Berlinale 2015

Ein neues Südkorea? - Chiles Kino im Aufwind

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© Berlinale/Piffl Medien
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Ein Arbeiter stellt sich in Pablo Larraíns Berlinale-Film The Club vor ein ganz normales Haus irgendwo an der langen Küste Chiles. Mit monotoner Stimme brüllt er detaillierte Beschreibungen seines sexuellen Missbrauchs durch katholische Priester in die Nachbarschaft. Im Haus herrscht Unruhe. Polizei rufen geht nicht, dann finden alle heraus, wer hier wohnt. Die vier Ex-Priester und ihre Wärterin suchen nach Lösungen, denn der Mann vor dem Haus hat es auf ihren neuen Mitbewohner abgesehen. Plötzlich schafft jemand einen Revolver heran. Ein bisschen Angst soll der Neue dem Unruhestifter machen, der die Wahrheit in die Welt plärrt. Er geht hinaus, auf sein früheres Opfer zu und schießt sich in den Kopf. Drinnen wird aufgeatmet. Der Club ist vorerst gerettet.

Es heißt, gute Filme konzentrieren ihre Essenz bereits in den ersten Minuten. The Club entspricht dieser Regel und nimmt das folgende Ringen um die Selbstreinigungs- und Heilungskräfte der katholischen Kirche mit diesem zynisch-satirischen Auftakt vorweg. Regisseur Pablo Larraín ist kein Neuling auf dem Festivalparkett. Sein letzter Streich No! mit Gael García Bernal wurde für den Oscar als Bester fremdsprachiger Film nominiert, ein Novum in der Filmgeschichte Chiles. Seit einigen Jahren bevölkern chilenische Filme die Festivals, räumen Preise ab und erfreuen sich auch daheim einer gewissen Popularität. Manche sprechen von einem Filmwunder, wie es sich zur Jahrtausendwende in Südkorea entwickelte. Dort fiel die Blüte und wachsende internationale Anerkennung der heimischen Filmkultur ebenfalls mit dem kreativen Frühling nach Ende einer Militärdiktatur zusammen.

Bei der Berlinale 2015 haben es zwei chilenische Filme in den Wettbewerb geschafft. Pablo Larraín ist mit The Club dabei, einer der wichtigsten Vertreter des jungen chilenischen Kinos. In einer filmhistorischen Fügung des Schicksals (oder der Berlinale-Leitung) gehört Patricio Guzmán zu seinen Konkurrenten. Der Regisseur von Der Perlmuttknopf gehört zur Generation des Neuen Chilenischen Kinos, das Ende der 1960er Jahre fast zeitgleich mit der linken Regierung unter Salvador Allende aufkam. Politisch ambitioniert und beeinflusst vom Dokumentarfilm was dieses junge chilenische Kino, dem neben Guzmán auch Miguel Littin (The promised Land), Aldo Francia (Valparaíso, mi amor) und der stilistisch wie inhaltlich schwerer festzulegende Raúl Ruiz (Three Sad Tigers) zugerechnet werden. Der Aufbruch 1973 fand ein jähes Ende, als Allende aus dem Amt geputscht und durch Militärs ermordet wurde.

Unter dem Diktator Augusto Pinochet versank das Filmland Chile in der Bedeutungslosigkeit, während sich seine großen Regisseure im Exil mit den Verbrechen der neuen Regierung befassten. Guzmáns Dreiteiler The Battle of Chile (1975-1979) gehört dahingehend zu den eindringlichsten Aufarbeitungen der von Reformen geprägten Allende-Jahre und ihres brutalen Endes. Die obsessive filmische Beschäftigung mit den abgewürgten Idealen der Ära Allende sowie vor allem die Gräueltaten des Pinochet-Regimes kennzeichnet auch Guzmáns jüngere Filme. Seine gefeierte Dokumentation Heimweh nach den Sternen - Suche nach dem Ursprung unseres Lebens im Weltall wendet den Blick ins Universum, um daheim von Frauen zu erzählen, die immer noch nach den Opfern der Militärdiktatur suchen. Es sind die "Verschwundenen", die unter Pinochet zu Tausenden in Folter-Keller und Lager verschleppt und ermordet wurden, deren Leichen aber nie gefunden wurden. Guzmán erforscht in seinem diesjährigen Wettbewerbsbeitrag Der Perlmuttknopf Chiles grausame Geschichte der Massenvernichtung ausgehend von Patagonien im Süden des Landes. Bis zum Meeresboden führt ihn das, wo ein Perlmuttknopf an einer rostigen Stahlschiene der einzige Hinweis auf den Menschen geblieben ist, dessen Leiche vor Jahrzehnten vor der Küste versenkt wurde.

Im Gegensatz zu den Veteranen des Neuen Chilenischen Kinos der 1960er und 1970er Jahre, sind die Filme der jüngeren Generation weniger von den Erinnerungen an die Gräuel geprägt; wobei der Dokumentarfilm noch immer ein Steckenpferd des chilenischen Films ist. Regisseure wie Pablo Larraín (Tony Manero), Andrés Wood (Machuca, mein Freund), Sebastián Lelio (Gloria) und Sebastián Silva (Crystal Fairy - Hangover in Chile) beschäftigen sich in stilistisch vielfältigen, oft mit einer Prise skurrilen Humors versehenen Werken mit der chilenischen Gegenwart. Wobei auch in ihren Filmen gelegentlich die Erinnerung an die Jahre der Pinochet-Diktatur aufkommt. In Larraìns The Club beispielsweise durch einen senilen Priester, der in dieser Zeit mit den Militärs kollaborierte und im Club vor der Welt versteckt wird. Der Chilene Sebastián Silva arbeitet mittlerweile im amerikanischen US-Kino (Magic, Magic). Sein neuer Film Nasty Baby läuft dieses Jahr im Panorama der Berlinale. Im Forum finden wir den sozialkritischen The Mud Woman von Sergio Castro San Martín, in dem die soziale Ungerechtigkeit eine Mutter in einen Rachetrip zwingt. Junge Großstädter in Beziehungskrisen zeigt Mar von Dominga Sotomayor Castillo. Eine Art unterschwellige Abgrenzung zur Generation der Filmväter durch den neuen „neuen“ chilenischen Film findet sich in Pablo Larraíns No! Darin wird von der Marketing-Kampagne gegen die Amtsverlängerung Pinochets erzählt, welche tatsächlich verhindert wurde, weshalb die Pinochet-Ära schließlich 1990 ein Ende fand. Gael Garcia Bernals Marketing-Experte wendet sich in No! nämlich gegen die klassische politische Agitation, weil sie zu wenig Erfolg verspreche. Stattdessen setzt er auf poppige Schlagwörter, um die Massen zum No! zu verleiten.

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