haben wir es wieder!), ihr Vater Raphaël (Raphaël Thiéry) kehrt als gebrochener Mann von den Schlachtfeldern zurück.

Der Vater ist wie geschaffen für einen Disney-Animationsfilm

Die Verheerung des Krieges hängt über den ersten Minuten von Scarlet. Zeitgenössische, Aufnahmen abziehender Truppen gehen über in das Bild eines Mannes, der durch eine idyllische Natur stapft. Er wurde von der Kriegsmaschinerie ausgespuckt und kehrt jetzt über dunstige Wiesen zurück in ein normales Leben.

Raphaël ist ein schweigsamer Mann. Er spricht nicht über das Geschehene, wir erahnen es trotzdem. Bullig in der Statur, müsste er sein Gegenüber eigentlich überragen. Aber Raphaël duckt sich weg vor der Welt. Gäbe es den Schauspieler Raphaël Thiéry nicht, hätte ihn schon jemand gezeichnet in einem Atelier mit Öl auf Leinwand. Oder an einem Rechner in den Walt Disney Animation Studios.

Mit seinen tief beseelten Augen schaut er auf die kleine Juliette, die ausgerechnet er in einer Welt aufziehen muss, die Millionen Leben mal eben so verheizt. Glücklicherweise stellt sich der ehemalige Soldat als französischer Gepetto heraus. Er kreiert mit seinen strapazierten Händen kleine Wunderwerke aus Holz, deren Verkauf die kleine Familie ernährt. Schaut man sich seine feingliedrigen Spielzeug-Flugzeuge an, könnte der Gedanke an einen Krieg kaum ferner liegen.

Raphaël Thiéry

Das Leben der beiden hat das Zeug zum Alptraum. Das Geld ist knapp, die anderen Dorfbewohner behandeln sie wie Aussätzige und schimpfen Juliette eine Hexe. Als wäre das nicht genug, lauert in der fernen Großstadt ein viel größerer Bösewicht: die Moderne mit ihren elektrischen Spielzeugen, die Raphaëls Talent obsolet machen könnten.

Fantasy trifft Realismus in dem Märchen Scarlet

Das ungleiche Vater-Tochter-Gespann aber kämpft sich durch. Juliette lässt sich nicht einschüchtern von den missgünstigen und gewalttätigen Nachbarn. Sie beweist vielmehr eine beeindruckende Willensstärke, als sei ihr Weg vorbestimmt von einer Prophezeiung. Von der Hexe im Wald (Yolande Moreau) zum Beispiel, die vielleicht nur eine verwirrte Landstreicherin ist, oder von dem Geist ihrer verstorbenen Mutter.

Als ein fliegender "Prinz" (Cannes-Dauergast Louis Garrel) der neugierigen Juliette in den Schoß fällt, sind die Zutaten für ein Fantasy-Märchen komplett. Mit einem gewichtigen Unterschied zur handelsüblichen Disney-Prinzessin: Louis Garrels Abenteurer stellt sich als netter Bonus für Juliette heraus. Sie braucht keinen Befreier. Der Alltag ist in Scarlet schon das zauberhafte Abenteuer.

Scarlet

Pietro Marcellos Zaubertrick findet sich nämlich in der Kombination von Realismus und Fantasy. Er bettet die bekannten Elemente der Märchen-Geschichte ein in feine Beobachtungen von Arbeit, Muße, Leben. Mithilfe von Naturaufnahmen, die Terrence Malick in den siebten Himmel senden würden, entsteht im Film eine magische Grundstimmung, die auch unser Vater-Tochter-Gespann umgibt.

Die gefühlvollsten Szenen in dem vor trauriger Schönheit überbordenden Film gehören jedoch nicht der inoffiziellen Prinzessin, sondern vielmehr ihrem Filmvater Raphaël. Sie gehören seinem konzentrierten Blick bei der Arbeit, vor allem seinen Händen. Einst hielten sie Waffen. Jetzt feilen und meißeln sie sorgsam das Holz. Sie erschaffen statt zu zerstören, und das ist ein Wunder für sich.

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