Der Fall Harvey Weinstein - Gewohnheiten auf dem Prüfstand

Der Fall Weinstein
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Hält sich jung mit Coming-of-Age-Filmen.

“Wie komme ich aus diesem Zimmer raus, möglichst ohne Harvey Weinstein zu vergraulen." - Ashley Judd in der New York Times.

Das Bild einer handelsüblichen schwarzen Leder-Couch hat sich in den letzten Jahren zum Meme entwickelt. Diese Couch ist die zentrale Requisite einer Amateur-Porno-Reihe, sie ist aus Leder, weil sich Körperflüssigkeiten leicht von ihr abwischen lassen. Sie symbolisiert etablierte Macht und jene, die sie in Arbeitsverhältnissen (aus)nutzen. In der Porno-Reihe, so die Illusion, werden naive junge Frauen mit Modelambitionen von einem zwielichtigen Typen dazu überredet, sich ihm sexuell hinzugeben. Im Gegenzug bietet er ihnen kraft vorgeblicher Branchenbeziehungen einen Karrieresprung an - von der Casting-Couch in den Hollywood-Himmel sozusagen. Die Porno-Reihe karikiert auf sehr simple Weise Machtphantasien, Harvey Weinstein rechtfertigt seine sexuellen Annäherungsversuche gegenüber Frauen, die sich bei ihm auf die Couch setzten, als "Gewohnheit".

Er nutzte Macht, um Sex zu bekommen. Er lud mich auf einen Drink in sein Hotelzimmer ein. Wir gingen hoch. Es war schwierig, Nein zu sagen, weil er so mächtig ist. (Die Schauspielerin Léa Seydoux in einem Testimonial für den Guardian)

Harvey Weinstein soll ein Muster ausgeklügelt haben, schreibt Ronan Farrow (Sohn von Mia Farrow und Woody Allen) im New Yorker. Der mächtige Filmproduzent hat demnach eine funktionierende Strategie entwickelt, mit der er Schauspielerinnen in ausweglose Situationen manövrierte, wo er sie, mal mit schierer Machtpräsenz, mal mit körperlicher Kraft, gefügig machte und sexuell bedrängte. Jüngst schilderte Cara Delevingne in einem Instagram-Post ein Erlebnis mit Weinstein, das diesem Vorgehensmuster entspricht.

Einer der einflussreichsten Männer der Industrie

Harvey Weinstein, das ist der mächtige Filmmogul, der die Firmen Miramax und Weinstein Company zusammen mit seinem Bruder Bob gründete. Er ebnete Superstars der gegenwärtigen amerikanischen Filmindustrie die Pfade in ihre Karriere, etwa Ben Affleck, Kevin Smith und Quentin Tarantino. Er ist bzw. war einer der einflussreichsten Männer in Hollywood, er galt als Entdecker von Talenten und Förderer des Independent-Kinos.

Wie eine Recherche der New York Times vergangene Woche ergab, soll der Filmproduzent Harvey Weinstein seine Macht über von ihm abhängige Frauen jahrzehntelang zu sexuellen Diensten umgemünzt haben. In dem Artikel werden Weinstein diverse sexuelle Vergehen unterstellt. Weinstein habe Frauen dazu gezwungen, ihm beim Duschen und beim Masturbieren zuzusehen. Oft verlangte er demnach Massagen und auch von unangemessenen und unerwünschten Berührungen ist in dem Bericht die Rede.

Weinstein zog sich nach den veröffentlichten Beschuldigungen umgehend von seinen Posten zurück. (Vulture) Das übliche Sich-in-den-Staub-werfen von Prominenten nach öffentlich gewordenen Vergehen folgte: Weinstein entschuldigt sich in einem Interview, bestreitet einen Teil der Vorwürfe - viele Kontakte seien einvernehmlich verlaufen - und verspricht, sich einer Therapie zu unterziehen. Im Hintergrund leiert er eine Verteidigungsstrategie an. Angeblich noch vor den Veröffentlichungen durch die New York Times trat Weinstein mit Lanny Davis in Kontakt, der schon Bill Clinton durch seine Medienschlacht geführt hatte. Nach der Veröffentlichung der New York Times-Recherche formiert sich eine hochkompetente Verteidigungslinie um Weinsteins Person, gegen die Times wird wegen "rücksichtsloser Berichterstattung" eine Klage vorbereitet. Bei den Kollegen der Weinstein Company fleht Harvey Weinstein um Hilfe und Beistand. Gefeuert wird er trotzdem drei Tage nach den Veröffentlichungen der Vorwürfe. Seit den 1990ern wurde dieser Weinstein-Super-GAU offenbar durch diverse Verschwiegenheitsabkommen geregelt. Auch Klagen gegen Weinstein gab es wohl, sie wurden jedoch im Hintergrund mit außergerichtlichen Einigungen beigelegt - verbunden mit einer Zahlung und einer Verpflichtung zu Verschwiegenheit.

