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Die Ermordung des klassischen Westerns durch Butch Cassidy und Sundance Kid

Small price to pay for beauty...
© 20th Century Fox/moviepilot
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24.11.2018 - 09:30 UhrVor 2 Jahren aktualisiert
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Butch Cassidy und Sundance Kid waren der letzte Nagel im Sarg eines Genres, das schon zuvor in letzten Zügen lag. Wenn ihr glaubt, Western sei nichts für euch - diesen solltet ihr sehen! Denn nie zuvor wurde ein ganzes Genre sehenswerter abgeknallt!

Warum weinst du, Gringo? Jedes Genre stirbt irgendwann! Der Piratenfilm war länger tot als Captain Barbossa, das Hollywood-Musical bis zu einer Rückkehr in ein Pariser Bordell als Kassengift verschrien. Und der Western? Die Zeit der großen, noblen, ritterlichen (und, seien wir ehrlich, mitunter stinklangweiligen) Helden ist schon lange vorbei. Alle paar Jahre taucht er nochmal auf, aber nie wieder wird er so sein, wie zu den Zeiten John Waynes und alberner Fransenhemdchen.

Schuld daran ist sicherlich der Italowestern - wirklich zum High Noon-Duell herausgefordert, in den Rücken geschossen und zu Grabe getragen wurde der alte Hollywood-Western aber erst durch Butch Cassidy und Sundance Kid mit Robert Redford, Paul Newman und Katharine Ross, nach einem genialen, mit dem Oscar belohnten Drehbuch von William Goldman. Aber lass dich nicht von Goldjungs blenden, Partner (denn das sind diese beiden ganz bestimmt nicht) - hör lieber auf den Fremden, der grad in die Stadt geritten kommt. Mimuschka weiß, wovon er spricht! Denn wenn du diesen Film noch nicht kennst, ist dir hier ein spannendes, humorvolles und vor allem enorm unterhaltsames Stück Filmgeschichte entgangen!

Der Kommentar der Woche von Mimuschka zu Butch Cassidy und Sundance Kid

Dekonstrunktion des Western-Genres, Phase 2
Nachdem ein paar der alten Mythen bereits seit Anfang der 60er durch den Italo-Western verabschiedet wurden, indem anstelle moralisierender und traditioneller Motive wie Aufrichtigkeit, Ritterlichkeit und Altruismus, nur noch Antihelden in schmutzig-schäbiger Kulisse präsentiert wurden, die gegen bürgerliche Konventionen und Verhaltensnormen rebellierten, egoistisch und nur auf den Profit aus waren, läuteten die ersten Spätwestern ab Ende der 60er das endgültige Ende des klassischen Genres ein.

Einen wichtigen Beitrag dazu leistet der, nach einem Drehbuch von William Goldmann entstandene Butch Cassidy and the Sundance Kid, der sich gegen das noch im Italowestern vorzufindende Männerbild des Machismo richtet. Obercoole Typen, die in jeder Situation einen Oneliner parat haben, den Tod nicht fürchten und stets zum Duell strammstehen, sucht man hier vergebens. Genauer gesagt gibt es im gesamten Film kein einziges Duell! Und es werden noch mehr heilige Kühe geschlachtet: die beiden Protagonisten laufen lieber davon, als sich dem Kampf zu stellen, ganze 30 Minuten widmen sich der Flucht vor den Verfolgern, und dabei verlieren sie auch noch ihre Hüte, des wahren Mannes wichtigstes Kleidungsstück. Heutzutage kaum mehr vorstellbar, war das damals fast so etwas wie ein Skandal, so dass die Kamera auch noch ein paar Sekunden auf den im Dreck liegenbleibenden Kopfbedeckungen verweilt, um diesen revolutionären Moment noch ein wenig länger auszukosten.

Die Reihe an unmännlichen Eigenschaften und Szenen, in denen die "Helden" der Lächerlichkeit preisgegeben werden, ließe sich noch fortsetzen: einer kann nicht schwimmen; der Plan, ein ehrliches Leben zu führen, scheitert daran, dass sie nichts können, außer schießen und faul rumhängen; sie beschweren sich quasi den ganzen Film über dies oder jenes, und müssen überhaupt für den damaligen Kinogänger wie "zänkische Waschweiber" gewirkt haben - was man sich heute natürlich auch nicht mehr vorstellen kann, aber immerhin ist's ja schon über 40 Jahre her.

Das Schöne ist aber nun, dass der Film es schafft, seine Helden nicht herablassend zu behandeln oder bloß zu stellen, sondern sie als sympathische Menschen mit Stärken UND Schwächen, so wie du und ich darstellt, mit denen man sich viel eher identifizieren kann, als mit früheren Pistoleros. Insgesamt wirkt alles viel "poppiger", die Stimmung ist lockerer und von angenehmem Humor durchzogen, und die gewählte Musik passt auch nicht so recht zum klassischen Bild (im positiven Sinne).
Überhaupt fiel mir auf, dass insgesamt nur drei Lieder gespielt werden, dafür aber in voller Länge, und alle drei zu den interessantesten Sequenzen des Films gehören. Repräsentativ hierfür ist etwa die wundervolle Szene, die selbst Robert Redford nicht ganz geheuer war, in der Butch und Etta zu "
Raindrops keep fallin' on my head" einen kleinen Fahrradausflug machen, der fast Musikvideo-Charakter hat.

All dies führte jedenfalls dazu, dass der Film bei konservativen Western-Puristen komplett durchfiel und regelrecht gehasst wurde, bei den Massen aber vorzüglich ankam, da er sich von der Machart her schon sehr modern anfühlte - und den alten Mief hinter sich ließ (sowas wollte man '69 sehen!). Und auch bei mir hat's gefunkt, denn ich bin allgemein ein großer Fan von solcherlei Genre-Dekonstruktionen, so dass ich nun festhalten kann, dass Butch Cassidy and the Sundance kid" auch heute noch zu meinen liebsten Western gehört.

Den Originalkommentar findest du über sein Glas Whiskey gebeugt in diesem Saloon. Und solltest du Butch Cassidy und Sundance Kid selbst gegenüber treten wollen, Gringo: Am Sonntag läuft er um 20:15 Uhr auf Tele5!

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