Minotaur & Diviner

Fear the Walking Dead - Wir schauen Staffel 3, Folgen 9 & 10

Fear the Walking Dead - Madison hat endlich genug von Troys Machenschaften
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Fear the Walking Dead - Madison hat endlich genug von Troys Machenschaften
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Verglichen mit der vorangegangen Staffel hat Fear the Walking Dead gerade die beste Staffelhälfte seiner Geschichte hingelegt. Der Verlust von Cliff Curtis an das Avatar-Franchise war nicht groß und Daniel (Rubén Blades) und Victor mussten sich ebenfalls mit kurzen Auftritten begnügen. Somit konnte fast der gesamte Fokus auf der verkleinerten Familie Clark liegen, und das hat sich ausgezahlt. Die Otto-Familie war ein lohnenswerter Neuzugang für die Serie, der sich noch lange auszahlen wird. Und insbesondere der Volksstamm der Natives um den stoischen Anführer Walker hat der Serie nicht nur einen brodelnden Konflikt beschert, sondern auch so etwas wie eine Botschaft gegeben. Bis dato ein relativ selten gesehener Kniff der Autoren bei Fear The Walking Dead.

Der Tod von Jeremiah Otto hat auch direkte Auswirkungen auf die ersten beiden Folgen dieser Staffelhälfte. Es wird in Minotaur und Diviner bereits so viel an Handlung abgeschlossen, dass sich der Tod des Ranch-Patriarchen wie eine weit zurückliegende Legende anfühlt. Dies ist auch in gewisser Weise das Problem des Fortsetzungs-Auftakts. Ein merkliches Ziel und Thema wurde für diese Hälfte konzipiert, und um es zu erreichen, geben die Fear the Walking Dead-Autoren mächtig Gas. Ortswechsel, Schießereien, Morde, ein riesiger Marktplatz inmitten einer ehemaligen Stierkampfarena – bei all dem Trubel vergisst die Serie ihre wichtigsten Aufgaben jedoch völlig.

Eine Zombieserie sollte die Freiheit genießen, eine (post-)apokalyptische Geschichte ohne große Vorgaben oder Einschränkungen erzählen zu können. Schließlich sind mit dem Wiederkehren der Toten nahezu sämtliche Normen und Werte verfallen, wieso sollten langweilige Grenzen dann die Serie in ihrer Umsetzung aufhalten? Gerade die Grenzüberschreitung oder die Umkehrung der Erwartungen sind in dem Genre die Höhepunkte für viele Fans. Dennoch kann eine Serie, die ihr Szenario so offenherzig, aber seriös annimmt, nicht auf gewisse Eckpfeiler verzichten.

Fear The Walking Dead nimmt Zombies ernst und gestaltet sie glaubhaft, schreibt jedoch bereits im Auftakt der ersten neuen Folge die Glaubwürdigkeit der Entscheidungen durch die Hauptfiguren klein. Madison und Walker haben Frieden geschlossen, und während Troys rassistisch motivierte Aktionen sicherlich ein zukünftiges Problem darstellen würden, könnte Frieden zwischen den Faktionen herrschen. Doch dass die beiden Gruppen direkt auf dem kleinen Gelände zusammenziehen, sprengt selbst die optimistischen Hoffnungen. Natürlich führt dies zu Konflikten und Soap-Plotlines, die die Serie doch eigentlich so erfolgreich hinter sich lassen konnte in der vergangenen Staffelhälfte.

Fear the Walking Dead treibt es jedoch weiter. Nachdem die Situation halbwegs erfolgreich und einsichtig angenommen wird, führt ein Zwischenfall dazu, dass Walkers Clan den alleinigen Zugang zu allen Waffen erhält. Madison (Kim Dickens) hilft bei der Machtübergabe. Es ist nicht völlig abwegig, dass Madison dem Stammesanführer inzwischen so sehr vertraut. Doch es ist schlicht nicht nachvollziehbar, weshalb Madison sieben Folgen lang im Hintergrund agiert und im Finale endlich die Macht ergreift, nur um sie dann direkt wieder abzugeben. Sie erklärt sich nie, ist prinzipiell schwer zu mögen, und Konsequenzen haben ihr und ihrer Familie bisher noch nie geschadet. So war auch Travis' Tod ein Umstand der Produktion, er ergab sich nicht natürlich aus der Geschichte oder dem Kontext der Zombieserie.

