Die Vorreiter des Found-Footage-Films erschrecken heute immer noch

Laser Paradise
© Nackt und zerfleischt
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21.10.2018 - 08:50 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Seit Jahren ist der Found-Footage-Film kaum mehr der Rede wert. Wir werfen einen Blick zurück auf die Wurzeln des Subgenres, bei denen noch Medien- und Gesellschaftskritik im Fokus stand.

Im Jahr 2018 lässt sich der Found-Footage-Film guten Gewissens als tot bezeichnen. Schon lange hat das Horror-Subgenre, das mit Paranormal Activity 2007 noch einmal einen ungeahnten Aufschwung erhielt und eine nicht enden wollende Welle an schlecht beleuchteten Wackelkamera-Vertretern nach sich zog, keinen erwähnenswerten Beitrag mehr hervorgebracht. Stattdessen wird der Found-Footage-Film bis zuletzt nur noch von billig produzierter Video-on-Demand-Schleuderware repräsentiert, die möglichst anspruchslose oder uninformierte Zuschauer ködern soll.

Das war allerdings nicht immer so. Ein Blick auf die Wurzeln des Subgenres offenbart zwei Filme, die zum Zeitpunkt ihres Erscheinens nicht nur stark polarisierten, sondern aufgrund ihrer medien- sowie gesellschaftskritischen Ansätze weitaus ambitionierter waren als alles, was in den letzten Jahren unter Titeln wie The Bigfoot Tapes, Raw - Das Tagebuch der Grete Müller oder Grave Encounters im Found-Footage-Sektor kursierte. Bei diesen beiden Filmen handelt es sich um Nackt und zerfleischt aus dem Jahr 1980 sowie Mann beißt Hund aus dem Jahr 1992, die wir nachfolgend im Rahmen unseres Horror-Monats Angst, Schrecken und Panik einer genaueren Betrachtung unterziehen wollen. Andere bedeutende Found-Footage-Filme könnt ihr bei uns ebenfalls entdecken.

Nackt und zerfleischt als skandalträchtiger Auswuchs des Kannibalenfilms

Mit dem 1980 veröffentlichten Kannibalenfilm Nackt und zerfleischt, der im Original den ungemein prägnanteren Titel Cannibal Holocaust trägt, sorgte Regisseur Ruggero Deodato für maßlose Empörung, die bis heute nachhallt. Als Alptraum jeder Jugendschutzbehörde stieß der Streifen die Prüfgremien verschiedenster Länder in mehrfacher Hinsicht vor den Kopf. Hierzulande hat der Film noch immer keine Jugendfreigabe erhalten und ist in seiner ungeschnittenen Fassung nicht im Handel erhältlich. Die Gründe dafür sind vielzählig, lassen sich aber primär auf die explizite Darstellung von Sex und Gewalt eingrenzen, bei der Deodato unter anderem Vergewaltigungen, Kastrationen und diverse Tiertötungen zeigt. Letztere wurden für den Film tatsächlich durchgeführt. Vor Gericht verantworten musste sich Deodato derweil für eine gezeigte Pfählung, bei der die Ankläger davon ausgingen, dass der Regisseur die gezeigte Frau tatsächlich getötet hätte. Erst durch eine Erklärung und Veranschaulichung der fiktiven Inszenierung wurde er wieder freigesprochen.

Nackt und zerfleischt

Found-Footage-Ästhetik und Gesellschaftskritik in Nackt und zerfleischt

In der Geschichte von Nackt und zerfleischt reist ein Team von Dokumentarfilmern in den Amazonas, um bislang unerforschte Sitten und Bräuche der dortigen Eingeborenen zu studieren, die Kannibalismus betreiben. Als das Team spurlos verschwindet, reist der Anthropologe Harold Monroe von New York in den Amazonas und kann die Aufnahmen der verschollenen Gruppe bergen. Von den Mitgliedern der Dokumentarfilm-Crew findet er nur noch menschliche Überreste. Nachdem Monroe das Material gesichtet hat, will er sich offen dagegen einsetzen, dass ein Fernsehsender die Szenen für eine Dokumentation verwendet, die ausgestrahlt werden soll. Mit einer Ästhetik, die den Stil der späteren Found-Footage-Vertreter vorwegnehmen sollte und die Aufnahmen des Dokumentarfilm-Teams in ebenso unruhigen wie realistischen Bildern abbildet, schildert Deodato in Nackt und zerfleischt schließlich die Handlungen der Crew. Dabei entpuppen sich die vermeintlichen Zivilisten im Film im Vergleich zu den eigentlichen Kannibalen als die wahren Unmenschen.
Nackt und zerfleischt

