Der Jugendschutz von Amazon Prime Video ist nutzlos

Jugendschutz bei Amazon Prime Video
© Warner Bros. / Walt Disney / Sony Pictures
Jugendschutz bei Amazon Prime Video
Moviepilot Team
Surfer Rosa Hendrik Busch
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Redakteur bei Moviepilot. Glaubt, dass Netflix sich irgendwann noch durchsetzen wird und schreibt deshalb hauptsächlich über VOD und Streaming. Schöner als Sport sind nur Filme darüber.

American Slasher ist ein Horrorfilm, in dem ein Killer junge Leute mit einer Handharke um die Ecke bringt. Er ist billig gefertigt, mit Amateurdarstellern besetzt und es ist ein Wunder, dass er einen IMDB-Eintrag hat. Die Splatter-Effekte sind nicht der Rede wert, für anständigen Gore fehlten ebenfalls die künstlerischen (und wohl auch kreativen) Mittel. American Slasher ist alles in allem harmlos, obwohl aus einer Menschenstirn drei Blut-Blüten quellen, nachdem die Harke sie zielsicher einstößt, und dergleichen mehr. Aber das ist nicht der Punkt. American Slasher wäre mit den Jugendschutz-Grundeinstellungen barrierelos bei Amazon Prime abrufbar. Der seltsame kleine Horrorfilm steht exemplarisch für zwar hochintelligente Jugendschutzvorkehrungen bei dem Streaming-Dienst, die jedoch vollkommen nutzlos sind, da Amazon seine endlose Content-Schwemme nicht überwacht. Amazons Film- und Clip-Ozean ist, abseits der gepflegten Startseite mit den US-Komödien, 1990er Jahre-Sitcoms und Bibi Blocksberg-Staffeln, einfach nicht kontrollierbar.

Wer ist für den Jugendschutz beim Streaming-Content verantwortlich?

Amazon organisiert seinen Content und den Jugendschutz selbst, wie jeder andere weltweit tätige Streaming-Dienst auch. Streaming ist eine vergleichsweise neue Verwertungsfläche für Filme und noch lange nicht so reguliert wie etwa der Einzelhandel mit Filmen. Die Gesetze der alten analogen Welt sind noch nicht in die neue digitale Welt vorgedrungen, es wurden bisher keine neuen Regeln und Entsprechungen für sie erfunden, weil das Internet noch nicht vollständig verstanden wurde in seinem Einfluss auf die Gesellschaft. Amazon ist etwa nicht Mitglied der SPIO und dadurch deutlich autarker als andere Verleiher und Plattformen. Es gibt ein Kontrollvakuum und entsprechend viele Grauzonen und unerforschte weiße Flecke im Jugendschutz-Schirm der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) über den Streaming-Angeboten von Amazon Prime Video.

Das große moviepilot Themenspecial: FSK, Index, Zensur - Ist das noch zeitgemäß?

Amazon reicht die Jugendschutzverantwortung an die Erziehungsberechtigten weiter

Amazons Firmensitz liegt im Ausland. Der größte VoD-Anbieter neben Netflix hält sich nach eigenem Verständnis dennoch an die in Deutschland herrschenden Gesetze zum Jugendschutz, wie das Unternehmen in einem Statement auf unsere Nachfrage beteuert:

Jugendschutz ist Amazon sehr wichtig. Prime Video verwendet die Einstufungen der FSK (Freiwillige Selbstkontrolle) als Grundlage für Wiedergabebeschränkungen und Kindersicherungseinstellungen.

Die Ausweisung von FSK-Freigaben nimmt Amazon Prime Video jedoch nicht aus Eigeninitiative vor. Zu einer gut sichtbaren Kennzeichnung von FSK-geprüften Inhalten sind die Streaming-Anbieter verpflichtet. Ob ein Film von der FSK ab 16 freigegeben wurde oder ab 12, muss Amazon in seinem Katalog angeben. Eigenproduktionen legt Amazon der FSK vor, muss es aber eigentlich nicht, wie Stefan Linz von der FSK im Interview feststellt.

Den weiteren Jugendschutz legt Amazon in die Hände der Erziehungsberechtigten: "[...] gerade bei VoD-Anbietern liegt es vor allem in der Verantwortung der einzelnen Anbieter, Jugendschutzmaßnahmen zu implementieren“, sagte Cornelia Holsten, damals noch Vorsitzende der KJM, Meedia. Amazon tut das natürlich auch. Kunden können ...

[...] die Wiedergabe von Videos aus bestimmten Alterskategorien [...] blockieren. Sie können auswählen, welche Alterskategorien sie beschränken möchten und auf welchen ihrer registrierten Geräte diese Beschränkungen angewendet werden sollen.

Die importierten FSK-Freigaben bilden die Grundlage einer dynamischen Sperrmechanik, die die Nutzer selber steuern. Diese Art des Do-it-yourself-Jugendschutzes ist einfach handhabbar. Eltern sind für die Beschränkung zwar selbst verantwortlich, Amazon gibt ihnen aber immerhin die richtigen Werkzeuge an die Hand. Prime-Kunden können manuell einstellen, ab welcher Altersstufe die Eingabe eines vierstelligen Codes notwendig ist, um einen Film zu schauen. Die dreijährige Emma kann sich also nicht einfach so Freitag der 13. anschauen. Und wenn ihre Eltern es so wollen, können sie auch König der Löwen hinter eine Passwort-Schranke stellen. Diese Möglichkeit müssen Eltern aber erstmal kennen und auch einsetzen. Sie müssen, bildlich gesprochen, den Abflussreiniger aus dem Spülschrank nehmen und ins oberste Fach des Regals stellen.