An starken Frauenfiguren hat es weder Fear The Walking Dead noch der Mutterserie je gemangelt. Es ist jedoch schade, wenn Madison nur um des Friedens willen plötzlich all ihre neuen Möglichkeiten nicht ausnutzt. Weiterhin ist es ärgerlich, dass sie selbst dann, wenn sie am Zug ist, nicht konsequent sein kann. Sie hat durchaus berechtigte Schuldgefühle gegenüber Troy. Dennoch hat dieser schwierige Ziehsohn nun endgültig all seine Karten verspielt. Vor ihren Augen verletzt er ein unschuldiges Stammesmitglied schwer, und sie lässt ihn wieder gehen; im Wissen, dass Troy schon bald wieder um die Ranch herumgeistern wird. Dies ist die vielleicht ärgerlichste aller Entwicklungen in diesem Universum. Rick und Co. müssen sich stets ihre Macht erkämpfen, Madison und Co. fällt hingegen alles in die Hände. Die niedrigen Hierarchien innerhalb der Gruppierungen, sei es an der Ranch, im Hotel oder am Staudammn, erwecken den Eindruck hastig etablierter Ordnungen inmitten des Chaos. Das ist spannend, das ist authentisch, aber wenn unsere Figuren immer auf die Hilfe anderer angewiesen sind, selten kluge Entscheidungen treffen und trotzdem ständig nach oben fallen, dann verliert die Serie an Glaubwürdigkeit. Man erkennt allzu schnell die Wünsche der Autoren für das Figurengefüge und eben nicht die authentisch erzählten Konflikte, wie sie in der Mutterserie oder in der ersten Staffelhälfte hier zu sehen waren.

Vielleicht am ärgerlichsten ist der bisherige Mangel an Zombies. In einer stimmigen Eingangssequenz wird der Alltag der Rancher unterlegt von Nick Cave and The Bad Seeds gezeigt. Death is not the End heißt es im Song und auch im Serienuniversum, wie in der Schilderung der langweiligen Zombieentsorgung problemlos zu erkennen ist. Kein Wunder also, dass die Serie ständig neue Konflikte suchen und konstruieren muss, wenn der eigentliche, natürliche Feind so in den Hintergrund gerät. Schlussendlich will Fear natürlich wie TWD darauf hinaus, dass die verbliebenen Mitmenschen und ihre Natur die eigentlichen Feinde der Überlebenden sind, und das ist auch lobenswert. In diesen anfänglichen Stadien der Apokalypse verfallen die Figuren jedoch zu schnell in eine triste Routine. Da können die Zombies noch so viele Stunden in den Trailern der Make-up -Abteilung verbracht haben, all das bringt dem Zuschauer wenig, wenn sie am Ende nur als Hindernisse in einem größeren Rennen den Figuren den Weg erschweren.

Allgemein ist jedoch ein positives Fazit zu ziehen. Trotz der Kritik am Groben ist Fear the Walking Dead weiterhin sehr erfolgreich im Detail. Die Kameraarbeit fängt erneut die offene Landschaft in sehr schönen Bildern ein, die Schauspieler verleihen den Konflikten die notwendige Gravitas, die die Drehbücher vermissen lassen. Und vor allem die schlussendliche Entscheidung zur Kooperation, trotz oder vielleicht auch wegen den Unterschieden der Gruppen, birgt Hoffnung und inspiriert.

Es ist schade, dass man jedoch bereits genau weißt, dass der Friede nicht lange halten wird. Fear the Walking Dead bleibt gefangen in den Strukturen der Mutterserie. Wie der titelgebende Minotaurus ist die Serie gefangen in einem konstruierten Labyrinth - hier jedoch aus scheinbar unendlich wiederkehrenden Storylines, die sich schon schnell allzu bekannt anfühlen. Das Spin-off hatte die Möglichkeit, nicht ständig auf gewaltsam ausgetragene Konflikte zusteuern zu müssen. Das Halbstaffelfinale vor wenigen Monaten gab Mut, dass die Serie dies endlich schaffen könnte. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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