Berlinale-Tagebuch

Gnadenloses Problemkino mit Jürgen Vogel

Gnadenloses Festivalleben mit Jürgen Vogel auf der Berlinale
© Berlinale/moviepilot
Gnadenloses Festivalleben mit Jürgen Vogel auf der Berlinale

Gestern Morgen starrte ich im Halbschlaf vollkommen benommen Charlotte Gainsbourg an, die mir im Berlinale Palast entgegenkam, weil ich dachte, ich würde sie irgendwoher kennen. Nach gefühlten zehn Minuten konnte ich sie endlich als VIP einordnen und tauchte beschämt in der Menge unter. Ich brauche dringend Schlaf!

Lassen sie mich durch, ich bin Journalist!
Auf der Berlinale lerne ich nicht nur andere Filmjournalisten kennen, sondern auch Menschen, die Filme produzieren. Bei einem Kaffee wurde mir in diesem Zusammenhang gestern eine Außensicht auf den Berufsstand der Journalisten zuteil, die ich nicht für mich behalten möchte. Offenbar werden wir als arrogant und schlecht gelaunt wahrgenommen. Journalisten würden sich selbst als die wichtigsten Teilnehmer des Festivals empfinden und sich mit vollem Einsatz überall vordrängeln. Zudem meckerten sie ständig über den stressigen Tagesablauf und den Schlafentzug (letzteres scheint mir total absurd!). Ich entgegnete, dass Kritiker so hießen, weil sie besonders kritisch seien. Eine positive Lebenseinstellung passe dazu eben nicht, war mein Argument. Wir mögen uns ja zuweilen selbst überschätzen, aber wenigstens sind wir so eloquent, uns immer rausreden zu können!

Keine Gnade für Zigeuner
Der erste Film des Tages beschäftigte sich mit Attentaten auf Roma-Familien in Ungarn. Just the Wind beruht auf einer wahren Begebenheit, erzählt aber die fiktive Geschichte eines Tages im Leben einer “Zigeuner”-Familie. In der Nachbarschaft ist es in den letzten Tagen zu Überfällen und Morden gekommen, so dass Mari (Katalin Toldi), Anna (Gyöngyi Lendvai) und Rio (Lajos Sárkány) in großer Angst leben, dass sie die nächsten Opfer sein könnten. Regisseur Benedek Fliegauf zeigt die harten Lebensbedingungen der Roma in Ungarn mit einer Kamera, die den Figuren stets sehr nah ist. Was eine intensive Atmosphäre erzeugt, ist für meine Augen auf Dauer leider auch etwas anstrengend. Dennoch finde ich es grundsätzlich lobenswert, dass sich der Filmemacher diesem Thema verschrieben hat und es realistisch unter die Lupe nimmt. Die Ungarn haben jedoch offensichtlich Angst, vor der Welt nun im falschen Licht zu erscheinen, denn die heutige Premiere des Films wurde von einer zweifelhaften Flugblattaktion überschattet.

Keine Gnade für Jürgen Vogel
Etwas ratlos stand ich nach der Vorführung von Gnade mit einem Kollegen zusammen und versuchte, mir die Botschaft dieses Films von Matthias Glasner zu erschließen. Niels (Jürgen Vogel) beginnt mit Frau und Kind in Norwegen ein neues Leben, das jedoch bald von einem schrecklichen Unfall überschattet wird. Er und seine Frau Maria (Birgit Minichmayr) tragen sich mit einer schweren Schuld, die sie zwar nach einer Zeit der Krise wieder zu einander finden lässt, die beiden aber auch nachhaltig schwer belastet. Immer wieder deutet die Geschichte mögliche Auflösungen der Situation an: Wird das Geheimnis ans Licht kommen? Die Schneelandschaft von Norwegen ist ein atemberaubendes Setting für dieses Drama, das sich aber meiner Meinung nach nicht recht entscheiden kann, ob es eine Beziehungskiste oder das Thema Schuld und Sühne ins Zentrum rücken will. So kann die intensive Stimmung leider nicht über die gesamte Laufzeit gerettet werden. Den Buh-Ruf aus dem Publikum habe ich trotzdem nicht verstanden.

Keine Gnade für die Liebe
Am Ende des gestrigen Tages wurde es dann noch mal richtig romantisch. Die Königin und der Leibarzt – A Royal Affair ist im Vergleich mit den meisten anderen Wettbewerbsfilmen richtiges Popcornkino. Da geht es um Liebe und Verrat, wir sehen tolle Kostüme und dürfen uns mit Hilfe der Musik ganz der traurigen Liebesgeschichte zwischen der dänischen Königin Caroline Mathilde (Alicia Vikander) und ihrem Leibarzt Johann Friedrich Struensee (Mads Mikkelsen) hingeben. Regisseur Nikolaj Arcel inszeniert sein Kostümdrama glücklicherweise nicht zu kitschig und widmet den politischen Umwälzungen durch Struensee ebenso viel Aufmerksamkeit wie der Lovestory. Auch für Geschichtsignoranten wie mich wird aber leider durch die Rahmenhandlung das Ende vorweg genommen. Vielleicht lag es daran, dass mich Die Königin und der Leibarzt – A Royal Affair nicht komplett mitreißen konnte.

Sophies Geheimtipp: Wilaya
Wilaya ist einer der zahlreichen Filme, die sich auf der diesjährigen Berlinale mit Nordafrika beschäftigen. Hier kehrt eine junge Frau nach einer Kindheit in Spanien in das Flüchtlingslager in Algerien zurück, in dem sie geboren wurde. Nach dem Tod ihrer Mutter soll sich die nun westlich geprägte Fatimetu (Nadhira Mohamed) um ihre körperlich behinderte Schwester (Memona Mohamed) kümmern. Wilaya wartet mit beeindruckenden Bildern der algerischen Wüstenlandschaft und einer berührenden Geschichte auf und thematisiert fast beiläufig die Rolle der Frau in der arabischen Welt ohne moralischen Fingerzeig.

Ausführlicher gehe ich auf die genannten Filme wie gewohnt in meinem Blog ein. Auch auf film-zeit.de könnt ihr euch detaillierter über die Berlinale informieren.

Welches filmische Gnadengesuch reizt euch am meisten?

Community Autor
folgen
du folgst
entfolgen
Deine Meinung zum Artikel Gnadenloses Problemkino mit Jürgen Vogel