Gegen den Netflix-Kummer: Kino kann Depressionen vorbeugen

500 Days of Summer: Auch im Parkett kann das Kino glücklich machen
© 20th Century Fox
500 Days of Summer: Auch im Parkett kann das Kino glücklich machen

Das Kino ist ein Ort der Gefühle. Unabhängig davon, wie uns der Film gefallen hat, verlassen wir den Saal selten ohne ganz bestimmte Emotionen, die das Gesehene in uns hervorrufen. Zuweilen kann das Erlebnis aber auch ein großes Ärgernis sein, das mit dem Werk auf der Leinwand gar nichts zu tun hat: Das Popcorn, das gerade viel zu teuer war, der schlecht gewählte Platz oder der Sitznachbar, der seine Manieren offenbar an der Ticketkasse vergessen hat – manchmal schafft es der Ausflug ins Filmtheater eben auch, einem den Abend zu verderben. Kinos können aber auch genauso Glücksgefühle hervorrufen und sogar noch mehr: Wie nun erwiesen ist, tut uns der Gang ins Lichtspielhaus gesundheitlich richtig gut, denn das Kino kann offenbar Depressionen vorbeugen.

So ist die Studie zu Depressionen und Kino vorgegangen

Das haben Wissenschaftler an der britischen Universität in Cambridge herausgefunden. In ihrer im Dezember 2018 im British Journal of Psychiatry veröffentlichten Studie gingen Daisy Fancourt und Urszula Tymoszuk der psychischen Krankheit Depression nach und der Frage, wie diese im Zusammenhang mit dem Prozess des Alterns und dem Konsum von Kultur steht. Über 2000 Erwachsene im Alter von 50 Jahren oder mehr wurden dazu befragt, zehn Jahre nahm die Studie in Arbeit. Zu Beginn zeigte keiner der Probanden ein Anzeichen der Erkrankung, eine Dekade später litten allerdings 616 Personen an Depression. Fast ein Drittel der Befragten ist im hohen Alter also erkrankt.

In England soll heute jeder vierte Einwohner mit über 65 Jahren depressiv sein, wodurch sich auch das Risiko einer körperlichen Erkrankung erhöhen kann. Bekanntlich sollen vor allem körperliche Betätigungen wie Sport der Depression vorbeugen. Anhand der Auswertung der sogenannten ELSA-Studie wollen die Forscher von Cambridge nun beweisen, dass auch kulturelle Aktivitäten wie ins Kino zu gehen, ein Museumsaufenthalt oder der Gang ins Theater das Risiko einer Depression verringern können.

Das hat die Studie herausgefunden

Tatsächlich ist laut Auswertung bei den 635 Menschen, die alle paar Monate einer dieser drei kulturellen Betätigungen nachgehen, das Risiko zu erkranken um 32 Prozent reduziert worden. Wer sogar mindestens einmal im Monat zum Beispiel ins Kino geht, was auf 389 Testpersonen zutrifft, verringerte die Wahrscheinlichkeit um 48 Prozent. In der Zusammenfassung heißt es, dass kulturelle Erlebnisse wie der Kino- oder Museumsbesuch die soziale Interaktion und die eigene Kreativität fördern sowie den Geist stimulieren.

Dass man aber mit solchen Aktivitäten allein eine Depression verhindern kann, davon distanziert sich die Psychologin Dr. Amanda Thompsell. Die Vorsitzende des Royal College of Psychiatrists meint gegenüber Independent, dass die Ergebnisse vielversprechend seien, aber dabei auch eine persönliche Therapie und der Gebrauch von Medikamenten eine Rolle spielen. Die Organisation würde die Forschungsarbeit dennoch sehr begrüßen.

Macht das Kino glücklich und Netflix depressiv?

Mit welchen Einflüssen Depression im Zusammenhang steht, ist auch weiterhin eine hochkomplexe Problematik, die es zu ergründen gilt. Eine der größten Schwierigkeiten dabei ist, dass bei vielen Betroffenen die Krankheit gar nicht erst diagnostiziert und somit auch häufig unterschätzt wird. Doch Kultur, sowie speziell auch das Kino, kann offenbar, wenn auch nicht allein ausschlaggebend, ein sehr effektives Mittel sein, um der Störung entgegenzuwirken.

Genau andersherum sieht das beim Heimkino, beziehungsweise beim intensiven Gebrauch von Streaming-Diensten aus: Wie im Jahr 2016 an der University of Toledo in Ohio herausgefunden wurde, soll das sogenannte Binge-Watching, also ein mehrstündiges Konsumieren von Serien oder Filmen auf Plattformen wie Netflix oder Amazon Prime Video, bei den Befragten häufiger zu Stress und Depressionen geführt haben. Ein Grund könnte dabei sein, dass Streaming in der Regel viel häufiger daheim und allein vollzogen wird, während der Gang ins Kino ein soziales Erlebnis bleibt, das außer Haus und zum Großteil in der Gruppe stattfindet. In erster Linie birgt Binge-Watching die Gefahr, zur Sucht zu führen, wodurch körperliche Bedürfnisse oder das Berufsleben vernachlässigt werden können. Andersherum sollen auch an Depression leidende Menschen häufiger zum auch oft so genannten Komaglotzen neigen.

Ist Netflix also eine Ursache für die Störung und das Kino die Heilung? Eine solche Schwarz-Weiß-Betrachtung wäre natürlich unangebracht, vielmehr ist es erwiesen, dass beides Auswirkungen auf unsere Psyche haben und auch eine Rolle bei einer möglichen Erkrankung spielen kann. Fakt ist, dass man im Kino selbst beim Solo-Besuch fast nie richtig allein ist, und wenn sich der Vorhang nach einigen Stunden Laufzeit wieder schließt, wird der Zuschauer automatisch wieder in die Realität entlassen. Das dazu vergleichsweise isolierte Fernsehen auf dem Sofa oder der Serienmarathon im Wohnzimmer animiert gerne dazu, nicht aufzuhören und eine Episode nach der anderen zu sehen. Diese, nicht unwichtige soziale Komponente hat das Kino dem Streaming stets voraus.

Glaubt ihr an die gesundheitsfördernden Kräfte des Kinos?

moviepilot Team
AlexX2 Alexander Friedrich
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