Ein System der Angst

Vorgestern, am 10.10.2017, veröffentlichte der New Yorker dann ein Exposé, in dem die Beschuldigungen gegen Weinstein untermauert ausgeführt werden. Das Ausmaß wird größer, die zur Last gelegten Taten drastischer: Drei Frauen erheben in der Reportage Vergewaltigungsvorwürfe, dreizehn Frauen beteuern darin, Weinstein hätte sie zwischen 1990 und 2015 belästigt, vier Frauen seien von ihm unangemessen berührt worden. Die Schauspielerinnen Mira Sorvino und Rosanna Arquette behaupten, ihre Karrieren seien ins Stocken geraten, nachdem sie Weinsteins Versuche abgewehrt oder sich über ihn beschwert hatten. (Vulture) Angedrohte Schmutzkampagnen, auch gegen potentielle Zeugen und Mitarbeiter, bildeten offenbar ein System der Angst, das sich wie eine Decke über die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein breitete. Die in den USA in solchen Fällen üblichen Geheimhaltungsverträge und Verschwiegenheitserklärungen werden nun auf den Prüfstand gestellt.

Ich habe befürchtet, Harvey könnte mein Leben ruinieren, wenn er herausfindet, dass ich es war. (Ein ehemaliger Weinstein-Mitarbeiter)

Denn nur so konnten über drei Jahrzehnte hinweg Gerüchte Gerüchte bleiben. Journalistische Aufklärungsversuche scheiterten an fehlenden harten Beweisen und aussagefähigen Quellen. Harvey Weinsteins Geschichte sexuellen Missbrauchs blieb bis vergangenen Donnerstag ein offenes Geheimnis.

Öffentlich, wenngleich nicht juristisch, ist Harvey Weinstein nun als Täter überführt. Es handelt sich immer noch um einen Verdacht. Mit dem Exposé des New Yorker, in dem betroffene Frauen ihre Erlebnisse schildern, wurde allerdings auch ein Audio-Mitschnitt veröffentlicht, der den Anschuldigungen einen widerwärtigen Sound verleiht. Ein vermeintlicher Übergriff von Weinstein auf das Model Ambra Battilana Gutierrez ist hier aufgezeichnet. Er sei es nicht anders gewohnt, sagt Weinstein, als eine zusammengesunkene Frauenstimme sich über eine unangemessene Berührung am Vortag beschwert. Obwohl das Band der Polizei vorlag, wurde der Fall damals nicht strafrechtlich verfolgt. (Vulture)


Der Fall Weinstein ist nicht beispiellos, er markiert eine verschwiegene Tradition, die nun am Beispiel Harvey Weinstein verhandelt wird. Und zwar breit, ausführlich, mit stichfesten Belegen gestärkt, ermöglicht durch neue Technologien, Kommunikationsdynamiken und ein sensibilisiertes, aufgeklärtes Umfeld. Und nicht zuletzt durch selbstbestimmte Opfer.

Ein offenes Geheimnis

Nicht dass sowas passiert, bringt die Filmindustrie in den USA jetzt in Aufruhr, sondern die Unabstreitbarkeit der Vorwürfe. Es ist, als hätte jemand die Rückenlehne der schwarzen Casting-Couch aufgeschnitten, und aus dem Spalt kriecht jetzt allmögliches Ungeziefer: Es war immer da, man hat drauf gesessen, das Krabbeln gespürt, aber es eben hingenommen.

Mittlerweile wird immer deutlicher, dass Geschichten über Weinsteins Praktiken seit Jahren durch den Hollywood-Buschfunk geistern. Schauspielerinnen wurden vor Harvey Weinstein gewarnt. Jessica Chastain erklärte, sie sei über Weinsteins Vorgeschichte mit jungen Schauspielerinnen unterrichtet worden, bevor sie mit ihm arbeitete. (Vulture)

Hinter vorgehaltener Hand gewarnt haben vielleicht Frauen wie Asia Argento, die sich erst jetzt sicher fühlen, zu sprechen. Weinstein, so berichtet Argento, soll Oralsex an ihr verübt haben. Sie habe eingewilligt aus Angst, er würde sie "zerstören".

Ich weiß, dass er vor mir viele Leute zerstört hat. [...] Deshalb ist meine Geschichte schon zwanzig Jahre alt, andere sind älter - sie werden nie herauskommen.