Um für ihre Aufnahmen mehr Spannung zu erzeugen und das natürliche Verhalten der Eingeborenen zu manipulieren, brennt die Crew ein ganzes Dorf nieder, wobei viele der Bewohner zu Tode kommen, während die Männer des Filmteams eine Frau der Eingeborenen vor der Kamera vergewaltigen. Diese und weitere Szenen, in denen unter anderem zu sehen ist, wie das vergewaltigte Opfer anschließend gepfählt wurde oder das Filmteam eine Schildkröte tötet und vollkommen zerlegt, sorgen letztlich dafür, dass sie von den Eingeborenen auf grausame Weise getötet werden. Aufgrund der ebenso plakativ wie effektiv dargebotenen Gesellschaftskritik von Deodato fragt sich der Anthropologe Monroe zum Schluss des Films daher zurecht, wer denn nun die eigentlichen Kannibalen seien. Nebenbei etablierte der Regisseur eine stilbildende Ästhetik, ohne die spätere Erfolgsfilme des Subgenres wie Blair Witch Project vermutlich undenkbar gewesen wären.

Mann beißt Hund als besonders schwarzhumorige Mediensatire

In Mann beißt Hund von den Regisseuren Rémy Belvaux, André Bonzel und Benoît Poelvoorde verfolgt ein Filmteam, das ebenfalls die Namen Rémy Belvaux, André Bonzel und Benoît Poelvoorde trägt, das Leben eines ungewöhnlichen Mannes. In dem Film, der eher Mockumentary als Found-Footage-Film ist, wird dem Zuschauer der Eindruck vermittelt, er würde sich eine reale Dokumentation ansehen. Dabei könnte die Person im Mittelpunkt dieses Films kaum anstößiger sein. Ben ist ein vulgärer, rassistischer Prolet, der seine Laune selten im Griff hat. Darüber hinaus ist er außerdem ein unberechenbarer Serienmörder, der sich seine Opfer eher aus unauffälligen oder ärmlicheren Schichten aussucht, um kein Aufsehen zu erregen.

Mann beißt Hund

Der zentrale Clou von Mann beißt Hund besteht jedoch genau in diesem Aufsehen, das Ben aufgrund der Anwesenheit eines Filmteams erregt, sowie seinem fragwürdigen Temperament, mit dem er die Dokumentarfilmer immer tiefer in seine Welt zieht. Neben seinen abscheulichen Taten, bei denen Ben beispielsweise eine Frau direkt in der ersten Szene in einem Zugabteil erdrosselt oder eine ältere Frau aufgrund ihres Herzproblems mit seiner Pistole zu Tode erschreckt, formen Belvaux, Bonzel und Poelvoorde ihren Film gezielt zu einer besonders makaberen, schwarzhumorigen Mediensatire, die gleichzeitig zu den glaubwürdigsten Mockumentarys zählt.

Indem Mann beißt Hund immer wieder in Bildern verweilt, die Abstoßendes, Perverses und anderes Abgründiges zum Vorschein bringen, ist der Streifen gewissermaßen der Vorgänger des Scripted Reality-Fernsehens, mit dem Privatsender den Voyeurismus eines immer stärker abstumpfenden Zielpublikums bedienen wollen. Gleichzeitig begibt sich das Regie-Trio in die dunkelsten Auswüchse dieser Form von Sensationsgier, wenn das Filmteam von gebannten Voyeuren zu skrupellosen Mittätern wird. Es ist der eskalierende Höhepunkt in einer pechschwarzen Mediensatire, die ebenso wie Nackt und zerfleischt zu den interessantesten Frühwerken eines mittlerweile totgelaufenen Subgenres zählt.

Was haltet ihr von der Entwicklung des Found-Footage-Films?

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