Lars von Trier dem Spieler zum 60. Geburtstag

Lars von Trier auf der Berlinale 2014
© Siebbi (Lars von Trier) [CC BY 3.0], via Wikimedia Commons, Ausschnitt aus dem Original
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Etwas ist faul im Staate Dänemark. Nicht erst seit der berüchtigten Cannes-Konferenz 2011 gilt Ausnahme-Regisseur Lars von Trier als enfant terrible seiner Zunft. Heute feiert das skandalumwitterte Genie seinen 60. Geburtstag. Das ist uns Anlass genug, seine ach so depressiven Filme auch einmal für ihren irrsinnigen Humor zu loben. Denn: In Wahrheit ist Lars von Trier ein verkannter Komiker, der ständig seinen Schabernack mit Kritikern und Publikum gleichermaßen treibt.

Filmtitel wie Antichrist, Melancholia oder Nymphomaniac beschwören nicht gerade das Bild eines Menschen herauf, der mit sich und seiner Umwelt im Reinen ist. Wenn diese Filme dann auch noch zur "Trilogie der Depression" zusammengefasst werden, liegt der Verdacht nahe, dass wir es hier mit den kreativen Ergüssen eines psychisch erkrankten Egomanen zu tun haben. Doch weit gefehlt. Trotz oder gerade wegen ihrer heiklen Thematiken enthalten Lars von Triers Filme zahlreiche Schenkelklopferszenen, deren Humor uns die unerträgliche conditio humana ein wenig erträglicher macht.

Antichrist zum Beispiel wurde aus diversen Lagern Frauenfeindlichkeit und Sexploitation vorgeworfen, aber können wir einen Film, in dem ein sprechender Fuchs vorkommt, tatsächlich für bare Münze nehmen?


Was im Übrigen eine ironische Referenz auf eine ähnliche Szene in Die letzte Versuchung Christi ist, in der Willem Dafoe es mit einem sprechenden Löwen zu tun bekommt, sollte uns zumindest stutzig machen, dass seine Filme vielleicht doch gar nicht so todernst sind, wie wir gedacht haben. Dank Lars von Trier und seinem fantastischen Mr. Fox wissen wir jetzt endlich auch, wie die von Ylvis gestellte Frage aller Fragen zu beantworten ist.


Mal von der Tatsache abgesehen, dass der Nachfolger Melancholia mit dem Ende der Welt beginnt, bietet er die wohl bitter-komischste Feierlichkeit seit Das Fest von seinem Dogme 95-Kollegen Thomas Vinterberg. Die depressive Justine (Kirsten Dunst) lädt auf dem prunkvollen Anwesen ihrer Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) zur hochtrabenden Hochzeit. Dass so etwas nur in der Katastrophe enden kann, ist eigentlich schon klar, als die viel zu lange Limousine alle Mühe hat, überhaupt dort anzukommen. Die nicht enden wollende Farce verkommt zum Jahrmarkt der Eitelkeiten und Justine verkriecht sich als sediertes Gemüse zum unehelichen Stelldichein, während Wedding Planner Udo Kier alle Mühe hat, die Gäste bei der Stange zu halten. Spätestens, wenn er sich dann hysterisch mit dem an Tommy Wiseau gemahnenden Spruch "SHE'S RUINED MY WEDDING" abwendet, dürfte uns einleuchten, warum Lars von Trier Melancholia einst als Komödie bezeichnete.


Nymphomaniac, das in zwei Teile gespaltene Finale der Depressions-Trilogie, ist vielleicht der witzigste Film, den Lars von Trier bisher inszeniert hat. Bereits in frühen Filmen wie Dancer in the Dark und Dogville hat er mit der humorvollen Wirkung des Soundtracks experimentiert, aber die Vermischung hämmernder Metalriffs von Rammstein mit den barocken Klängen eines Johann Sebastian Bach stellt diese Vorläufer noch in den Schatten. Diesbezüglich kann ihm nur Quentin Tarantino das Wasser reichen. Auch kann man dem Werk keineswegs mangelnde Sensibilität vorwerfen. Zwar geizt der Film nicht mit überlangen Aufnahmen männlicher und weiblicher Genitalien, aber die distanzierte Off-Stimme der Protagonistin Joe verleiht dem hypersexualisierten Leinwandgeschehen stets einen humorvollen Beigeschmack. So überlegt sie etwa, ob die Anzahl der Stöße während ihrer Entjungerfung wohl mit der Fibonacci-Folge zusammenhängen könnte.


Aber die wohl herzzerreißend komischste Szene in Nymphomaniac hat Uma Thurman, die als geprellte Ehefrau Mrs. H eines Tages vor Joes Haustür aufkreuzt - samt untreuem Gatten und ihren drei jungen Söhnen, um sich das Sündennest zeigen zu lassen, in dem der Ehebruch vollzogen wurde. Obwohl Thurman keine zehn Minuten in dem Film zu sehen ist, gibt sie eine der gelungensten Darbietungen ihrer Karriere zum Besten, die so peinlich und demütigend ist, dass man eigentlich nur laut darüber lachen kann.


Natürlich ist Lars von Trier kein leicht verdaulicher Regisseur, doch würde es zu kurz greifen, sein Werk als pseudo-intellektuelles Profanitätenspektakel abzutun. Das sagt im Grunde doch bloß aus, dass er mit seinen Filmen stets einen Nerv trifft. Wer genau hinsieht, der erkennt in Lars von Trier einen bitterbösen Schelm, der nie müde wird, seine Lausbubenstreiche auf Kosten der Zuschauer zu veranstalten.


Herzlichen Glückwunsch zum 60. Geburtstag, Lars von Trier, und beehre uns bald wieder!

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