Jojo Rabbit: Taika Waititi stört als Hitler seinen eigenen Film

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© 20th Century Fox
Jojo Rabbit und Hitler
25.01.2020 - 13:00 UhrVor 9 Monaten aktualisiert
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Mit Jojo Rabbit startete am Donnerstag Taika Waititis Nazisatire samt imaginärem Hitler in die Kinos. Doch der Auftritt des Regisseurs fügt sich nicht so nahtlos in den Film ein wie erhofft.

Ich mag Taika Waititi. Ich mag seine Energie, ich mag seine Filme, ich mag seinen Humor. In Jojo Rabbit musste ich beim Kinobesuch allerdings erstaunt feststellen, dass er für mich der größte Fremdkörper seiner eigenen Geschichte war.

Taika Waitit spielt im 6-fach oscarnominierten Jojo Rabbit nämlich Adolf Hitler, oder besser: einen imaginären Hitler, der nur im Kopf eines kleinen Jungen (Roman Griffin Davis) existiert. Dieser Junge, Jojo Rabbit, ist ein glühender Verehrer des Führers, findet jedoch heraus, dass eine Mutter (Scarlett Johansson) eine Jüdin in ihrer Wohnung versteckt.

Jojo Rabbit, Hitler und Mutter

So weit, so gut. Im Laufe des Films fällt allerdings auf:

  • Taika Waitit schraubte die Erwartungen an seinen Hitler in Jojo Rabbit hoch. Zu hoch.
  • Jojo Rabbits Hitler erfüllt im Film keine echte Funktion und kommt damit über seinen Status als willkürliche Witzfigur nicht hinaus.
  • "Adolf" unterbricht den Lauf der Geschichte und führt uns damit nicht durch eine runde Story, sondern vielmehr in die Irre.

Erstmal keine schlechte Idee: Jojo Rabbit trifft Hitler

Da es zu den Elementen einer Komödie bzw. Satire gehört, Situationen und Figuren zu überzeichnen, ist für mich die Einführung eines imaginären Hitler-Freundes für einen Film wie Jojo Rabbit zunächst erstmal ein sehr verlockender Einfall.

Nachdem die ersten Meldungen zur verrückten neue Idee des Ausnahmeregisseurs Taika Waititi im Sommer 2018 die Runde machten, konnte ich mir den Neuseeländer noch perfekt als idealen schreiend komischen Hitler vorstellen. Der erste Trailer ein Jahr später untermalte diesen Eindruck eines bizarren Vergnügens.

Jojo Rabbit & Taika Waititi als Adolf

Sich als Deutsche/r auf eine Komödie im Dritten Reich einzulassen, wenn dieses dunkle Kapitel wohl das größten Trauma der landeseigenen Geschichte ist, mag nicht jedem leicht fallen. Doch manchmal ist Humor ja bekanntlich die beste Medizin. Nachdem zuletzt hiesige Filme wie Er ist wieder da versucht hatten, die Figur des Hitler ins Lächerliche zu ziehen, war ich gespannt auf den internationalen Umgang mit dem Mit-Lachen-gegen-Nazis-Ansatz.

Dass Taika Waititi für Jojo Rabbit Regisseur und Hitler in Personalunion sein wollte, sagte viel über seine Herangehensweise für die Rolle aus. Gegenüber der Times of Israel  zitierte er nicht zuletzt Charlie Chaplins 80 Jahre zurückliegenden großen Diktator als Inspirationsquelle. Zu Beginn der Dreharbeiten ließ er über Twitter außerdem verlautbaren, es gäbe "keinen besseren Weg, Hitler zu beleidigen, als ihn durch von einem polynesischen Juden darstellen zu lassen".

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Meine Erwartungen an Jojo Rabbit und seine ungewöhnliche Hitler-Auslegung nach diesem aufregenden Vorspiel waren entsprechend hoch. Doch im fertigen Film sah dann alles etwas anders aus.

Taika Waititis Hitler führt Jojo Rabbit in die Irre

Als wir "Adolf" in Jojo Rabbit kennenlernen, ist es noch lustig, wie Taika Waititi mit offensichtlich eingesetzten blauen Kontaktlinsen und aufgeklebtem Oberlippenbärtchen in die Rolle des Hitler schlüpft. Doch je mehr Auftritte als imaginärer Begleiter er hinlegt, desto stärker bekomme ich den Eindruck, dass er die Steilvorlage seiner witzigen Ausgangsidee nicht richtig nutzen kann.

