Zürich Film Festival 2015

Neonazis vs. Punks in Jeremy Saulniers Green Room

Green Room (Jeremy Saulnier, 2015)
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2013 begeisterte Regisseur Jeremy Saulnier mit Blue Ruin sowohl die Kritiker als auch das Publikum. Nun meldet er sich mit seinem Nachfolgewerk, Green Room, auf der großen Leinwand zurück. Während er sich in Blue Ruin überwiegend im Genre des Psychothrillers und Horrorfilms inklusive Westernelementen und Rachemotiv austobt, geht es nun ums reine Überleben im Hinterland. Der Backcountry-Thriller wird also immer noch großgeschrieben bei Jeremy Saulnier.

Genauso wie Blue Ruin verkommt Green Room allerdings zu keiner unfruchtbaren Wiederbelebung oder uninspirierten Hommage einer Gattung, die bereits mehrere Jahre in die Filmgeschichte zurückreicht und dementsprechend ausgiebig bearbeitet wurde. Nein, Jeremy Saulnier gehört zu jenen Genre-Spezialisten, die nicht nur die Mechanik hinter den Filmen verstehen, sondern selbige mit eigener Autorenstimme erst richtig zum Leben erwecken. Wenn irgendwo im Nirgendwo Punks und Neonazis im Rahmen eines unerbittlichen Überlebenskampfs aufeinandertreffen, stolpert die Geschichte zwar über obligatorische Versatzstücke des Backcountry-Survival-Thrillers, weiß diese aber mit unwiderstehlichem Temperament und willkommener Eigeninitiative vorzutragen.

Kein Entkommen aus dem Green Room

Im Mittelpunkt der Geschehnisse von Green Room befindet sich eine Punkband namens Ain't Rights, die in Vergangenheit definitiv mehr Niederlagen als Erfolge einstecken musste. Die Musik reicht kaum aus, um das tägliche Brot zu finanzieren - von genügend Benzin im Tank des Band-Vans ganz zu schweigen. Trotzdem vertrösten sich die einzelnen Mitglieder auf die wenigen Momente, wenn sie auf der Bühne stehen und ihre Songs zum Leben erwecken. Doch selbst dieses Privileg bietet den jungen Idealisten, die naiv und verträumt ihrer Passion folgen, keine langfristige Existenzgrundlage.

Nicht zuletzt wurde der bevorstehende Auftritt abgesagt und nur über ein paar Ecken erlangte die Gruppe kurzfristig noch ein Engagement in einem abgelegenen Schuppen. Zwischen feuchtem Gras und dichter Bewaldung finden sich allerdings nicht nur Rocker und Musikliebhaber wieder, sondern überwiegend Neonazis und Skinheads, die den Laden ihr persönliches Club-Haus nennen. Der Gig findet trotzdem statt und nach einer riskanten Cover-Version von Nazi Punks Fuck Off stimmt die wilde Meute in den Takt der Musiker ein, als würde der Abend trotz offensichtlicher Anspannungen ein friedliches Ende nehmen.

Kurz bevor sich Ain't Rights schon wieder auf dem Sprung befindet bzw. freundlich rausgeschmissen wird, kommt es jedoch zum Dilemma: Gitarristin Sam (Alia Shawkat) vergisst ihr Handy und einer ihrer Kollegen eilt zurück in den Bandraum, um es zu holen. Dort findet er aber mehr, als ihm lieb ist. Die Lage ist verzwickt und ehe sich die Musiker versehen, sind sie im sogenannten Green Room eingeschlossen. Neben einer Leiche sorgt vor allem die Gegenwart eines Henchman und der jungen Amber (Imogen Poots) für zusätzliche Probleme.

