Kinojahr 2015 - Das Jahr der aufgewärmten Franchise

Terminator 5, Mad Max 4, Star Wars 7, Jurassic World
© Paramount, Warner, Disney, Universal
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Aufgewärmt schmeckt nur Sauerkraut gut.

Als meine Tante mir vor 11 Jahren auf einem Balkon im schweizerischen Lausanne diese Weisheit offenbarte, dachte sie bestimmt nicht an Film-Franchises, Box Office-Zahlen und Tentpoles. Doch ich musste in diesem Kinojahr 2015 oft an ihren Satz denken, vor allem als mir Mad Max: Fury Road, Jurassic World, Terminator 5: Genisys und zuletzt Star Wars: Episode VII - Das Erwachen der Macht im Kino vorgesetzt wurden. Das Kinojahr 2015 war in fester Hand des unmündigen Franchise-Blockbusters, der zwischen Hommage und Heuchlerei balanciert.

Die vier Genannten entspringen einer Action-Abenteuer-Tradition mit Sci-Fi-Elementen, haben mindestens drei Vorgänger-Filme und begannen im vergangenen Jahrhundert, wo sie anfänglich von der Kritik gut besprochen wurden oder gelten zumindest heute als Klassiker. Sie sind mit einem ganz bestimmten Namen verbunden (George Miller, Steven Spielberg, James Cameron, George Lucas) und Mad Max: Fury Road ist der einzige, wo der Schöpfer auch bei der neuen Auflage die treibende Kraft war. Warner, Universal, Paramount und Disney haben bei ihrem ganz eigenen Koch-Duell jeder ein Franchise aufgewärmt, jeder auf seine Weise, und versucht, alte und neue Fans zu vereinen. Geklappt hat das nicht immer, doch es gibt Ausnahmen.

Mad Max: Fury Road erfrischt

George Miller hat in einer beschwerlichen Produktionsgeschichte das Franchise neu erfunden und ins 21. Jahrhundert befördert, wo 'gut gemeint' nicht mehr ausreicht. Mad Max: Fury Road hat den Hype-Zug angeheizt mit spektakulären Bildern einer Wüstenschlacht, die es so noch nicht gab - fernab von jeglicher Großstadt-Zerstörung, wie sie bei den Superhelden zum guten Ton gehört. Doch der eigentliche Kniff von Miller ist, den Titelhelden Mad Max für die Geschichte beinahe obsolet zu machen, denn der Film gehört den Frauen - allen voran Charlize Theron, die als Furiosa misshandelte Brutmaschinen befreit. Miller hat zwar das Setting und die Welt beim Alten belassen, doch die Charaktere, die Geschichte, die Aussage des Films und die Kraft der Bilder sowie die Möglichkeiten der Action-Inszenierung wurden auf den neusten Stand gebracht. Kritiker auf der ganzen Welt danken es und Mad Max erfreut sich derzeit eines Nominierungs- und Preis-Regens. Auch auf moviepilot ist diese Geschmacksexplosion in einigen Toplisten und kann sowohl bei Kritikern als auch der Community eine 7,9 vorweisen.

Der Terminator rostet ein

Der fünfte Terminator-Titel ist in vielen Punkten das genaue Gegenteil von Mad Max: Fury Road und baut fest darauf, dass Fans sich mit der Mythologie des Franchise auskennen. Anstatt eine neue Geschichte zu erzählen, wird die alte halbgar durcheinandergewirbelt. Als ich im Juli 2014 Terminator 5-Regisseur Alan Taylor interviewte, wollte ich wissen, ob es sich denn um ein Reboot handle, doch ich bekam keine Antwort, nur ein schelmisches Grinsen. Tatsächlich ist Terminator 5: Genisys ein verwirrendes Mischmasch aus alter Geschichte, alten Charakteren und neuen Zeitreise-Wirrungen, quasi eine Art "Rebooquel". Mit Arnold Schwarzenegger als graumelierter Held und ultimative Vaterfigur ist zwar Wiedererkennungswert gegeben, doch die Produzenten haben hier einen blassen PG-13-Blockbuster geschaffen, der ein paar Anspielungen an das Original aufweist, die jedoch beim jungen Zielpublikum völlig vergebens sind. Weder die Kritiker noch das Publikum waren überzeugt.

Jurassic World und Star Wars buhlen um Gunst alter Fans

Wenn Mad Max: Fury Road für Innovation steht und Terminator 5: Genisys für das Wirrsal, dann ist Jurassic World der zynische und Star Wars 7 der nostalgische Blick in die Vergangenheit. Auch Jurassic World bringt mit BD Wong als Henry Wu einen Originaldarsteller wieder, setzt jedoch nicht darauf, dass die alten Filme bekannt sein müssen und wirkt bei genauem Hinsehen wie ein gewitzter Nachdreh von Jurassic Park. Der Film hält unzählige Easter Eggs und altbekannten Plotpoints für die Fans bereit. Wie der Film an sich muss auch im Dinosaurier-Park ein neuer Hybrid erschaffen werden, der größer und furchteinflößender ist, denn der T-Rex und Jurassic Park haben ausgesorgt, wie ein Zitat der Protagonistin in Jurassic World untermalt:

We needed something scary and easy to pronounce.

Ob sie damit Jurassic World an sich mein, darf jeder selbst entscheiden. Die Filmcharaktere stehen sich gegenüber, als würden sie die Positionen von größenwahnsinnigem Studio, nostalgischen Fans, jungem Fan-Nachwuchs und geldgierigen Produzenten vertreten. Die Hommage ans Originelle und Handgemachte aus Jurassic Park ist unübersehbar, selbst bietet der Film es aber kaum. Auch die beiden Hauptcharaktere muten als ehrgeizige Frau und cooler Mann wie Prototypen heutiger Blockbuster-Helden an. Das macht den Film global verständlich und das Studio dankt. Jurassic World hatte bis zum Start von Star Wars: Episode VII - Das Erwachen der Macht das weltweit erfolgreichste Startwochenende aller Zeiten und spielte am Ende insgesamt 1,67 Milliarden US-Dollar ein - die Kritiken waren gemischt, aber immer noch besser als die Stimmen zu Terminator.

Auch Star Wars 7, der im Dezember Jurassic World den Startrekord abluchste, ist vorrangig daran interessiert, seine eigene Vergangenheit zu loben, als eine neue Geschichte zu erzählen. Die Original-Stars rund um Harrison Ford sind zurück und auch sonst ist schon alles einmal dagewesen. Regisseur J.J. Abrams scheint mehr darauf erpicht zu sein, es den Fans der ersten Stunde recht zu machen, als die neuen Fans mit auf eine Reise zu nehmen. Der Fanservice war nie größer und die Nostalgie nie ertragreicher. Anstatt neue Gerichte zu kreieren, soll es so schmecken wie damals bei Mama.

Mikrowellen-Blockbuster

Der enorme Erfolg von Jurassic World und Star Wars 7 gibt den Studios natürlich recht, dass ausgiebige Hommagen an Kultfilme gut ankommen, aufgewärmte Mikrowellen-Blockbuster sozusagen. Doch das geht wie immer auf Kosten der Originalität. Haben bald Blockbuster nur noch Daseinsberechtigung, wenn sie ihre Franchise-Tradition thematisieren? Mad Max: Fury Road scheint dies als einziger zu verneinen und ist nicht zuletzt deshalb einer der spannendsten Blockbuster des Jahres. Wir können nur hoffen, dass sich manche davon ein Scheibchen abschneiden. Bon appétit!

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