Nur Jojo kann seinen Hitler sehen. Daraus könnten jede Menge lustige Situationen erwachsen. Doch es erzeugt vielmehr losgelöste, fast willkürlich eingestreute Momente zwischen den beiden, die mich als Zuschauer aus dem restlichen Fluss des Films herausreißen.

Eine der wenigen geteilten Szenen: Jojo Rabbit mit Elsa und Hitler

Diese Szenen mögen für einen kurzen Moment amüsieren, doch sie sind eine unnötige Irreführung, denn im Mittelpunkt der Geschichte steht nicht die Beziehung eines Jungen der Hitlerjugend zu seinem eingebildeten Führer-Freund, sondern Jojos Verhältnis zu der in seinem Haus versteckten Jüdin Elsa (Thomasin McKenzie). Dass die Hitler-Auftritte davon immer wieder ablenken, tut dem Film für den Eindruck eines stimmigen Gesamtbildes keinen Gefallen.

Jojo Rabbit zeigt das verschenkte Potenzial einer ungaren (Vater-)Figur

Nicht mal der Vater-Komplex, der sich durch viele von Taika Waititis Filme zieht, wird hier mittels Hitler wirklich ausgelotet. Wir lernen Jojo Rabbit als Sohn mit abwesendem Vater kennen, der allein mit seiner Mutter aufwächst. Zur Projektionsfläche kindlicher Sehnsüchte nach dem vermissten Elternteil wird der selbst erschaffene Hitler nicht.

Anders als die (Ersatz-)Väter in Waititi-Filmen wie Boy und Wo die wilden Menschen jagen scheint Jojo seinen Fake-Hitler zwar auf kindliche Weise zu verehren, wie es ihm beigebracht wurde, doch in die spannende Lücke der fehlenden Vaterfigur springt dieses Trugbild nie wirklich.

Der Vater der deutschen Nazi-Nation bleibt Slapstick-Figur, deren einzig erkennbare Funktion es trotz seiner über den gesamten Film gestreuter Auftritte bleibt, sich am Ende von ihr loszusagen.

Jojo Rabbit redet mit seinem Hitler

Adolf interagiert nicht genug mit den anderen Elementen der Geschichte. Vielleicht liegt es daran, dass Taika Waititi mit seiner Regie schon genug zu tun hatte, aber er wirkt immer nur halb anwesend und das nicht nur, weil er imaginär ist.

Sein Hitler fällt mit seiner Präsenz im Film in ein ungares Mittelfeld: Waititis Hitler verschwindet zwischendurch ganz aus der Geschichte und taucht damit zu wenig auf, um zur richtigen Figur zu reifen, aber zu häufig, um nur ein witziger Gastauftritt zu bleiben.

Hitler ist in Jojo Rabbit leider ein Störfaktor

Durch diese abwechselnde An- und Abwesenheit, fühlt Jojo Rabbit sich mitunter recht holprig an. Denn Taika Waititis Auftritte, fast schon möchte ich sagen: Unterbrechungen, kommen gerade oft genug vor, um störend von der wichtigeren Geschichte zwischen Elsa und Jojo, zwischen Jojo und seiner Mutter und sogar zwischen Jojo und der restlichen (realen) Nazi-Belegschaft abzulenken.

Dieses Gefühl eines sich in den Film drängelnden Störenfrieds, mag zum Teil auch daher rühren, dass in der dem Film zugrunde liegenden Buchvorlage kein Hitler vorkommt. Caging Skies von Christine Leunens ist außerdem anders als die Komödie Jojo Rabbit ein thematisch ernstes Buch.

Jojo Rabbit: Taika Waitit als falscher vor echtem Hitler

Vielleicht wollte Taika Waitit in seinem Hitler-Clown eine Brücke zwischen der dramatischen Vorlagengeschichte und dem neuem Genre schlagen. Doch auf diese Weise verfängt sich Jojo Rabbits eigentlich ernsthafte Botschaft im Stacheldraht seines Humors, den ich sonst so liebe.

Am Ende ist das Schwanken zwischen lustigen Situationen, die sich ungleichmäßig über ernsthafte Themen legen, symptomatisch für den gesamten Film. Ich habe viel zu lachen, wenn ich Jojo Rabbit schaue, keine Frage. Aber eine Gefühlstiefe oder der Eindruck eines runden Films geht dabei spätestens dann verloren, wenn plötzlich unerwartet harte Szenen um die Ecke kommen, die auch ein blödelnder Hitler nicht satirisch durchwinken kann.

Wie habt ihr Taika Waitits Hitlerfigur in Jojo Rabbit wahrgenommen?

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