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Mein Herz für Klassiker

Ich, der Zauberer von Oz und ein Rausch der Farben

15.04.2011 - 17:50 Uhr
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Der Zauberer von Oz
© Neue Visionen Filmverleih
Der Zauberer von Oz
Diese Woche widmen wir uns einem Klassiker des Hollywood-Musicals. Der Zauberer von Oz hat 1939 Judy Garland schlagartig berühmt gemacht und ist auch heute noch ein großartiger Film, nicht bloß für Kinder.

Der Zauberer von Oz in der Musical-Version von Victor Fleming ist inzwischen 72 Jahre alt. Doch die Adaption des Kinderbuchs “The Wonderful Wizard of Oz” von Lyman Frank Baum ist keineswegs verstaubt oder altbacken, sondern begeistert immer noch mit ihren eingängigen Stücken und der großartigen Farbdramaturgie. Mehr noch: Der Zauberer von Oz ist zu einem Klassiker der Popkultur geworden, deshalb verschenke ich heute Mein Herz für Klassiker an diesen Film.

Warum ich dem Zauberer von Oz mein Herz schenkte
Anders als vielleicht zu erwarten, habe ich den Zauberer von Oz zum ersten Mal nicht als Kind, sondern erst mit 20 Jahren in einer Musical-Reihe im Kino gesehen. Rückblickend verstehe ich nicht mehr, wie ich so lange ohne diesen Film auskommen konnte. Natürlich hatte ich schon mal “Somewhere Over the Rainbow” gehört. Natürlich wusste ich, dass Dorothy eine Vogelscheuche, einen Blechmann und den feigen Löwen trifft. Doch das alles hat mich nicht auf mein Erlebnis im dunklen Kinosaal vorbereitet. Nach der Rahmenhandlung im schwarz-weißen Kansas hat mich das knallbunte Land von Oz völlig überwältigt. Die gelbe Straße, die roten Schuhe, selbst die grünen Pflanzen – das alles hatte ich in so einer Intensität einfach noch nie gesehen. Für neunzig Minuten war ich gefangen in einem Strudel von Farben und Musik. Zum ersten Mal hat es mich gestört, dass ich als Zuschauer im Kino still sitzen und leise sein soll. Ich wollte aufstehen, mitsingen und auch in Richtung Smaragdstadt hüpfen. Mit dem Kopf voller Melodien und Bilder bin ich am Ende nach Hause gegangen und war für immer verzaubert.

Warum auch andere Der Zauberer von Oz lieben werden
Wer auch nur den geringsten Sinn fürs Fantastische hat, wird von Der Zauberer von Oz einfach mitgerissen sein. Der Film spricht mit den verrückten Szenen im Munchkin-Land und all seinem Farbüberschwang das Kind in jedem von uns an. Neben diversen Ohrwürmern voller grandioser Reim-Albernheiten, hat er aber mit Margaret Hamilton als böse Hexe des Westens auch eine der tollsten, fiesesten und grünsten Widersacherinnen der Filmgeschichte zu bieten. Diese Hexe hat sogar geflügelte Affen als Handlanger. Da macht es einfach unglaublichen Spaß, zu zu schauen.
Doch Der Zauberer von Oz ist mehr als die fröhliche Verfilmung einer Kindergeschichte. Seine unvergessenen Protagonisten – die Vogelscheuche, der ein Gehirn fehlt, der arme Blechmann ohne Herz, der viel zu freundliche Löwe, der gern der mutige König der Tiere sein möchte, und Dorothy auf nach dem Weg zurück nach Hause – sind zwar keine akribischen Charakterzeichnungen. Aber mit ihrer Suche vermitteln die Figuren auf charmant Weise eine simple Aussage über Freundschaft. Manchmal braucht ein jeder von uns erst einen Anstoß von außen, um die eigenen Fähigkeiten und Qualitäten erkennen zu können. Das klingt ein bisschen kitschig? Der Zauberer von Oz ist ein Musical! Musicals dürfen kitschig sein.

Warum Der Zauberer von Oz einzigartig ist
Eine ganze Reihe von hochkarätigen Regisseuren hat an Der Zauberer von Oz mitgewirkt. Allen voran Victor Fleming, aber auch George Cukor und King Vidor waren an der Realisation beteiligt. Sie alle haben den Film zu einem Technicolor-Meilenstein gemacht, der den historischen Wechsel vom Schwarz-Weiß- zum Farbfilm auch noch in den eigenen Bildern zelebriert. Victor Fleming hat übrigens noch am Schnitt von Der Zauberer von Oz gearbeitet, während er schon Vom Winde verweht drehte. Sowohl Der Zauberer von Oz als auch Vom Winde verweht waren 1939 für den Oscar als bester Film nominiert, letzter hat ihn aber gewonnen.

Auch die Geschichte, wie Judy Garland überhaupt an ihre Rolle kam, ist einzigartig. MGM wollte ursprünglich den Kinderstar Shirley Temple für die Besetzung haben. Die war aber bei 20th Centruy Fox unter Vertrag und sollte von ihrem Studio nur die Dreherlaubnis bekommen, wenn umgekehrt Clark Gable und Jean Harlow das Studio wechselten. Der Deal scheiterte am plötzlichen Tod von Harlow. So war Judy Garland eher eine Verlegenheitslösung, zumal sie mit ihren fast 17 Jahren eigentlich schon viel zu weiblich für die Rolle der kleinen Dorothy aussah. Trotzdem war Der Zauberer von Oz für Garland der Durchbruch und machte sie über Nacht zum Musical-Star.

Warum Der Zauberer von Oz die Jahrzehnte überdauert
Die Frage, warum Der Zauberer von Oz auch für die nachfolgenden Generationen sehenswert geblieben ist, lässt sich auf verschiedene Arten beantworten. Vor allen Dingen hat der Film mitten in seinem fantasievollen Farbrausch Judy Garland unsterblich gemacht und mit “Somewhere Over the Rainbow” zudem noch Musikgeschichte geschrieben. Entscheidend für die anhaltende Populariät des Musicals ist auch der große und mächtige Oz selbst. Der ist nämlich in Wirklichkeit nur ein alter Mann hinter dem Vorhang, der sich mit Tricks und viel Getöse größer macht, als er ist. Dorothy aber zeigt uns, dass wir uns nicht scheuen sollen, hinter die Fassade zu blicken. Sie enthüllt mit investigativem Blick die wahre Identität des Zauberers, der plötzlich gar nicht mehr furchteinflößend ist. Am Ende sehen wir, dass Dorothy mit diesem veränderten Blick aus dem Lande Oz zurückkommt. Wieder daheim in Kansas erkennt sie ihre fantastischen Gefährten in den Menschen um sie herum wieder.

Nicht zuletzt ist Der Zauberer von Oz zu einer unglaublich beliebten Referenz der Popkultur geworden. Die Liste der Serien und Filme, die Anspielungen an Dorothys Abenteuer beinhalten, ist nahezu endlos. Das vielleicht bekannteste Zitat findet sich in den Simpsons: In der Folge mit dem deutschen Titel “Homer liebt Mindy” wird der fiese Charakter von Mr. Burns dadurch unterstrichen, dass er, genau wie die böse Hexe des Westens, fliegende Helfer-Affen in Pagenuniform sein Eigen nennt. Aber auch David Lynch hat in seinem Film Wild at Heart deutliche Bezüge auf den Der Zauberer von Oz eingebaut.

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