Amazon: Der Streaming-Dienst für die ganze Familie

Amazon im Jahr 2018 ist vergleichbar mit dem Privatsender-Netzwerk ProSieben, Kabel 1 und Sat. 1 in den 1990er- und 2000er-Jahren, als dort (und nicht nur dort) tagsüber Kinderfilme, abends Blockbuster, spätabends Horrorfilme und nachts Erotikfilme liefen. Die deutschen Sender müssen, so ist es im Jugendschutzstaatsvertrag festgelegt, darauf achten, dass sie entsprechende Inhalte zu Tageszeiten ausstrahlen, an denen ein jüngeres Publikum für gewöhnlich nicht mehr vor einem Fernsehgerät anzutreffen ist, was natürlich nur eine bequeme Annahme, keine Tatsache ist. Die fluide Sperrmechanik ist die Streaming-Spiegelung in dieser altersabhängigen Form der Programmgestaltung.

Dazu sei gesagt, von der FSK ab 18 freigegebene Inhalte sind bei Amazon Prime Video von vornherein gesperrt. Nutzer müssen also nichts weiter unternehmen, um sicherzustellen, dass ihr Kind nicht mit einem ab 18 freigegebenen Erotikthriller konfrontiert wird. Zudem gibt es eine (kostenpflichtige) sichere Zone für Kinder.

Der Haken mit dem Amazon Prime-Jugendschutz

Basis des Jugendschutz-Systems bei Amazon ist, wie Amazon selber angibt, die FSK. Die Startseite von Amazon Prime, das, was, zugegeben, die meisten Nutzer auch nie verlassen, ist blütenrein und gut gesichert. Das Jugendschutzsystem von Amazon berücksichtigt und erfasst jedoch nur solche Filme, die auch mit FSK-Informationen verknüpft sind.

Um solche Filme, meistens im Horrorsegment, zu finden, bei denen die Altersangabe fehlt, mussten wir gar nicht lange suchen. Sie werden vorgeschlagen, wenn sich Interessierte auf der Detailseite eines Films wie Die Nacht der lebenden Toten aufhalten. Angaben zur FSK-Freigabe fehlen hier vermutlich, weil die Fassungen schlicht nicht geprüft wurden, Erkenntnisse über ihre Alterseignung also überhaupt nicht vorliegen können. Das lässt viele Fehler und Lücken zu. Filme wie American Slasher, bei denen die Altersfreigabe-Informationen fehlen, sind ohne Eingabe eines Codes abrufbar.

Als weiteres Beispiel mag E-19 Virus herhalten, ein mit 120.000 Dollar Budget gedrehter Horrorfilm, der nie ein Kino geschweige denn ein FSK-Prüfzimmer von ihnen gesehen hat. Bei Beibehaltung der Jugenschutzgrundeinstellungen wäre E-19 Virus ohne Eingabe eines Codes abrufbar gewesen - von dem 30-jährigen Filmnerd oder dem 10-jährigen Schüler. Erst wenn wir die Passwortschranke händisch auf 16 Jahre herabsetzen, verlangt Amazon die Eingabe des Codes. Zur Abschreckung müsste das blutrünstige Cover von Le Periple natürlich ausreichen. Andererseits müsste Amazon vom dümmsten annehmbaren Zuschauer ausgehen, der sich den Zombiefilm mit seinen Kindern anschaut, weil ihn nicht wie gewohnt ein blutrotes FSK 18 warnt.

Dark Amazon Prime

Doch das ist gar nicht unbedingt das Problem. Dass Amazon den Jugendschutz in die Hände seiner Nutzer legt, müssen wir nicht gut finden. Aber so läuft der Hase nun mal im Internet - bislang zumindest. Hier ist jeder erstmal auf sich gestellt und Eltern müssen entscheiden, ob und wenn ja, wie sie ihre Kinder in diese Welt einführen. Das Internet ist kein Ponyhof. Hier gelten andere Regeln und Verschärfungen muss sich der Gesetzgeber ausdenken, nicht Amazon. Allerdings präsentiert sich Amazon als Streaming-Dienst für die ganze Familie. Amazon ist Mainstream-Internet, nicht zuletzt durch seine Strategie der Abonnement-Gewinnung. Sein Streaming- und VOD-Dienst ist schließlich nur ein Nebenereignis beim täglichen Shoppen. Smart-TVs und Tablets haben das wilde Film-Internet aus Torrents und illegalen Streams zudem domestiziert und in die Wohnzimmer gestellt.

Abseits des Kernangebotes wirkt Amazon wie ein Content-Aggretator, ähnelt eher Youtube als Netflix. Amazon stopft seinen Streaming-Dienst mit Internet-Clips voll und saugt blind Internet-Plankton ein wie ein Pottwal. Auf der Plattform rankt deshalb ein unbeachteter Video- und Clip-Wildwuchs, der auch Verschwörungstheorien- und theoretiker anlockt.

Mit seiner Hinwendung zu Familien hat sich der Internet-Riese, der ganze Wirtschaftszweige verändert hat, auch die Verantwortung aufgebürdet, seinen Content-Zufluss zu regulieren und die Kontrolle über vorhandenen Content zu bewahren. Amazon ist im Internet ein Sonderfall, ein riesiges Einkaufszentrum (mit Kino), in dem jeder, wenn er falsch abbiegt, schnell in einer Geisterbahn landet, in einer Art Dark Amazon Prime. Amazon kann beides sein, der Streaming-Dienst für die ganze Familie und für den Film-Nerd. Es muss dann aber auch die Möglichkeiten zur sicheren Content-Trennung bereitstellen.

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