Golden Globes 2018 - Die Beerdigung des Patriarchats

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri
© 20th Century Fox
Three Billboards Outside Ebbing, Missouri
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"It's true we had a gentleman's agreement, but unfortunately, I am no gentleman."

Woran erinnern wir uns nach Ende dieser 75. Verleihung der Golden Globe Awards eher: An Natalie Portman, die als Präsentatorin für die Beste Regie einigermaßen wütend die komplett männliche Riege der Nominierten betont? Oder an Guillermo del Toros berührende Dankesrede? Zum Ende dieser Nacht kam so gut wie kein Preis, keine Präsentation ohne Bemerkung des Themas aus, das diesen Abend überschattete. Höhepunkt war zweifelsohne Oprah Winfreys Dankesrede, die mit einem Lob der freien Presse begann und einer Forderung der Zeitenwende endete: Time's Up für die Kultur der Belästigung in der Unterhaltungsindustrie, und für ein paar Sekunden konnten wir beobachten, wie Oprahs Wille die Wirklichkeit nach Gutdünken formt. Das gehört zur Magie einer Awards Show. Das ist Hollywood. Die Filme, die diesen phantastischen Zauber normalerweise versprühen, spielten eine Nebenrolle bei den Golden Globes.

Es liegt auch an dem Oscar-Jahrgang, den manche als so spannend wie selten zuvor bezeichnen, was im Umkehrschluss das große Narrativ vermissen lässt. Das von der Konkurrenz zwischen Moonlight und La La Land zum Beispiel oder Leonardo DiCaprio und dem Bären. Nicht dass die Hollywood Foreign Press Association in Sachen Film und Serie keine klaren Favoriten hatte. Bei letzteren blieb ihre Unberechenbarkeit aus manchen Jahrgängen aus, mit Gewinnern wie Big Little Lies und The Handmaid's Tale folgte die HFPA den weithin für zurechnungsfähiger gehaltenen Emmys. Eine mögliche Ausnahme bildete die noch frische Amazon-Serie The Marvelous Mrs. Maisel von Gilmore Girls-Schöpferin Amy Sherman-Palladino, die als Neuling den Preis für die Beste Comedyserie und Beste Comedydarstellerin erhielt.

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri mauserte sich zum Favoriten unter den Filmen mit insgesamt vier Auszeichnungen, namentlich Bestes Drama, Beste Hauptdarstellerin, Bester Nebendarsteller und Bestes Drehbuch. Billboards erzählt seine eigene Geschichte einer Abrechnung, diesmal einer Mutter, die die Vergewaltigung und Ermordung ihrer Tochter mit roten Werbeschildern ins Bewusstsein ihrer Gemeinde zu brennen sucht. Es ist ein klassischer Globes-Film mit verdienten Darstellern, einem wichtigen Thema und einer Umsetzung, die minimal mehr aneckt als das, was für gewöhnlich als Oscar-Kost durchgeht (was nun nicht als Lob für Martin McDonaghs tendenziell angestrengtes Anecken gelesen werden sollte). Antiklimaktisch wirkte der Sieg dennoch. Es war ja nur ein Film, der uns da in den Abspann begleitete, und nicht die brennenden Barrikaden im Herzen Hollywoods.

Spannend bleibt das Oscar-Rennen nach diesen Golden Globes, welche Favoriten wie Die Verlegerin, Get Out, Call Me by Your Name und Shape of Water - Das Flüstern des Wassers sparsam bis geizig abhandelten. Der betont zeitgemäße Spielberg-Film über das Ringen von freier Presse und repressiver Präsidentschaft, dem im Monolog von Seth Meyers ein Korb voll Globes versprochen wurde, ging leer aus. Die Horrorsatire Get Out, mehr noch als alle Blockbuster der Film des Jahres 2017 in den USA, ebenso. Der Oscar-Favorit Lady Bird von Greta Gerwig wurde immerhin als Beste Komödie ausgezeichnet, und so langsam gibt es keine Ausrede mehr, Saoirse Ronans Namen nicht aussprechen zu können. Sie gilt es offenbar bei den Oscars zu schlagen, und dafür brauchen wir nicht einmal auf die Golden Globe-Auszeichnung zu blicken, deren Aussagekraft ob der Zusammensetzung des Verbandes der Auslandspresse in Hollywood angezweifelt werden darf.

