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Aktion Lieblingsmonster

Ein stummer Schrei nach Blut

What's your favorite scary movie?
© Dimension Films/moviepilot
What's your favorite scary movie?

Dieser Artikel entstand im Rahmen der Aktion Lieblingsmonster.

Ich weiß noch ganz genau ...

... es war eine der ersten Free-TV Ausstrahlungen dieses Slashers irgendwann um die Jahrtausendwende herum. Da war ich vielleicht gerade 14 Jahre alt und eigentlich hätte ich solche Filme gar nicht schauen dürfen, was auch meine Mutter an dem besagten Abend mit deutlichen Worten untermauerte: "Ich habe den gesehen, der ist nichts für dich." Danach fuhren beide Elternteile zum Bowling mit Freunden. Doch wie für dieses Alter üblich, machte das Verbot den Film nur noch reizvoller. Ich dachte mir:

Ich habe HALLOWEEN und FREDDY KRÜGER ausgehalten ohne mit der Wimper zu zucken. Was sollte mich (!) mit 14 Jahren (!!) denn bitte noch schocken?

Eine neue Dimension des Horrors

Knapp 111 Minuten später. ̶e̶̶i̶̶n̶̶ ̶̶l̶̶e̶̶i̶̶c̶̶h̶̶t̶̶ ̶̶v̶̶e̶̶r̶̶ä̶̶n̶̶g̶̶s̶̶t̶̶i̶̶g̶̶t̶̶e̶̶r̶ EinJunge, der die Hosen gestrichen voll hat, liegt im Bett und zieht sich zitternd die Decke über den Kopf. Ich hätte wirklich auf Mutti hören sollen, denn was SCREAM hier abfeuerte, war für mich eine komplett neue Erfahrung an Horror. Aber warum? Was machte Wes Craven hier so viel anders? Nun, wann ist Horror am Schlimmsten? Dann, wenn er realistisch und kaum vorhersehbar ist. Wenn man nicht ahnt, wann etwas passiert. Hier war kein verbrannter Kinderschänder unterwegs, der nur in den Träumen zuschlagen konnte oder gar ein stummer Maskenträger, der ein Küchenmesser schwingt und immer dann auftaucht, wenn es gerade passte. Es war kein fremdes Wesen von LV-426, das aus Brustkörben springt. Das hier, das war realer. Es waren Teenager an einer High School. Es war ein Film, der mit Klischees und meinen naiven, dummen Erwartungen spielte und sie über Bord warf. Craven kommentierte das, was ich von den anderen Filme kannte und verarschte diese Prämissen. Dass man so etwas "Meta" nennt und SCREAM so einzigartig macht, das sollte ich erst viele Jahre später schätzen und lieben lernen. Auch, dass SCREAM bis heute seiner Zeit weit voraus war und dieser Zeit mit den folgenden Teilen immer weiter enteilen sollte - bevor MTV sich daran machte, das Erbe in einer Serie spätestens mit einer sehr beschämenden zweiten Staffel zu Grabe zu tragen - war mir nicht bewusst.

Eine zeitloses Kostüm und ein stets präsenter Horror

Doch was genau macht Ghostface so spooky, dass ich selbst heute die SCREAM-Filme allen anderen Horror-Klassikern vorziehe? Das hat eindeutig mehrere Faktoren. Zum einen erwähnte Prämisse, dass es sich hier nicht um ein übernatürliches oder fremdes Wesen handelt, das in den späten 80ern und Anfang der 90er gerne über die Leinwand gejagt wurde. Der Killer hier sprach, machte Fehler, war verletzlich und dadurch menschlich und in der echten Welt verankert. Die Opfer konnten sich theoretisch wehren, was hin und wieder auch die Lebenszeit verlängerte, weil der Täter sein Werk nicht vollenden konnte. Der erste SCREAM hatte zusätzlich den Vorteil, zwei Killer zu haben, um gleichzeitig die oft verwendete Teleportierungsfähigkeit bekannter Monster (ich schaue dich an, Michael Myers!) in einem gesunden Maß zu nutzen, ohne dabei den realistischen Aspekt zu verlieren. Außerdem war der Täter "einer aus der Mitte", also theoretisch vielleicht sogar eine Figur, die ich mochte. Oder war es doch der Offensichtlichste der Truppe? Jeder war verdächtig, das Vertrauen erschüttert. Ich konnte mit niemandem mitfiebern, der mich durch den Film getragen hätte, weil es auch der Killer hätte sein können.

Außerdem ein Meilenstein: das bis heute zeitlose Kostüm. Das zerschmolzene, weiße Gesicht, das an Edward Munchs Gemälde "Der Schrei" angelehnt ist, ist eindringlich, bizarr und befremdlich. Natürlich hat auch Michael Myers eine Maske, doch vermittelt diese keine Emotionen: Das Gesicht ist starr, genau wie die Statur. Myers fühlt nichts - weder Schmerz noch Freude. Das merkt man auch zu jeder Zeit. Freddy hingegen arbeitet mit seinem entstellten Gesicht, wirkt dadurch aber immer als Monster und wirkt stets als Fremdkörper dieser Welt. Aber Ghostface? Ghostface macht sich die Maske und das Kostüm zunutze.

Wenn der Killer den Kopf subtil neigt und dreht oder einfach stehen bleibt und mit dem Körper arbeitet, fühlt man seinen Zustand durch das zerschmolzene Gesicht hindurch. Man bildet sich ein, das diabolische Grinsen hinter der Maske zu sehen und fühlt die psychotische Krankheit des Killers. Zusätzlich profitiert Ghostface vom Rest des Kostüms: In dunkler Umgebung dominiert nur das zerlaufene Gesicht. Fast so, als würde der Killer schweben. Das Einzige, das man neben der Fratze zu sehen bekommt, ist der Moment der Wahrheit. Wenn das Messer aus dem schwarzen Kostüm aufblitzt, dann weiß das Opfer: jetzt wird es ernst. Das letzte, was es sehen wird, ist eine weiße, verzogene Maske und das Aufblitzen von Metall, das bei jedem stechenden Schmerz roter wird. Symbolisch die Szene, in der die Hand des Opfers verzweifelt nach der Maske greift, sie entfernt - und darunter nur noch mehr Schwärze findet. Wenn dein letztes, helles Licht, das du siehst, die Maske von Ghostface ist und du sonst nur Dunkelheit oder Metall siehst, dann ist das ein vernichtender, letzter Augenblick in deinem Leben. Daher haben die Tötungssequenzen der SCREAM-Reihe auch in den Nachfolgern nie an Wirkung verloren, weil Craven immer genau wusste, wie er seinen Killer einsetzen muss, um ihn in vollster Wirkung agieren zu lassen. Das Monster steckt hier nicht zwingend im Kostüm. Der Killer wird erst durch das Kostüm vollständig zu einem Monster.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei den Sponsoren der Aktion Lieblingsmonster:

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Wut. Hass. Ärger. Michael Bay. Hollywood hat viele Ecken und Kanten, über die man sich regelmäßig aufregen kann. Wie wir alle wissen, kann man sich mit gleichgesinnten noch besser aufregen - von daher: Herzlich Willkommen in Herr Beutels Seminarrunde
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