Vor allem, als sich Amber kurzerhand dazu entschließt, die Seiten zu wechseln, beginnt die Figurenkonstellation ihr ganzes Potential zu entfalten. Ob Sam, Pat (Anton Yelchin) und Co. ihr allerdings trauen können, steht auf einem anderen Blatt, denn vorerst gilt es, sich gegen die Meute zu wappnen, die wie verrückt gegen die Tür hämmert. Erst als Darcy (Patrick Stewart), seines Zeichens Anführer des Neonazi-Clans, das Spielfeld betritt, entsteht für den Bruchteil einer Sekunde die Illusion von Kontrolle. Schnell wird den Eingesperrten aber klar, dass jegliche Verhandlungstaktik keinen Zweck hat.

Wenn Emotionen im Survival-Horror wieder greifbar werden

Die Panik des Augenblicks ist in Jeremy Saulnier Bildern regelrecht spürbar und dazu gesellt sich ebenfalls eine Angst, die begierig von der sowieso angespannten Situation zuvor zehrt. Nach dem ersten Schock erfolgen jedoch strategische Überlegungen und genauso, wie seine Figuren sich Gedanken um ihr Schicksal machen, lässt Jeremy Saulnier das Geschehen nach der altbekannten wie bewährten Prämisse nicht im Autopilot Richtung Finale driften. Stattdessen gelingt es ihm, mit präzisen Details eine phänomenale Dramaturgie zu erzeugen, die satte eineinhalb Stunden besteht, ehe der Abspann Erlösung verspricht.

Phänomenal ist dies gerade deswegen, weil Jeremy Saulnier seinen Figuren fast beiläufig ein individuelles Eigenleben einhaucht, ohne plump eine herzlose sowie ausschließlich zweckmäßige Backstory aus dem Boden zu stampfen. Und auf einmal ist es nicht mehr egal, wer als nächstes stirbt, sondern mit unheimlicher Spannung und Aufregung verbunden - ja, sogar wahre Emotionen und angemessener Humor finden ihren Weg in den von der Außenwelt gänzlich abgeriegelten Green Room. Das Geständnis der jeweiligen Lieblingsband ist nur einer dieser großartigen Momente, die treffsicher die Stimmung gestalten.

Die Ungewissheit im Green Room nimmt niemals ab, besonders weil Jeremy Saulnier verspielt falsche Fährten streut, gleichzeitig aber den eigentlichen Kern der Geschichte nicht aus den Augen verliert. Nahendes Blaulicht, das Hoffnung auf baldige Rettung verspricht, wird effizient ausgegrenzt, bevor es überhaupt das von Neonazis belagerte Gebäude betreten kann, und auch ein verstecktes Drogenlabor im Keller gliedert sich gekonnt ins Gesamtbild ein. Jeremy Saulnier hat sichtlich Spaß, jeden Winkel des Green Rooms zu erkunden, und bewegt sich dabei so sicher auf engem Raum, dass es eine Freude ist, ihm bei der Arbeit zuzusehen. Die reduzierte Lokalität bietet übersichtliche wie detailverliebte Survival-Action und lässt sich dennoch dynamisch aus- bzw. einklappen, wenn seine Sequenz eines kleineren oder größeren Areals bedarf.

Und dann betritt eine - in ihrer Zusammenstellung genauso außergewöhnliche wie perfekte - Garde an Schauspieler_innen das ordentliche Fundament, um Green Room endgültig in eine mitreißende Achterbahnfahrt zu verwandeln. Neben Imogen Poots, Anton Yelchin und Alia Shawkat lässt insbesondere Patrick Stewart nicht nur sämtliche Rollentypen seiner eigenen Vergangenheit hinter sich zurück, sondern erschafft einen unberechenbaren Bösewicht, der mit nur wenigen Gesten den Thrill-Faktor ins Unerträgliche treibt. Weißer Bart und Brille: Die Worte aus seinem Mund sind dermaßen beruhigend, dass einem ein nur umso kälterer Schauer den Rücken hinunterläuft, wenn realisiert wird, was sich für eine kalkulierende wie gnadenlose Bestie tatsächlich dahinter verbirgt.

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Vielen Dank an das Zürich Film Festival, das 25hours Hotel und Zürich Tourismus für die Einladung.

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