Shape of Water erhielt neben dem Preis für den Score jenen Regiepreis, der durch die vielfach geteilte und gefeierte Portman-Anmerkung ins Hintertreffen geraten ist. Del Toros Geschichte über eine stumme Putzfrau, die dank der Bekanntschaft mit einem Wasserwesen in Konflikt mit einem sexistischen, rassistischen und bonbonsüchtigen (keine Wertung) Menschenmonster gerät, reiht sich relativ flutschig ein in die von weiblichen Hauptfiguren geprägte Awards Season, in der Verlegerinnen um ihre Autorität ringen und eine Mutter um Gerechtigkeit für ihre verstorbene Film-Tochter. Fatih Akins Siegerfilm Aus dem Nichts über die Suche nach Vergeltung eines rechtsterroristischen Verbrechens sei hier ebenfalls erwähnt. Portmans Seitenhieb ist nicht notwendigerweise einer gegen die nominierten Regisseure. Es darf gefragt werden, warum die HFPA Greta Gerwigs Film derart liebt, dass sie ihn mit dem Komödienpreis auszeichnet, aber nicht genug, um seine Regisseurin mit einer Nominierung zu ehren. Guillermo del Toro bleibt nichtsdestotrotz ein verdienter Gewinner dieses Preis, der etwas bedeutet, wenn auch nach 75 Jahren noch nicht recht klar ist, was genau.

Natalie Portman drückte einen notwendigen Misston in der allzu harmonischen Geselligkeit dieser Entertainment-Beerdigung aus. Die Time's Up-Initiative hatte dazu aufgerufen, in Schwarz zur Verleihung zu erscheinen, um auf den Missbrauch am Arbeitsplatz aufmerksam zu machen, der durch Fälle wie Harvey Weinstein und Kevin Spacey in den letzten Monaten die Schlagzeilen und kurzfristig beendeten Arbeitsverträge beherrschte. Die Stars folgen, was der angeschunkelten Verleihung im Dinner-Ambiente zur Aura eines Leichenschmauses verhalf. Von Seth Meyers' spitzzüngigem, aber nicht schmerzhaften Eröffnungsmonolog bis hin zu Oprah Winfreys State of the Union-Rede schienen sich alle Anwesenden einig im notwendigen Aufbruch nach dem öffentlichen Begräbnis einer Ära, das wir in den letzten Monaten miterleben konnten. So offenbar die Hoffnung. Da haben wir also unser großes Narrativ der Oscar-Saison 2018, das alle Filme und Filmemacher überstrahlt, im Guten wie im Schlechten, zumindest bei dieser ersten großen Verleihung.

Sehen wir es aber mal so: Die Entscheidungen der HFPA werden auf ewig oder wenigstens zu unseren Lebzeiten den The Tourist-Makel tragen, eben den Schatten der Lächerlichkeit, der Geschenkkörbe und unverdienten Mitgliedschaft in einem derart einflussreichen Verband (und das ist nur eine Auswahl). Vergangene Nacht konnten wir dennoch eine echte Hollywood-Story sich entfalten sehen im Beverly Hilton, voller berauschender Reden, als hätte Steven Spielberg mit Oprah Winfrey schon mal seine nächste Supreme Court-Szene geprobt. Eine Story erst einmal nur, ein Narrativ der Saison, dessen Halbwertzeit noch abzuwarten bleibt. Aber eines, das zu erzählen sich lohnt.

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