Wie Green Book von der wahren Geschichte abweichen soll

Green Book - Trailer (Deutsch) HD
2:32
Green Book - Eine besondere FreundschaftAbspielen
© Entertainment One
Green Book - Eine besondere Freundschaft
20.07.2021 - 09:58 UhrVor 1 Tag aktualisiert
19
0
Der Oscar-Gewinner Green Book basiert auf wahren Begebenheiten, allerdings ist die Darstellung stark umstritten. Und das ist nicht die einzige Kontroverse des Films.

Green Book erzählt die Geschichte des afroamerikanischen Pianisten Don Shirley, der in den 1960ern Konzerte im rassistischen Süden der USA abhält. Dabei wird er vom Kleinkriminellen Tony Lip als Fahrer und Bodyguard begleitet, der im Laufe der Reise seine ebenfalls rassistische Prägung überwindet.

Einige der besten Filme aller Zeiten hier reduziert
Amazon
Deal

Die Handlung des dreifachen Oscar-Gewinners beruht auf wahren Begebenheiten, viele Punkte wurden jedoch im Nachhinein stark angezweifelt. Kritiker:innen bewerteten auch die Erzählweisen und Charakterentwicklungen des Films als überholt und klischeehaft. So wurde Green Book zu einem der umstrittensten Gewinner der Bester-Film-Auszeichnung. Wir fassen die Streitpunkte um Green Book zusammen.

Die (wirklich) wahre Geschichte hinter Green Book

Gibt es das Buch aus dem Filmtitel? Green Book bezieht sich auf einen speziellen Reiseführer, der die wenigen Unterkünfte, Restaurants und Tankstellen im Süden listet, die afroamerikanische Kund:innen bedienen. Bundesstaaten wie Georgia, Texas oder Mississippi gelten als gefährliches Terrain für Afroamerikaner:innen. Sie müssen Gewalt, Anfeindungen und Unterdrückung durch die weiße Bevölkerung befürchten.

Green Book - Trailer (Deutsch) HD
Abspielen

Wer war Don Shirley? Der von Mahershala Ali gespielte Shirley war ein Pianistengenie, das Zeit seines Lebens unter Diskriminierungen zu leiden hatte, was eine mögliche größere Karriere als professioneller Musiker verhinderte. Dennoch brachte er es zu Bekanntheit. 2013 starb Shirley in New York.

Wer war Tony Lip? Der von Viggo Mortensen verkörperte Tony Lip heißt eigentlich Frank Vallelonga und ist vielen wahrscheinlich als Darsteller in Gangster-Filmen- und Serien bekannt. Seine Rollen reichen von Der Pate über Goodfellas bis Die Sopranos.

Wer ist Nick Vallelonga? Nick Vallelonga ist der Co-Autor von Green Book sowie Sohn der Hauptfigur Tony Lip, siehe oben. Vallelongas Drehbuch basiert auf Geschichten, die sein Vater ihm anvertraut haben soll.

Wie Green Book von der wahren Geschichte abweichen soll

Tony Lip überwindet während des Films seine rassistischen Vorbehalte und zwischen den Männern entwickelt sich eine tiefe Freundschaft. Diese "besondere Freundschaft" ist das emotionale Epizentrum des Films. Hätte zwischen den Figuren nur ein normales Arbeitsverhältnis bestanden, würde Green Book nicht als der Wohlfühl-Film funktionieren, als der er zum Erfolg wurde.

Nun wird jedoch genau diese tiefe Freundschaft bestritten, und zwar nicht von irgendwem, sondern von Don Shirleys Familie. "100% falsch" seien die Darstellungen im Film. Maurice Shirley, Dons Bruder, sagt in einem aufsehenerregenden Interview : "Mein Bruder betrachtete Tony nie als 'Freund'. Er war ein Angestellter, sein Chauffeur [...]"

Don Shirley habe zudem gegenüber seinem Neffen Edwin abgelehnt, dass ein Film über sein Leben gedreht wird. Nick Vallelonga sei schon vor 30 Jahren auf Don Shirley zugekommen, um mit ihm über einen Film zu reden. Der Pianist stimmte nicht zu.

Die Gegendarstellung: Wie viel an Green Book ist vielleicht doch wahr?

Autor Vallelonga verteidigte sein Werk und dessen Wahrheitsgehalt. Shirley sei durchaus einverstanden gewesen mit dem Film, beteuerte er gegenüber Variety . Tatsächlich unterstützen Audioaufnahmen  von Don Shirley viele im Film gezeigte Ereignisse – auch die bezweifelte Freundschaft zwischen Don und Tony. Don Shirley sagt in den Mitschnitten: "Ich vertraute ihm [Tony] bedingungslos. Sehen Sie, Tony war nicht nur mein Fahrer. Wir hatten nie eine Arbeitgeber/Arbeitnehmer-Beziehung."

Green Book - Clip Shirley Hilft Tony Bei Einem Brief (Deutsch) HD
Abspielen

Wie viel Wahrheit genau in dem Film steckt, ist bei dieser Vielzahl sich widersprechender Positionen schwer zu beurteilen. Überdies sind Dramatisierungen, Vereinfachungen oder Vereinfachungen in biographischen Filmen nicht unüblich. Der besondere Anspruch an Genauigkeit ergibt sich bei Green Book allerdings aus der Nähe des Drehbuchautors zur Hauptfigur, seinem eigenen Vater. Don Shirley-Darsteller Mahershala Ali entschuldigte  sich noch vor der Oscarverleihung bei der Familie der Figur, die er verkörpert.

Harte Kritik: Green Book tappt in eine typische Falle des amerikanischen Kinos

Die Reise von Green Book zum kontroversen Oscar-Gewinner wurde zudem überschattet von harter Kritik an den Erzählmechanismen des Biopics. Tambay Obenson etwa schreibt für Indie Wire , Green Book habe ein "Magical Negro-Problem". Gemeint ist damit eine klischeehafte, überhöhte Abbildung schwarzer Figuren, wie sie im amerikanischen Kino immer wieder vorkommt.

Der Figurentypus des "Magical Negro" ist immer in sich ruhend und weise. Er verhilft weißen Figuren zu Selbsterkenntnis und zu einer positiven charakterlichen Entwicklung. Diese Figuren spielen in der Erzählung stets die untergeordnete Rolle, ihre Charaktere sind weniger komplex als die weißer Protagonisten. "Shirleys Stimme wird richtiggehend marginalisiert in Green Book", schreibt Obenson.

Die Oscars 2019 bildeten diese Schieflage unfreiwillig ab: Viggo Mortensen wurde als Bester Hauptdarsteller nominiert, Mahershala Ali als Bester Nebendarsteller (er gewann). Und das, obwohl es in dem Film um das Leid eines schwarzen Mannes im rassistischen Amerika geht.

*Bei dem Link zum Angebot von Amazon handelt es sich um einen sogenannten Affiliate-Link. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision.

Das könnte dich auch interessieren

Angebote zum Thema

Kommentare

Aktuelle News