Die Filmanalyse

Die andere Heimat ist Film des Jahres

Filmanalyse zu Die andere Heimat
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Filmanalyse zu Die andere Heimat

Der Ausnahmeregisseur Edgar Reitz hat mit Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht ein fulminantes Alterswerk geschaffen, das allen Unkenrufen, wonach das Kino eine überholte Kunstform sei, trotzt. Kein anderer Film in diesem Jahr beschert dem Zuschauer eine solch emotionale wie intellektuelle Intensität wie dieses fast vierstündige Epos. Es ist ein Film der tausend berührenden Bilder, mit einem Erzählton von unfaßbarer Sogwirkung und einer erstklassigen Schauspielkunst.

Der Hauptdarsteller Jan Dieter Schneider, der noch nie zuvor eine Filmrolle hatte, spielt die Figur des Jakob mit einer natürlichen Hingabe, die einen aufwühlt und die man über lange Zeit nicht vergessen wird. Reitz erzählt – wie schon in seiner berühmten Heimat-Trilogie – von dem fiktiven Dorf Schabbach im Hunsrück. 1842, die wirtschaftliche Not in diesem unwirtlichen Land ist groß, beschließen viele Hunsrücker nach Brasilien auszuwandern. Getrieben von der Wunschvorstellung, dort das Paradies auf Erden zu finden, verlassen sie ihre Heimat für immer. Auch der junge Jakob träumt von Brasilien, ja, von der Neuen Welt überhaupt. Doch es sind nicht basalen wirtschaftlichen Gründe, die diese Sehnsucht in ihm wecken, es ist der Wunsch, der Fremde, dem Fremden zu begegnen und der zu werden, der man ist.

Jakob ist ein autodidaktischer Intellektueller; er lernt lesen, beschäftigt sich mit Reiseberichten, ethnologischen Studien und mit Humboldts Sprachwissenschaft. Er lernt die Sprachen der Indianer, er will gut vorbereitet sein. Am Ende wird er die Heimat nicht verlassen, der Film handelt lediglich von der Sehnsucht, die freilich unerfüllt bleibt. Die Auswanderer werden vielleicht nie der Fremde begegnen, so fern sie auch sind. Jakob aber, der einzige der sich darauf einlassen könnte, bleibt zuhause – „Die wahren Abenteuer sind im Kopf und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo“, sang André Heller einst. Die wahren Abenteuer, so sagt uns Edgar Reitz mit diesem Meisterwerk, sind im Kino.

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