Die Anzahl der Frauen, die unangenehme Begegnungen mit Weinstein vorbringen, nimmt seit letzten Donnerstag zu. Größen wie Angelina Jolie und Gwyneth Paltrow geben jetzt an, von Weinstein belästigt worden zu sein. (New York Times) Wie eine schwere hydraulische Presse drückt der Fall Weinstein zurückgehaltene Vorwürfe ans Licht. Der Ton unter der sonst so familiären Hollywood-Gemeinde wird schärfer in diesen Tagen. Der Druck auf Weggefährten, sich zu äußern, steigt. Ben Affleck sagte, er sei zornig und traurig gewesen, als er von den Vorfällen erfuhr, habe von den Geschichten aber nie etwas mitbekommen. In einem Tweet bezichtigt die Schauspielerin Rose McGowan ihn der Lüge: Affleck habe durchaus von Weinsteins Praktiken gewusst. Sein Freund Matt Damon musste indes auf Gerüchte reagieren, er hätte geholfen, einen Weinstein-Vorfall zu vertuschen. In einem Statement widerspricht Damon der geläufigen Annahme, jeder in Hollywood wisse irgendwie, was Weinstein in seinen Hinterzimmern treibt. Andere, wie Quentin Tarantino, ein großer Miramax-Mann, schweigen noch.

"Es ist alltäglich, dieser Art Mann zu begegnen"

Frauen wie Léa Seydoux, die jetzt angeben, von Weinstein belästigt worden zu sein, bringen zudem weitere dunkle Studiogestalten ins Spiel. "Es ist alltäglich, dieser Art Mann zu begegnen", schreibt sie. Weinstein ist sicher kein Einzelfall und so liegt auf jedem mächtigen Studioboss, Filmproduzenten und Regisseur in diesen Tagen ein helles Schlaglicht. Unausgesprochene Vermutungen stehen im Raum. Terry Crews, der gestern bei Twitter einen Übergriff meldete, erweitert die Dimension des Skandals. Auch in anderen Firmen rollen bereits Köpfe: Der Honest Trailer-Erfinder Andy Signore wurde gefeuert, nachdem eine ehemalige Mitarbeiterin Vorwürfe gegen ihn erhob. Sie war eine der ersten, die sich vom Fall Weinstein dazu ermutigt fühlte.

Weinstein ist jetzt isoliert, Weggefährten sprechen sich gegen ihn aus, die BAFTA entließ ihn, Entschuldigungen und Spenden von ihm werden nicht angenommen, eine Rehabilitierung ist ausgeschlossen. Die Weinstein Company bietet bei der Aufklärung volle Unterstützung an. Sollte der Fall vor Gericht landen, was unwahrscheinlich ist, drohen Weinstein 25 Jahre Gefängnis.

Aber der Fall Weinstein entfacht auch ohne juristische Aufarbeitung eine enorme gesellschaftliche Wirkung. Als Tribunal fungieren die Medien und die betroffenen Opfer. Weinstein spürte die volle Breitseite einer konzentriert auf Wahrheitsfindung hinarbeitenden digitalen Medienmaschine. In der besitzen Stars ihre eigenen Verbreitungskanäle, Informationen, Erinnerungen und Hinweise werden schnellstmöglich und effizient in den Prozess eingeflochten. Weinstein wurde von dieser unbändigen Macht entfesselter Kommunikation innerhalb einer Woche vollständig degradiert.

Die Scheinwerfer hören nicht auf zu suchen, gerade erst musste sich Ben Affleck für einen unangemessenen Übergriff aus dem Jahr 2003 entschuldigen. Vielleicht beruhigen sich die Scheinwerfer auch nie wieder. Das wäre dann das Vermächtnis des Falls Weinstein: eine wachsame Gesellschaft und Gemeinschaft, ermächtigte Schauspielerinnen und Schauspieler und ein System, das, wie Léa Seydoux schreibt, Schauspielerinnen nicht auf sexuelle Verwertbarkeit scannt wie ein Stück Fleisch. Nur würde das bedeuten, dass ganz Hollywood seine Gewohnheiten überdenken müsste.

Die Industrie basiert auf begehrenswerten Schauspielerinnen. Du musst begehrenswert und geliebt sein. Aber nicht jedes Verlangen muss erfüllt werden, auch wenn Männer in der Industrie erwarten, dass es so sein sollte. Ich denke - und ich hoffe -, dass wir endlich einen Wandel erleben werden. Nur Wahrheit und Gerechtigkeit kann uns voranbringen. (Léa Seydoux)
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