Jeder Narcos-Fan sollte Birds of Passage sehen (und alle anderen auch)

Birds of Passage
© Snowglobe Films
Birds of Passage
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Eben stand Martin Scorsese noch auf der Bühne, um einen Preis für sein Lebenswerk entgegenzunehmen. Da hallen Schüsse in der Wüste. Blut verrinnt im Sand. Feuer bäumt sich zum endlosen Blau des Himmels auf. Der lukrative Handel mit Marihuana bringt auch im kolumbianischen Beitrag Birds of Passage Tod und Verderben. Es ist der Eröffnungsfilm der Directors' Fortnight, einer unabhängigen Reihe im Rahmen des Festivals von Cannes, die dieses Jahr ihr 50-Jähriges feiert. Scorsese ist Teil ihrer Geschichte. 1974 war er zum ersten Mal bei dem Festival, um in der Directors' Fortnight Hexenkessel zu zeigen. Jahrzehnte später fand er sich begleitet von stehenden Ovationen auf der Bühne ein, bewundernd beäugt von Céline Sciamma, Bertrand Bonello, Jacques Audiard und anderen, die ihm als Vertreter der Gesellschaft der Filmregisseure (SRF) die Carrosse d'Or überreichten. Im Anschluss eröffneten die mit Marihuana beladenen Zugvögel das Programm. Birds of Passage ist eine bildgewaltige Familiengeschichte, in der das Aufkommen des Drogenhandels in Kolumbien anhand eines indigenen Klans erzählt wird. 9-Millimeter-Pistolen treffen auf uralte Stammesrituale in der Wüste. Dieser berauschende Film hätte einen Platz im Wettbewerb der Filmfestspiele verdient. Andererseits hätte es dann nie diese Scorsese-Schnittstelle gegeben.

Birds of Passage ist eine willkommene Abwechslung in der Drogenthriller-Flut

Im oscarnominierten Der Schamane und die Schlange thematisierte Co-Regisseur Ciro Guerra den Kontakt der indigenen Völker mit christlichen Missionaren und Händlern im Amazonas-Gebiet Kolumbiens Anfang des 20. Jahrhunderts. Birds of Passage räumt ihnen demgegenüber nur Nebenrollen ein. Ein paar flaumige Friedenskorps-Gesichter sind nämlich die ersten Abnehmer für den improvisierenden Marihuana-Händler Raphayet (José Acosta). Als Mitglied des Wayuu-Volkes, aber aufgewachsen bei Auswärtigen, steht er zwischen den Welten. Ohne Familie muss er sich unter den Wayuu Respekt verschaffen, als er um die Hand von Zaida (Natalia Reyes) anhält. Die Mitgift von zig Ziegen und Kühen will finanziert werden. Da kommen die Amerikaner gelegen, die im Kolumbien von 1968 gegen den Kommunismus in Südamerika mobilisieren sollen, aber stattdessen am Strand kiffen. Einem anderen Wayuu-Klan kauft "Raffa" das Gras ab, der Deal geht chillig über die Bühne. Raphayet vollendet den Schritt zum Drogenhändler. Er hat Geschmack gefunden am Kapitalismus. Die Ladungen werden größer, Esel durch Jeeps ersetzt, die von Männern mit Gewehren flankiert werden. Die kommen zum Einsatz.

Ein unkontrollierbarer Freund - sein eigener Joe Pesci - wird für Raphayet zur ersten Bewährungsprobe als angehender Drogenbaron. Birds of Passage nimmt in seinen fünf Kapiteln einige Versatzstücke des Drogenthrillers auf, darunter außer Kontrolle geratene Freunde und Familienmitglieder, deren "Befriedung" die wachsende Gewissenlosigkeit des Helden untermauert. Scarface und Der Pate liegen näher, als der indigene Kontext vermuten lässt. Trotzdem entwickelt sich Birds of Passage zu einer symbolischen Rückeroberung des Genres und das auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Ob im technokratischen Thriller-Modus eines Sicario oder der Blingbling-Gewalt, die Staffel um Staffel von Narcos am Leben erhält: Die Machenschaften der Kartelle in Mittel- und Südamerika befruchten die Fantasie ihrer Zuschauer wie nur wenige andere erzählerische Suchtstoffe. Netflix spült alle paar Wochen eine Produktion darüber in seinen Katalog. Die Narcos-Süchtigen wollen auch mit Content gefüttert werden, während die neue Staffel produziert wird. Ein sprichwörtlicher Raubtierkapitalismus vor exotischer Kulisse lockt die Zuschauer. Es sind "wahre Geschichten" von mit Drogengeld finanziertem Reichtum und Gewalt, die sich in korrumpierten, gesetzesfreien Handelsräumen abspielen.

Ein Drogenthriller in einem mythischen Weltgefüge

Birds of Passage kehrt zu den Wurzeln des ersten Drogenbooms in Kolumbien zurück, der tatsächlich dank der logistisch gut vernetzten Wayuu und anderer Volksgruppen entstand, als sich Pablo Escobar noch mit Diebstahl über Wasser hielt. Nur entwickelt sich die zwei Jahrzehnte umspannende Geschichte in einer Gesellschaft, die von archaischen Riten zusammengehalten wird. Mehr Gesetz geht nicht. Diese Riten werden durch den wachsenden Reichtum zersetzt. Auch in diesem Film erzählen Ciro Guerra und seine Co-Regisseurin und Produzentin Cristina Gallego vom Verfall dieser Volksgruppen nach der Erweiterung ihrer engmaschigen Welt - früher durch Missionare und Händler, 1968 durch die weitgehend unsichtbaren Drogenkäufer im Norden. Interessanterweise sind es diese Maschen, diese jahrhundertealten Riten, welche Raphayet auf Dauer Drogenhandel und Prosperität ermöglichen.

Das archaische Weltgefüge der Wayuu schreibt sich in Erzählung und Bildsprache ein. Die Weite der Landschaft hängt auf den Schultern von Raphayet und seiner Familie. Es sind überhöhte, mythische Räume, die sich in den Bildern von Kameramann David Gallego herausschälen aus der kolumbianischen Natur zwischen Dschungel und Staub. Da stehen die Männer mit ihren Gewehren wie die Schatten ihrer Krieger-Vorfahren aus früherer Zeit. Auch sie werden in den Krieg ziehen, nur wird ihr Kriegspfad ein pervertierter sein, erst gesteuert von Rache, dann von fremden Kräften. Wirklich subversiv zeigt sich Birds of Passage - wenn wir die Regeln des Genres beachten - in der Figur des Raphayet selbst. Der bringt alles mit für die Aufstieg-und-Fall-Geschichte. Fehlen nur noch Maschinengewehre und Marihuana-Haufen auf dem Schreibtisch. Als wahre Führerin stellt sich jedoch seine Schwiegermutter Ursula (Carmina Martinez) heraus, die über Riten wacht, Träume liest und Vergeltungsschläge orchestriert. Mit einem Wimpernschlag könnte sie jeden Scorsese-Macker bezwingen.

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