Der Erfolg von Avengers 4: Endgame ist eine Katastrophe fürs Kino

Avengers 4: Endgame
© Walt Disney Pictures
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Meint es gut mit den Menschen.

Nach wenigen Tagen hat Avengers 4: Endgame bereits weltweit 1,2 Milliarden US-Dollar eingespielt. Das ist mehr, als Captain Marvel und Iron Man 3 bis dato umsetzten, und es übertrifft die Einnahmen von kommerziellen Meilensteinen wie Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs oder James Bond 007: Skyfall. Vergangenes Jahr kam Avengers 3: Infinity War, der kurzlebige Rekordhalter, während desselben Zeitraums lediglich auf die Hälfte dieses Betrags.

Mühelose Marktbeherrschung

Von einem Erfolg zu sprechen, scheint unzureichend. 1,2 Milliarden US-Dollar am Startwochenende sind eine Bestmarke, die Richtwert sein will. Sie wird künftige Diskussionen um Einspielergebnisse bestimmen und neue über die Machbarkeit ähnlicher Zahlen entfachen, ist Kampfsansage und Siegeserklärung zugleich. Duelle freilich hat Markenverwalter Disney nicht nötig. Geschlagen werden müsste nur Avatar - Aufbruch nach Pandora, ein Film, der nach Übernahme von 21st Century Fox selbst zum Maushaus gehört.

Mit 2 Millionen Zuschauern, fast 25 Millionen Euro Umsatz und einem Marktanteil von 72 Prozent stünde Avengers 4: Endgame "mühelos an Platz eins der deutschen Kinostarts", heißt es in der hiesigen Pressemitteilung des Verleihs. Rekorde bricht Disney ohne Anstrengung, weil in der Tat mühelos abzusehen war, dass am letzten Wochenende nahezu jeder Kinobesucher den gleichen Film schauen würde. Das nämlich bedeuten 72 Prozent Marktbeherrschung – viele Kanäle, aber wenige Inhalte.

Unter Druck gesetzte Kinobetreiber

Zu fragen wäre andererseits, ob das Publikum überhaupt eine Wahl hatte. Wie hoch stehen die Chancen, der Disney-Dampfwalze zu entkommen, wenn sich Kinos von ihr das Programm plattstrukturieren lassen oder rund um die Uhr Vorstellungen anbieten müssen, um Vertragskonditionen einzuhalten? Welches Gegenangebot ist von Betreibern zu erwarten, deren Überleben vom Marktführer abhängt? Jede Kinokarte für Marvel ist eine Kinokarte für Disney. Aber kann deshalb keine Kinokarte die Lösung sein?

Dass Betreiber von Megahits wie Avengers 4: Endgame besonders profitieren würden, gehört übrigens zu den Irrtümern des in bloßen Zahlenspielen verfangenen Hypes. Wie Indiewire berichtet, müssen sie in den USA für erfolgreiche Filme prozentual höhere Abgaben entrichten: "15 Filme, die jeweils 50 Millionen Dollar einspielen, bringen mehr Gewinn als ein Film, der 750 Millionen umsetzt". Kinos ohne Superhelden wären also keinesfalls weniger rentabel, im Gegenteil – sie hätten Luft zum Atmen.

Das Erwachen der Macht

Angewiesen sind Filmtheater auf Franchise-Produkte allein ihrer Dominanz wegen. Unter den momentanen Bedingungen der Hollywood-Ökonomie wird ein tagesaktueller Kinobetrieb schwer möglich sein, sollte er auf Disney-Filme und Filme, die gern Disney-Filme wären, verzichten. Entsprechend beruhen die Beziehungen zwischen Produzent und Spielstätte zunehmend auf Einseitigkeit: Je größer die Marktstellung eines in Mischkonzerne eingemeindeten Filmstudios, desto besser seine Verhandlungsposition.

Diese Position vertrat Disney hierzulande vor 4 Jahren auf unmissverständliche Weise, als das Unternehmen zum Start des Marvel-Titels The Avengers 2: Age of Ultron die Mietsätze ländlich gelegener Kinos ohne vorherige Absprache von 47,7 auf 53 Prozent anhob. In einem weiteren Schritt wurden Mindestverleihanteile, ein Wegfall der Werbekostenpauschale und die Streichung von Zuschüssen für 3D-Brillen beschlossen. Am Ende sahen sich rund 200 Kinos mit fast 700 Leinwänden genötigt, den Film zu boykottieren.

In den USA kam es 2017 zu einer ähnlichen Machtdemonstration des nunmehr umsatzstärksten US-Filmstudios. Statt Abgaben in Höhe von üblicherweise 55 bis 60 Prozent forderte Disney für Star Wars 8: Die letzten Jedi plötzlich 65 Prozent der Nettoticketerlöse. Auch hier ging die Überraschungspost mit weiteren Vorgaben einher. So verlangte Disney eine Mindestspielzeit des Films sowie die Bereitstellung des jeweils größten Saals für ihn, andernfalls hätten Rückzahlungen von bis zu 70 Prozent gedroht.

Superheldenfilme als Inbegriff des Kinos

Bislang ist nicht bekannt, ob Disney für den Kinostart von Avengers 4: Endgame neue Ideen aus der Trickkiste seiner Verleihpolitik zauberte. Angesichts einer gefügig gemachten Kinolandschaft, deren vorbildlichste Bewohner 24 Stunden am Tag Disney-Filme zeigen, bräuchte es sie aber auch gar nicht mehr. Schon jetzt ermöglichen bestehende Verträge Startergebnisse im Milliardenbereich – Verlängerungsklauseln, Abgabeerhöhungen und Strafgebühren haben das Disney-Erfolgsrezept optimiert.

Über kleine und mittelgroße Kinofilme spricht derweil kaum jemand. Großflächig sind Superheldenfilme nach Vorbild des Marvel Cinematic Universe (MCU) zum Inbegriff nicht nur des Blockbusters und damit einer bestimmten Form von Leinwandevent geworden, sondern stehen gewissermaßen für Kinofilme schlechthin. In der Wahrnehmung vieler Menschen lohnt sich nur für sie noch ein Besuch im nächsten Multiplex. Alles andere wird auf Netflix oder Prime geguckt, denn alles andere ist Fernsehen.

Deshalb hat die Planwirtschaft der Superheldenfilme zu mehr als einer Monokulturalisierung des Kinos geführt. Sie hat das Kino selbst entwertet. Ein Trauerspiel.

Wie steht ihr zum Erfolg von Avengers 4: Endgame?

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